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Nawalny in Moskau verhaftetEin Kuss für die Frau und weg ist er

Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny ist gleich nach seiner Ankunft in Moskau verhaftet worden. Die nächsten 48 Stunden werden über sein Schicksal entscheiden, sagen seine Anhänger.

Die Verhaftung von Alexei Nawalny am Flughafen in Moskau.
AP/Storyful

Er sei glücklich, zu Hause zu sein, sagt Alexei Nawalny nach seiner Ankunft am Flughafen Moskau. Und er habe keine Angst. «Ich hin im Recht. Alle Vorwürfe gegen mich sind konstruiert. Ich fürchte mich nicht. Und jetzt gehen wir zur Passkontrolle.»

Und dort stehen sie dann: Vier oder fünf in dunkle Uniformen gekleidete Männer sind auf der Übertragung des oppositionellen Fernsehkanals «Doschd» zu sehen, offenbar gehören sie der Transportpolizei an. Sie diskutieren mit Nawalny hin und her, dann dreht er sich um, einen Kuss für seine Ehefrau und weg ist er. Die Anwältin ruft hinterher, sie habe alle Papiere bei sich, doch niemand hört auf sie.

Viele russische Beobachter hatten die Verhaftung erwartet. Und wohl auch Nawalny selber, der sich in Deutschland von seiner Vergiftung mit dem Nervengift Nowitschok erholt hatte. Die russische Justiz hatte erklärt, dass er die Auflagen verletzt habe, die ihm wegen seiner suspendierten Haftstrafe gemacht worden seien. Man werde ihn verhaften müssen.

«Auch ich habe keine Angst»

Wie ernst die Lage ist, bleibt zunächst unklar. Seine Ehefrau und seine Anwältin setzen sich bei der Passkontrolle auf eine Bank. Doch dann bekommen sie offenbar neue Informationen und Julija Nawalnaya kämpft sich mit gesenktem Kopf durch die Menge. «Auch ich habe keine Angst», sagt sie, bevor sie sich ins Taxi setzt. «Und ich rufe sie auf, auch keine Angst zu haben.» Nawalny selber bleibt am Flughafen.

Dabei hatte alles so einfach getönt: Er kehre nach Moskau zurück, erklärte Nawalny letzte Woche, er sei wieder gesund. Er werde am Sonntag mit der Airline Pobeda (Sieg) in die Heimat zurückkehren. Die deutschen Behörden hatten ihn in Berlin direkt in das Flugzeug gelotst, wo ihn eine grosse Gruppe Journalisten in Empfang nahm, so dass er sich seinen Platz in die Reihe 13 freikämpfen musste.

Nawalny küsst seine Frau Julia, bevor er von der Polizei festgehalten wird.
Nawalny küsst seine Frau Julia, bevor er von der Polizei festgehalten wird.
Foto: Mstyslav Chernov (Keystone)

Um halb acht Moskauer Zeit hätte er dann landen sollen, auf dem Flughafen Wnukowo im Süden der Hauptstadt, wo jeweils auch hohe Staatsgäste in Empfang genommen werden. Bei seiner Ankündigung hatte er seine Anhänger eingeladen, ihn dort willkommen zu heissen. Es kamen Hunderte. Und wohl fast ebenso viele Polizisten. Den ganzen Nachmittag wurden Verhaftungen gemeldet, 53 seien festgenommen worden, erklärten die Behörden am Abend.

Doch dann hiess es plötzlich, das Flugzeug lande nicht in Wnukowo, sondern im grossen internationalen Flughafen Scheremetjewo ganz im Norden der Stadt. Dorthin zu kommen ist schon an einem normalen Tag schwierig. Dennoch war die Empfangshalle auch hier voller Menschen. Die nächsten 48 Stunden werden für sein Schicksal und das des Landes entscheidend sein, sagen seine Anhänger.

In Russland sind die Meinungen über die Vergiftung des Oppositionsführers gespalten. Viele Russen glauben nicht daran, dass er vom Kreml vergiftet wurde. Seine Erkrankung hat wenig öffentliche Reaktionen ausgelöst. Die nächsten Tage werden zeigen, wie weit die Russen hinter Nawalny stehen. Und wie ernst es dem Kreml ist, Präsident Putins prominentesten Kritiker ins Straflager zu bringen.

77 Kommentare
    Thomas Meier

    Anschläge auf Putin-Kritiker sind etwas alltägliches. Noch alltäglicher ist allerdings jeweils die Kritik aus dem Westen.

    Man droht - öffentlichkeitswirksam - mit der Faust. Und geht zur Tagesordnung über als wäre nie etwas geschehen.

    Dieser Mann muss endlich wirtschaftlich bekämpft werden. Putin versteht nur die Sprache des Geldes. Und da hätte etwa die deutsche Regierung mit der Nord-Stream2 ein wirksames Pfand in der Hand. Doch leider haben weder SPD noch die CDU den Mut, diesen Vertrag zu kippen (einzig der vormalige Kanzlerkandidat Norbert Röttgen spricht sich dafür aus).

    Je länger der Westen zögert, umso ungehemmter geht Putin gegen seine Kritiker vor. Denn er weiss, das er - ausgenommen von lauten Worten - nichts zu befürchten hat.

    Ohne das er es will, macht der Westen Putin nur noch stärker - und gefährlicher.

    Selbst Trump's Aussenminister Mike Pompeo geht jetzt diesen Weg - und droht wenige Tag vor der Absetzung mit "Konsequenzen". Damit erhält Pompeo Pluspunkte in den eigenen Reihen - und Putin lacht sich ins Fäustchen.

    Die Leidtragenden dieser widerlichen Politik sind die Kreml-Kritiker und solche, die es werden wollen.