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Krimi der WocheEin gehörloser Ermittler und viel Blut

Hart, schnell und grausam ist «No Sound – Die Stille des Todes», das Debüt der australischen Autorin Emma Viskic.

Ermittler Caleb Zelic bekommt zu Beginn des Krimis grausige Szenen zu sehen.
Ermittler Caleb Zelic bekommt zu Beginn des Krimis grausige Szenen zu sehen.
Foto. Getty Images

Der erste Satz

Caleb hielt ihn noch immer in den Armen, als die Sanitäter eintrafen.

Das Buch

Blut, überall Blut. Als Caleb auf den SMS-Hilferuf seines Freundes Gary reagiert, ist es zu spät. Gary ist regelrecht abgeschlachtet worden. Gefoltert. Alle Finger gebrochen. Aufgeschlitzt. Scott sei hinter ihm her, hat er noch gesimst. Offenbar hat es mit dem Fall zu tun, bei dem der private Ermittler Calib Zelic seinen Freund Gary, der bei der Polizei arbeitet, um Hilfe gebeten hat. Es geht um Raubzüge auf ein Lagerhaus. Doch niemand weiss, wer Scott ist.

Der Auftakt des Krimi-Debüts der australischen Autorin Emma Viskic ist furios. Und ebenso hart und schnell geht es weiter, bis es in einem Lagerhaus in Melbourne zum brutalen Showdown kommt. «No Sound – Die Stille des Todes» ist der etwas seltsame deutsche Titels des Romans, der im Original nach einem der Schauplätze «Resurrection Bay» heisst, was durchaus zweideutig zu verstehen ist, bedeutet Resurrection doch Auferstehung.

Der deutsche Titel spielt darauf an, dass die Hauptfigur, Ermittler Calib Zelic, gehörlos ist. Es gibt immer mal wieder Krimi-Protagonisten mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Meistens dient das dazu, sie irgendwie interessanter erscheinen zu lassen, macht sonst aber wenig Sinn – nicht so hier.

Calebs erster Fall ist ziemlich vertrackt und lange undurchsichtig.

Da Caleb nichts hört, beobachtet er die Menschen genau, und nicht nur um die Wörter von ihren Lippen ablesen zu können. Das führt dazu, dass er ein Gesicht nie mehr vergisst. Und dass er gespielte von echten Emotionen unterscheiden kann; dass er am kleinen Zucken eines Auges Lügen erkennt oder die Absicht des Gegenübers voraussehen kann. Auf der anderen Seite entgeht ihm natürlich manches. Nicht nur Wörter, sondern auch das Geräusch, wenn sich jemand von hinten an ihn heranschleicht, um ihn anzugreifen.

Die australische Kriminalliteratur verfügt über viele starke Autorinnen und Autoren, und immer wieder gibt es neue Namen zu entdecken wie jetzt Emma Viskic. Sie hat als klassische Klarinettistin Karriere gemacht, bevor sie zur Schriftstellerei wechselte. Während der Entwicklung ihres Serien-Protagonisten, der inzwischen schon in drei Büchern auftritt, hat sie die Gebärdensprache erlernt, um ihn besser darstellen zu können. Der zweite Band, «No Words – Die Sprache der Opfer», erscheint bereits im Juni auf Deutsch.

Calebs erster Fall ist ziemlich vertrackt und lange undurchsichtig. Im geschickt aufgebauten Plot geht es unter anderem um korrupte Polizeibeamte. Und ganz nebenbei behandelt Emma Viskic auf eindrückliche Art auch weitere Themen: die Wirkung von Sucht, das Verhalten von Süchtigen oder den schwierigen Umgang mit einer Behinderungnicht nur durch die Umwelt, sondern durch den Betroffenen selbst.

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★
  • Spannung: ★★★★☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamteindruck: ★★★★☆

Die Autorin

Emma Viskics Krimis sollen verfilmt werden.
Emma Viskics Krimis sollen verfilmt werden.
Foto: Julian Dolman/PD

Emma Viskic, geboren in den 1970er-Jahren (genauer Jahrgang unbekannt), ist in der Region von Melbourne in Australien aufgewachsen. Ihr Vater, der aus Dalmatien (heute in Kroatien) stammte, war Schauspieler.

Am Victorian College of the Arts der Universität Melbourne und am Rotterdams Conservatorium in den Niederlanden bildete sie sich zur klassischen Klarinettistin aus. «Während meiner Karriere als Musikerin habe ich überall gespielt», sagt sie, «von Altenpflegeheimen bis hin zu einem Arenakonzert mit José Carreras.»

2015 veröffentlichte sie ihren ersten Kriminalroman «Resurrection Bay», der jetzt als «No Sound – Die Stille des Todes» auf Deutsch erschienen ist. Das Buch wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter 2016 mit dem wichtigsten australischen Krimipreis, dem Ned Kelly Award für den besten Erstling. Bisher erschienen zwei weitere Romane um den gehörlosen Ermittler Caleb Zelic, «And Fire Came Down» (2017; erscheint im Juni auf Deutsch unter dem Titel «No Words – Die Sprache der Opfer») und «Darkness for Light» (2019). Eine TV-Serie auf Basis dieser Romane ist geplant.

Emma Viskic ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Sie lebt in Melbourne.

Emma Viskic: «No Sound – Die Stille des Todes» (Original: «Resurrection Bay», Echo Publishing, Sydney 2015). Aus dem Englischen von Ulrike Brauns. Piper, München 2020. 285 S., ca. 23 Fr.