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Öl-Millionen in Champions LeagueEin Final ganz im Sinne von Katar

Paris St-Germain ist der Inbegriff des hoch kommerzialisierten Fussballs. Doch auch Finalgegner Bayern pflegt seine Beziehungen ins Emirat auf der Arabischen Halbinsel.

Bayern im Champions-League-Final: Die Katarer freut es, schliesslich sind die Deutschen jährlich zu Gast im Emirat, hier David Alaba mit einem Fan im Januar 2016.
Bayern im Champions-League-Final: Die Katarer freut es, schliesslich sind die Deutschen jährlich zu Gast im Emirat, hier David Alaba mit einem Fan im Januar 2016.
Foto: Andreas Gebert (EPA)

Es ist eine seltsame Saison, die am Sonntagabend in Lissabon zu Ende geht. Viel zu spät und ohne Zuschauer, es geht um den letzten Pokal, um die Champions League. Bayern München oder Paris St-Germain, der Captain eines dieser Teams wird die Trophäe in die Höhe stemmen.

Die Rollen sind klar verteilt, so gegensätzlich sind sie. Tradition trifft auf Moderne, hart arbeitende Deutsche auf verwöhnte Franzosen. Für viele hat Bayern am Sonntagabend die Chance, es dem bösen Gesicht des Weltfussballs zu zeigen, diesem Imperium, das mit Milliarden um sich wirft, nur um einmal die Champions League gewinnen zu können.

Paris St-Germain ist das Spielzeug sehr reicher Männer aus dem Nahen Osten. 2011 stieg die Investorengruppe Qatar Sports Investments beim Verein ein, der bis dahin zweimal französischer Meister geworden war und 1995 einmal in einem Halbfinal der Königsklasse gestanden hatte. Weit über 1,2 Milliarden Euro wurden seit der Übernahme nur schon in den Kauf neuer Spieler investiert.

Ein Bayern-Fanshop am Flughafen Dohas

Doch das viele Geld vermag nicht alles zu überstrahlen. Katar ist kein Rechtsstaat, Homosexuelle sitzen im Gefängnis neben Frauenrechtlerinnen. Geringste Mengen an Drogen können mit dem Tod bestraft werden. Arbeiter aus Asien und Afrika leben unter prekären, sklavenartigen Bedingungen, Tausende starben auf Katars Baustellen oder an den Folgen der Arbeit auf solchen. Zwei Projekte sollten solches vergessen machen: PSG und die Weltmeisterschaft im Jahr 2022.

Dabei ist Paris bei weitem nicht der einzige Verein, der von den exorbitanten Reichtümern der Arabischen Halbinsel profitiert. Ein Grossteil Manchester Citys gehört einer Investorengruppe aus Abu Dhabi, Hauptsponsor des Clubs ist die Fluggesellschaft Etihad. Konkurrent Emirates sponsert neben PSG auch Milan, Arsenal und Real Madrid, Qatar Airways war lange auf der Brust der Spieler vom FC Barcelona zu sehen.

Katar ist also im Weltfussball angekommen. Auf acht mal zwölf Zentimetern auch auf den Trikots des FC Bayern München, zumindest in der Bundesliga. 2017 wurden da Ärmelsponsoren eingeführt, Opel bei Dortmund, die Deutsche Post bei Schalke. Und der Hamad International Airport bei Bayern. An diesem stand dann auch kurz ein Fanshop des Clubs. Der einzige Verein, der das ebenfalls von sich behaupten darf: natürlich PSG.

Bayern auf humanitärer Mission?

Zehn Millionen jährlich soll die Partnerschaft den Münchnern bringen. Das ist im Vergleich zu den Unsummen beim Gegner aus Paris natürlich eine Kleinigkeit. Und doch sorgt sie in Kombination mit dem seit zehn Jahren stattfindenden Trainingslager des Clubs in Katars Hauptstadt Doha für Unmut, auch beim eigenen Anhang.

Als dieser im März ehrverletzende Banner gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp präsentierte, sprach Geschäftsführer Karl-Heinz Rummenigge vom «hässlichen Gesicht des FC Bayern München». Eine Antwort der Fans kam prompt, wieder in Form eines Banners: «Das ganz hässliche Gesicht des FC Bayern zeigen jene, die Blutgeld von Katar und Co. nehmen.»

Eindeutige Meinung: Die Bayern-Fans wollen am liebsten nichts mit Katar zu tun haben.
Eindeutige Meinung: Die Bayern-Fans wollen am liebsten nichts mit Katar zu tun haben.
Foto: Imago

Bei der Jahreshauptversammlung der Münchner im November sprach Rummenigge davon, dass sich die Menschenrechtssituation seit Bayerns Reisen nach Katar verbessert habe. Auch wenn diese Aussage im Publikum von Spott begleitet wurde, ist sie nicht nur falsch. Das katarische Kafala-System, eine Art Bürgschaft, ist offiziell am Ende, auch wenn Menschenrechtler erzählen, dass es immer noch zur Anwendung komme. Gemäss dem System muss ein Arbeiter seinen Arbeitgeber um Erlaubnis bitten, um aus dem Land auszureisen, eine solche gibt es kaum, Pässe werden eingezogen. Immerhin einige können Katar mittlerweile problemlos verlassen.

Dass sie dies aber lediglich dem Engagement der Bayern zu verdanken haben, ist wohl zu einfach. Vielmehr spüren die Katarer offenbar, dass die Augen der Welt auf sie gerichtet sind. Eine Nebenerscheinung, die die Ausrichtung eines globalen Events wie der Fussball-WM mit sich bringt.

Auch der Club Nr. 12, ein unabhängiger Zusammenschluss aktiver Bayern-Fans, sieht seinen Verein nicht gerade auf humanitärer Mission. Darum organisierte er im Januar eine Podiumsdiskussion mit dem Titel: «Katar, Menschenrechte und der FC Bayern Hand auf, Mund zu?» Auf dem Poster waren Rummenigge und Uli Hoeness zu sehen, mit Eurozeichen auf ihren Scheuklappen, dazu die Sprechblase aus Hoeness’ Mund: «Hervorragende Trainingsbedingungen».

Hand auf, Mund zu? So luden die Fans zur Podiumsdiskussion. Von Bayern kam keiner.
Hand auf, Mund zu? So luden die Fans zur Podiumsdiskussion. Von Bayern kam keiner.
Foto: Club Nr. 12

Zwei Nepalesen wurden eingeflogen, sie nannten ihre Namen nicht, aber sprachen für eine grosse Zahl an Arbeitsmigranten. Über 1400 ihrer Landsmänner sind in den letzten zehn Jahren verstorben, diese Zahl veröffentlichte die nepalesische Regierung. Keine Bevölkerung wuchs in den letzten Jahren so schnell wie die katarische, rund 90 Prozent aller Einwohner sind Ausländer. Sie stammen neben Nepal vor allem aus Indien und Pakistan. Auf ihrem Rücken werden Katars Prunkstücke (wie die Stadien für die WM 2022) gebaut.

Das Spiel wird zum «Qlassico»

Über hundert kamen nach München, um zu hören, was die zwei Nepalesen zu sagen hatten. Nur ein Stuhl blieb frei. Er stand auf der Bühne, wäre reserviert gewesen für einen Clubvertreter. Weil niemand darauf Platz nahm, hing ein Bayern-Trikot über der Rückenlehne. Der Stuhl wurde zum Symbol des Abends, zum Symbol des Schweigens des Fussballclubs.

Während sie in München also lieber nicht zu viel über dieses Thema sagen, sind sie in Katar sehr stolz darauf, dass neben ihrem Aushängeschild PSG auch die Bayern im Final stehen. In Anlehnung an den Clasico, die Begegnung zwischen Real Madrid und Barcelona, fand Qatar Airways einen neuen Namen für das Spiel vom Sonntagabend: «Qlassico».