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Mein TagebuchEin Dreispringer ohne Kreuz und eine Kugelstosserin im Stau

Der frühere Hürdenläufer Hansjörg Haas war als Technischer Leiter eine der zentralen Figuren an den Schweizer Meisterschaften der Leichtathleten auf der Schützenmatte. Er berichtet von seiner intensiven Woche.

Hansjörg Haas ist als Technischer Leiter verantwortlich für den reibungslosen Ablauf der Wettkämpfe. Ein Fulltimejob.
Hansjörg Haas ist als Technischer Leiter verantwortlich für den reibungslosen Ablauf der Wettkämpfe. Ein Fulltimejob.
Foto: Paul Haffner

Montag: Das Abenteuer beginnt

Die letzten Wochen waren intensiv. Ende Juni war klar, dass in Bellinzona keine Schweizer Meisterschaften stattfinden können. Die Old Boys und der LC Basel sind eingesprungen. Trotz Corona Schweizer Meisterschaften innerhalb von zweieinhalb Monaten zu organisieren - das ist ein Kraftakt. Finanzierung, Schutzkonzept, Technik, es gab so viel zu planen. Als Technischer Leiter bin ich für den reibungslosen Ablauf des Wettkampfs verantwortlich. Da gehört vieles dazu. Deshalb bin ich ab heute jeweils den ganzen Tag im Stadion. In dieser Woche ist das wirklich ein Fulltimejob. Zum Glück gibt es uns Pensionierte, wir haben Zeit für so etwas.

Dienstag: Aufgaben für 180 Helfer

Heute instruiere ich alle wichtigen Helfer und die Kampfrichter. Ich bespreche mit ihnen ihre Aufgaben. Mit 120 Helfern haben wir gerechnet, wegen der Schutzmassnahmen werden es am Freitag nun aber 150 sein, am Samstag sogar 180. Zum Glück waren viele bereits vor einem Jahr dabei, als die Meisterschaften ebenfalls auf der Schützenmatte stattfanden. Die meisten machen das ehrenamtlich, aber es braucht auch ein paar Profis, zum Beispiel bei der Eventorganisation, also Speaker oder DJ, anders geht das heute nicht mehr.

Mittwoch: Eineinhalb Stunden abladen

Omega liefert heute das Material für die Zeitmessung. Eineinhalb Stunden wird Material abgeladen. Dann werden Leitungen gelegt und alles aufgebaut. Das dauert lange. Heute, aber auch noch morgen sind wir damit beschäftigt.

Donnerstag: Das Fernsehen kommt mit zwei Lastwagen

Am Tag vor dem Wettkampf kommt das Fernsehen mit zwei Lastwagen. Bei der Ziellinie wird ein Podest aufgebaut für die Kamera. Wir richten die Anschlüsse für die Presse ein und die zwei Verpflegungsstände. Zum Glück ist das Wetter gut, so können wir vieles bereits heute vorbereiten.

Der Basler Silvan Wicki (Mitte) läuft über 100 Meter vor schöner Kulisse im Leichtathletikstadion Schützenmatte zu Gold.
Der Basler Silvan Wicki (Mitte) läuft über 100 Meter vor schöner Kulisse im Leichtathletikstadion Schützenmatte zu Gold.
Foto: Ulf Schiller (Freshfocus)

Freitag: Stimmt die Höhe der Hürden?

Der Anlass beginnt für mich um 8 Uhr. Im Stadion stellen wir die letzten Dinge auf und richten die Eingänge ein. Bis um 13 Uhr muss alles bereit sein, ab dann wird jeder kontrolliert, der ins Stadion kommt. Wir haben Glück, dass in der Leichtathletik viele freundliche und anständige Leute sind. Auch wenn es im Eingangsbereich in diesem Jahr etwas länger dauert, haben die Athleten Verständnis und warten geduldig.

Angemeldet haben sie sich im Vorfeld, vor Ort müssen sie sich nun aber mit einem Kreuz in einer Liste eintragen und bestätigen, dass sie am entsprechenden Wettkampf teilnehmen. Genau das wird dem Basler Dreispringer Carlos Kouassi zum Verhängnis: Er hat kein Kreuz gemacht, dabei musste er an der Liste vorbeilaufen. Kouassi wird disqualifiziert. Zum Glück muss nicht ich das entscheiden, schliesslich war ich früher mal sein Trainer. Für solche Disqualifikationen gibt es Schiedsrichter. Aber es ist natürlich schade, dass Carlos nicht starten kann, er hätte wohl Gold gewonnen.

Ansonsten gibt es fast keine solchen Zwischenfälle. Eine Kugelstosserin ruft an, dass sie zu spät eintreffen wird, weil sie im Stau steht. Sieben Stunden braucht sie für die Anfahrt aus dem Tessin. Sie kommt im Stadion an, als die Kugelstosserinnen gerade beim letzten Versuch sind. Weil ihre Schuhe aber noch im Vereinsbus liegen, muss sie auch auf den verzichten.

Insgesamt bin ich sehr erfreut über den ersten Wettkampftag. Ich war gespannt, wie gut die Meisterschaften mit all diesen Schutzmassnahmen funktionieren würden. Aber alles ist sehr ruhig. Die Athleten haben offenbar in dieser Saison bereits Erfahrungen mit gewissen Einschränkungen gesammelt und halten sich sehr gut an die Vorgaben.

Ich selbst bin zusammen mit meinem Cousin Peter Haas verantwortlich für den Ablauf der Läufe und kontrolliere, ob alles funktioniert. Sind genügend Helfer hier? Stimmt die Höhe der Hürden? Sind die Athleten für die Siegerehrung bereit? Und ich bin Anlaufstelle bei Problemen. Wenn zum Beispiel vor dem Wettkampf ein Athlet fehlt, erfahre ich das als Erster und suche nach Lösungen. 90 Prozent der Zeit bin ich auf dem Platz. Der Vorteil: Ich kriege alles mit. So sehe ich zum Beispiel, wie Silvan Wicki zum Abschluss des Tages mit einer Spitzenzeit den 100-Meter-Sprint gewinnt.

Nach den Wettkämpfen fällt der Druck bei uns Veranstaltern ab. Da sitzt man dann noch etwas zusammen. So wird es nach Mitternacht, bis ich das Stadion verlasse.

Samstag: Ein toller Rahmen

Auch heute bin ich um 8 Uhr im Stadion. Müde bin ich nicht. Der erste Tag ist so gut gelaufen, das beflügelt. Der zweite Wettkampftag ist etwas angenehmer, weil die Abläufe nun bekannt sind. Das Wetter ist super, und das Stadion füllt sich rasch. Nach 950 verkauften Tickets mussten wir den Verkauf stoppen, sonst hätten wir die 1000er-Grenze überschritten.

Was mir auffällt: Die Freude unter den Athleten, den Helfern und den Zuschauern ist schon nicht dieselbe wie vor einem Jahr. Die Schutzmassnahmen hemmen. Aber wir können ja froh sein, dass wir den Anlass überhaupt so durchführen können. Ich habe mir die deutschen Meisterschaften angeschaut, da gab es überhaupt keine Zuschauer, und alle Betreuer, Kampfrichter und Helfer mussten durchgehend Masken tragen. International sind die Schutzmassnahmen noch grösser als bei uns.

Ich finde, wir konnten einen tollen Rahmen für die Wettkämpfe bieten. Das sieht man ja auch an den Leistungen. Jason Joseph mit seinem Schweizer Rekord ist da natürlich herausragend. Aber auch für Salome Lang habe ich mich gefreut. Simon Ehammer war überragend, der junge Sprinter William Reais natürlich auch, Angelica Moser, Fabienne Schlumpf, Ditaji Kambundji – so viele tolle Resultate.

Fast etwas frustrierend ist dann der Abbau. Zweieinhalb Tage dauerte der Aufbau, und in zweieinhalb Stunden ist dann alles wieder in Kisten verpackt. Um 21 Uhr ist das Material bereit für den Transport, am Montag wird das Ganze abgeholt.

Sonntag: Erholen mit Radsport

Heute kann ich mich erholen. Wobei: Eigentlich gehts mir bestens, es war eine tolle Woche. Am Mittwoch finden die kantonalen Staffelmeisterschaften statt, da muss ich heute noch das Helferaufgebot verschicken. Danach schaue ich noch etwas Tour de France. Was die Fahrer dort leisten, ist genauso beeindruckend wie das, was unsere Leichtathleten geboten haben.

Mein Tagebuch – Menschen aus dem Sport berichten jeweils Anfang Woche von ihrem ­Wochenalltag.