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Marken wie Lacoste und GantEigentlich hätten die Manor-Besitzer Geld genug

In einem Schreiben fordert Manor-Chef Jérôme Gilg seine Lieferanten auf, sich mit 10’000 Franken an den Kosten der Corona-Krise zu beteiligen. Dabei besitzen die Inhaberfamilien der Warenhauskette Milliarden.

Seit dem 31. Januar bleiben die Türen des Manor-Warenhauses an der Zürcher Bahnhofstrasse geschlossen. Grund dafür ist eine Verteuerung der Miete.
Seit dem 31. Januar bleiben die Türen des Manor-Warenhauses an der Zürcher Bahnhofstrasse geschlossen. Grund dafür ist eine Verteuerung der Miete.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Lieferanten der grössten Schweizer Warenhauskette reiben sich die Augen. In einem Schreiben fordert Manor-Chef Jérôme Gilg die Geschäftspartner auf, das Unternehmen zu unterstützen: «Wir erwarten, dass Sie als Partner einen kleinen Beitrag von 10’000 Franken leisten.» Man werde ihre Bereitschaft, als «echter Partner» einen Beitrag zu leisten, genau beobachten, heisst es weiter. Diese Zeitung hat darüber berichtet.

Dabei fehlt es den Manor-Besitzern nicht an finanziellen Reserven. Die Familien Maus und Nordmann, die hinter dem Unternehmen stehen, sitzen gemäss dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz» auf einem Vermögen von 3 bis 3,5 Milliarden Franken.

Mit Didier Maus als Präsidenten wird das Familienunternehmen Maus Frères heute in der vierten Generation geführt. Sein Urgrossvater Henri Maus legte mit seinem Bruder Ernest und dem Geschäftspartner Léon Nordmann vor 118 Jahren den Grundstein für die Warenhauskette. Der 1978 eingeführte Namen Manor setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Familiennamen zusammen.

Seit 2017 publiziert Manor keinen Umsatz

Seit 2012 besitzen die Maus Frères die Mehrheit am inzwischen wieder angesagten Modelabel Lacoste. Die Marke befindet sich auf einem bemerkenswerten Expansionskurs. Zusammen mit den Modemarken Gant, Aigle, The Kooples und dem Tennisausstatter Tecnifibre ist Lacoste Teil der MF Brands Group, die vollständig im Besitz der Familie ist. Mit einem Umsatz von 2,8 Milliarden Franken im letzten Jahr ist der Markenbereich für die Familie inzwischen wichtiger als die Warenhausgruppe.

Diese ist seit einigen Jahren auf Schrumpfkurs. Seit 2017 gibt die Manor-Gruppe keine Umsatzzahlen mehr bekannt. Gemäss Schätzungen sollen die Filialen heute noch zwischen 2,2 und 2,3 Milliarden erwirtschaften. Zur Gruppe zählen neben den Warenhäusern Restaurants und Supermärkte. Ebenfalls im Besitz von Maus Frères sind die Jumbo-Baumärkte. Sie steuern jährlich rund eine halbe Milliarde Franken Einnahmen bei.

Umstrukturierung geht weiter

2010 betrieben die Maus Frères 70 Manor-Warenhäuser – heute sind es noch 59. Einkaufstourismus und der Onlinehandel setzen dem Detailhandel zu, und die Warenhäuser kommen zunehmend unter Druck. Ende Januar musste Manor nach 35 Jahren das Warenhaus an der Zürcher Bahnhofstrasse schliessen. Die Besitzerin der Immobilie, die Swiss-Life-Versicherung, forderte eine Mietzinserhöhung, der Manor nicht nachkommen wollte. Der Schliessung ging ein jahrelanger Rechtsstreit voran. Zuletzt unterbreiteten die Maus Frères der Immobilienbesitzerin ein Kaufangebot über 535 Millionen Franken. Jedoch vergeblich.

Auch in anderen Bereichen wurden Firmen abgestossen: 2012 trennten sich die Maus Frères von der Möbelkette Fly. Und im vergangenen August veräusserte die Familie Anteile der Sportartikelkette Athleticum an die französische Konkurrenz Decathlon. Bereits vor Corona in diesem Jahr mussten die Manor-Häuser Federn lassen: Das Warenhaus in Bachenbülach ZH schloss, und die gesamte Gruppe wurde neu organisiert.

Zahlungsaufforderung an 300 Grosslieferanten

Manor hofft nun auf die Solidarität seiner Lieferanten. Die Zahlungsaufforderung soll laut Sprecher Fabian Hildbrand an über 300 der 1600 Grosslieferanten im Non-Food-Bereich gegangen sein. Insgesamt erwartet Manor dadurch also Zusatzeinnahmen von mehr als 3 Millionen Franken.

Die Begründung: Der Schaden, der durch das Coronavirus und den Lockdown entstanden sei, müsse von allen Teilnehmern entlang der Wertschöpfungskette getragen werden und nicht nur vom Handel am Ende der Kette, sagte Hildbrand letzte Woche. Die Summe verlangt Manor, um unter anderem das «Einkaufserlebnis in unserem Onlineshop zu optimieren», wie es im Schreiben heisst.

«Ich habe Angst, keine weiteren Aufträge mehr zu erhalten, wenn ich mich weigere.»

Manor-Lieferant

Ein Lieferant, der seit mehreren Jahren an Manor liefert und namentlich nicht genannt werden möchte, berichtet, dass seine Rechnungen derzeit erst auf Nachdruck und dann auch viel zu spät beglichen würden. Obwohl er nicht zu den Grosslieferanten gehöre, habe er das Schreiben erhalten, sagt er. Wegen der Krise habe er vom Staat einen Notkredit aufnehmen müssen und sich selbst den Lohn gekürzt.

Die geforderten 10’000 Franken könne und wolle er nicht zahlen, sagt er. Doch er fühle sich von Manor genötigt, den geforderten Betrag zu überweisen. «Ich habe Angst, keine weiteren Aufträge mehr zu erhalten, wenn ich mich weigere», sagt er.

Man zahle grundsätzlich alle fälligen und unbestrittenen Rechnungen fristgerecht, heisst es auf Anfrage bei Manor. Zudem zählten alle Lieferanten als Grosslieferanten, die «mit uns im Jahr mehrere Hunderttausend Franken Umsatz» machten.