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Aufstrebende SportartE-Sports-Boom erreicht die regionalen Sportclubs

In der Schweiz startet kommende Woche die erste E-Sports-Baseballliga Europas. Mit dabei sind die Therwil Flyers und die Sissach Frogs. Auch der EHC Basel macht den virtuellen Sporttrend mit.

Marquis Richards von den Therwil Flyers bereitet sich in seinen eigenen vier Wänden auf den anstehenden Liga-Start vor.
Marquis Richards von den Therwil Flyers bereitet sich in seinen eigenen vier Wänden auf den anstehenden Liga-Start vor.
Foto: Marquis Richards

Vergangenes Jahr wurde René Merkli (43) aus Meggen bei der «Höhle der Löwen» vorstellig. Bei diesem TV-Format buhlen junge Unternehmen bei potenziellen Investoren, den «Löwen», um ein Investment, damit sie den Aufbau ihrer Firmen vorantreiben können. Merkli betonte, dass E-Sports, der sportliche Wettkampf mit Computerspielen, die am schnellsten wachsende Sportart der Welt sei. Er erhielt schliesslich 280’000 Schweizer Franken, um seine Plattform «Senior eSports», die spezifisch Gamer im Alter von über 35 Jahren zusammenbringen soll, auf eine neue Stufe zu heben.

Tatsächlich haben auch innerhalb der Welt des Sports immer mehr Vereine ihre Finger im Spiel, wenn es um das E-Sports-Business geht. Unter anderem etablierte auch der FC Basel bekanntlich in jüngster Vergangenheit eine E-Sports-Abteilung. Doch auch in anderen Basler Sportclubs ist das Phänomen inzwischen allgegenwärtig, wie die jüngsten Entwicklungen bei den Baseballern der Therwil Flyer und den Sissach Frogs oder dem EHC Basel zeigen.

Die E-Sports-Geschichte der Flyers begann vergangenen März im Corona-Lockdown mit einem inoffiziellen E-Sports-Baseball-Turnier der Hünenberg Unicorns, bei dem rund 20 Spieler teilnahmen. Sebastian Zwyer, der als Infielder bei den Therwil Flyers und im Bereich Medien und Kommunikation im Schweizerischen Baseball- und Softballverband tätig ist, war begeistert von der Veranstaltung und wollte mit einem ehemaligen Schulfreund – Inhaber einer weiteren E-Sports-Plattform – selbst ein derartiges Projekt aufgleisen. Aufgrund eines Mangels an Sponsoren kam sein Vorhaben jedoch nicht zustande. Einige Zeit später kam dann René Merkli – einst selbst aktiver Baseballer – auf Zwyer und den Verband zu, um gemeinsam eine E-Sports-Baseballliga auf seiner Plattform aufzugleisen.

20 Teams aus 14 Vereinen

Merkli und der Verband schickten Ausschreibungen an die Schweizer Baseball-Vereine, ohne zu wissen, ob es für ihr Unterfangen überhaupt einen Markt gab: «Wir haben nicht einmal gewusst, ob es innerhalb der Vereine überhaupt genug Akteure gibt, die spielen könnten.» Seine Bedenken konnte Zwyer rasch beiseiteschieben, denn die Resonanz war überwältigend. 20 Teams mit insgesamt 29 Spielern und einer Spielerin aus insgesamt 14 Schweizer Baseball-Vereinen reichten ihre Anmeldungen ein. Die Teams wurden aufgeteilt in eine Junior League (12 Teams) für Spieler unter 34 sowie eine Senior League (8 Teams) für Akteure über 35 Jahren. So bildete sich die Swiss Baseball E-Sports (Senior) League 2021, die erste ihrer Art in Europa.

Die Gründung der Liga war dabei keineswegs mit kommerziellen Absichten verbunden, Einnahmen gibt es keine, und auch Sponsoren wurden (noch) nicht akquiriert. Es soll auch nicht um Werbung für das für die Duelle verwendete Computerspiel «MLB The Show 20» gehen. Vielmehr erhofft sich Zwyer, dass durch die Gründung der virtuellen Liga Interesse für den Baseballsport und den Spielbetrieb in der Schweiz allgemein geweckt wird. «Vielleicht sehen sich Leute die Streams an, die die Sportart später dann im echten Leben ausprobieren wollen. Oder womöglich wird es Zuschauer geben, die nicht selber Baseball spielen, aber das Computerspiel ausprobieren möchten.» Letztere könnten sich dann allenfalls für die nächste Austragung der virtuellen Meisterschaft bewerben.

Für die Erstaustragung der Swiss Baseball E-Sports League gehen nämlich ausschliesslich Akteure an den Start, die auch im realen Leben für die teilnehmenden Vereine den Schläger schwingen. Einer von ihnen ist der ehemalige Basler Spitzen-Stabhochspringer Marquis Richards (29) von den Therwil Flyers. Gemeinsam mit zwei seiner Teamkollegen bildet er das Junior-Team, das für die Flyers an den Start gehen wird. Jeder von den dreien wird je ein Vorrundenspiel bestreiten. «Wir entscheiden dann spontan am Spieltag, wer von uns ran darf. Es wird wohl derjenige sein, der jeweils nach einem langen Arbeitstag noch das beste Konzentrationslevel aufweisen kann», sagt Richards. Die Chancen seines Teams kann er nur schwer einschätzen: «Die Spieler unter 20 Jahren schätze ich als sehr stark ein, weil sie wohl auch mehr Zeit mit Gamen verbringen. Aber mein kompetitives Sportlerherz lässt es nicht zu, mit dem Anspruch an die Sache heranzugehen, das Ding nicht gewinnen zu wollen!» Intensives Training betreiben Richards und seine Mitspieler nicht, doch einmal pro Woche treffen sie sich online und spielen gegeneinander. Dabei werden im gegenseitigen Coaching Tipps ausgetauscht. «Im Vordergrund steht jedoch der Spass und auch das gegenseitige Anstacheln.» Richards freut sich aufs Turnier: «Es ist eine willkommene Abwechslung in einer Zeit, in der wir uns aufgrund von Corona nicht auf dem echten Feld messen können.»

Die Liga startet am 11. Januar und endet mit den Finalspielen am 24. Februar. Am 15. Januar und danach jeden Mittwoch werden um 20 Uhr je ein Spiel der Junior- und eines der Senior-League live auf der Streaming-Plattform Twitch übertragen und kommentiert. Im Anschluss an die Live-Partien sind Interviews mit den teilnehmenden Akteuren geplant. Detaillierte Infos sowie die Turnier-Spielpläne finden sich auf senior-esports.ch/swiss-baseball.

«Wäre ein Versäumnis, nicht dabei zu sein»

Der EHC Basel startete sein E-Sports-Projekt bereits im vergangenen Jahr. Hauptverantwortlich für das Unterfangen ist Social-Media-Manager Casper Thiriet, der die Spiele des EHC auf Twitch überträgt und kommentiert. Im Gegensatz zu den Therwil Flyers und den Sissach Frogs werden beim EHC alle Spiele übertragen, und gezockt wird nicht von Eishockey-Spielern, sondern von erfahrenen Gamern, die in ihrer Freizeit auch aktiv vor der Konsole trainieren. Kern des Teams sind die Brüder Dylan und Steven Weber, die Söhne von EHC-Coach Christian Weber, sowie deren Freund Gion Berther. Der Rest des Teams wird durch Zu- und Abgänge stetig angepasst. Dylan Weber war es, der als erfahrener E-Sportler an den EHC mit der Idee einer eigenen Abteilung herantrat. Der Ligabetrieb läuft über die Plattform «nhlgamer.com», wo der EHC in der untersten Liga der «European Champions League» soeben seine erste Saison abgeschlossen hat. Bereits durch die Liga-Bezeichnung wird klar: Das E-Sports-Business ist im Eishockey deutlich internationaler und in grösserem Ausmass verankert als im Baseball. Zudem sind nicht nur real existierende Eishockey-Vereine auf den Plattformen aktiv, sondern auch individuelle Spielergruppen. Vom grossen Markt erhofft man sich auch beim EHC grössere Aufmerksamkeit und Reichweite. Dazu Thiriet: «Angenommen, die E-Sports-Branche geht jetzt richtig durch die Decke, wäre es ein Versäumnis, nicht dabei zu sein. Wenn wir dann schon eine vereinseigene Community etabliert hätten, wäre das ein grosses Plus für uns.»

1 Kommentar
    Matthias Hund

    Bisher wurde vor Spielsucht gewarnt?