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Schweizer MusikpreisDurchaus ein bisschen irrsinnig

Erika Stucky erhält den mit 100’000 Franken dotierten Grand Prix Musik 2020. Eine Ehrung für eine Frau, die zwischen die Welten gefallen ist.

Sie zielt, stets knapp neben dem Lachmuskel vorbei, mitten ins Herz und die Seele: Erika Stucky.
Sie zielt, stets knapp neben dem Lachmuskel vorbei, mitten ins Herz und die Seele: Erika Stucky.
Foto: Mirco Talierco

«Geboren 1962 in San Francisco» steht in Erika Stuckys Vita. Ihre Eltern waren in die Hippie-Hochburg ausgewandert, wo der Papa Fleischbuffets in den teuersten Hotels der Stadt dekorierte. An die Farbenpracht der Flower-Power-Garderobe, an die bunt angemalten schwangeren Bäuche und die antiautoritären Lehrerinnen der Sechzigerjahre in San Francisco erinnert sich die Sängerin bis heute lebhaft. Auch an den Soundtrack: The Monkees, Nancy Sinatra oder Donovan waren ihre musikalischen Komplizen während des Heranwachsens in der Stadt.

Acht Jahre später der Schnitt. Die Eltern Stucky hatten Heimweh nach den Schweizer Bergen und zogen mit Erika nach Mörel. Wer diesen Flecken im Oberwallis kennt, weiss, dass hier die Flower Power öfter in Blumenkisten gezwängt ist, die schwangeren Bäuche eher bleich bleiben und das örtliche Musikschaffen nicht unbedingt auf Bewusstseinserweiterung aus ist.

Bei Erika Stucky duelliert sich öfter bitterer Ernst mit absurdem Schalk.

Diese biografischen Eckpunkte sollte kennen, wer die Kunst von Erika Stucky verstehen will. Die Frau, die heute den grössten Musikpreis der Schweiz erhält, ist irgendwie zwischen die Welten gefallen. In Mörel begann sie irgendwann in Trachtengruppen zu jodeln, in Brig wilderte sie durch das Musical «Hair», im Tessin besuchte sie die Dimitri-Schule, in Paris lernte sie Jazzgesang und Schauspiel. Unnötig zu erwähnen, dass dieses unstete Leben sich in einer ebenso unsteten Kunst niederschlug.

Erika Stucky gefällt es, Grenzen nicht bloss zu überschreiten, sondern gleich noch sämtliche Schlagbäume einzureissen. Vieles, was diese Frau in ihrer bisherigen Karriere tat, war von bezaubernder Wunderlichkeit, durchaus ein bisschen irrsinnig, durchaus ziemlich draufgängerisch. Und doch täte man ihr unrecht, würde man sie in der Kiste der ulkigen Nonkonformistinnen ablegen. Denn ihre Kunst zielt – teils etwas verwackelt und öfter den Lachmuskel streifend – dann doch mitten ins Herz und in die Seele.

Werktreue, traditionelle Regeln oder ein stilistisches Ebenmass sind nicht die Dinge von Frau Stucky. Seien es ihre suizidalen Jodel, seien es Hommagen an Tom Waits oder Jimi Hendrix, Jazz-Opern oder Filmvertonungen mit Sina – in allem sprudelt es vor Originalität, in allem warten überraschende Wendungen. Öfter duelliert sich bitterer Ernst mit absurdem Schalk, Blues mit helvetischer Tradition, Irrsinn mit Schönsinn, Theatralisches und Filmisches mit Musikalischem. Alles, was sie tut, scheint aufgeladen mit viel Glück und ebenso viel Schmerz.

Knirschendes Gebälk

Nehmen wir ihr letztes Tonwerk, das 2017 eingespielte Album «Papito»: Erika Stucky hat sich dafür von einem auf historische Aufführungspraxis spezialisierten Orchester und von einem Countertenor begleiten lassen. Und von FM Einheit, dem einstigen Perkussionisten und Lärmmacher der Einstürzenden Neubauten. Mit dieser Formation interpretiert sie Balladen von Cole Porter, Gary Newman oder Lucio Dalla und setzt eigene Lieder dazwischen, die klingen wie glorios-abgetakelte Jazz-Klassiker.

Es knirscht im Gebälk dieser Musik, und doch ist Erika Stucky hier ein Werk von atemberaubender Schönheit geglückt. «In der Welt, in der wir leben, mit dieser Flut an unterschiedlichsten Eindrücken, ist man gezwungen, Dinge zu mixen. Wir können nicht anders», hat Erika Stucky einmal in einem Interview gesagt.

Dass Erika Stucky nun den mit 100’000 Franken dotierten Musikpreis des Bundesamts für Kultur erhält, ist keine Überraschung. Es ist vielmehr folgerichtig. Denn sie sind selten, die helvetischen Musikschaffenden, die sich ihre eigene Nische bauen und damit die ganze Welt beglücken. Ihre Nische hat sich Erika Stucky aus den Trümmern der Pop-, Blues-, Jazz- und Volkskultur zusammengebosselt. Und sie hat sie mit dem Humor und der Fantasie einer Frau ausstaffiert, der es schnell zu eng und zu langweilig wird, wo sich auf Traditionen ausgeruht wird, Routinen aufkommen oder geistiger Stillstand herrscht. Ein bisschen Hippie ist sie dann doch geblieben, die Frau Stucky aus San Francisco.