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Kommentar zur Badi im Corona-SommerDu musst draussen bleiben

Im Corona-Sommer zeigt sich noch deutlicher, für wen die Schweizer Badis gemacht sind: Für Leute mit Geld, Zeit und einem Schweizer Pass.

Schlangestehen vor der Badi Utoquai in Zürich wegen Eintrittsbeschränkung: Wer in die Badi will, muss Zeit haben.
Schlangestehen vor der Badi Utoquai in Zürich wegen Eintrittsbeschränkung: Wer in die Badi will, muss Zeit haben.
Foto: Urs Jaudas

Im Städtchen Pruntrut im Jura werden seit neuestem nur noch bestimmte Personen in die Badi gelassen: Gäste mit einer Saisonkarte, Touristen, die entweder eine Jura-Karte besitzen oder in Begleitung einer Einheimischen sind. Und Menschen, die eine Identitätskarte vorweisen und belegen können, dass sie Schweizer Staatsangehörige sind. In der Badi nicht mehr geduldet sind zum Beispiel Personen aus dem angrenzenden Frankreich. Also: Ausländer.

Die Regierung von Pruntrut hat die Regeln angeblich als Sicherheitsmassnahme gegen Corona eingeführt. Praktischerweise lassen sich mit diesen Regeln unliebsame Gäste fernhalten. Auslöser für die Regeln waren laut dem Stadtpräsidenten eine Muslimin im Burkini und pöbelnde jugendliche Ausländer. Die wolle man hier nicht, sagte der Stadtpräsident in dieser Zeitung. Und so wird vor dem Eingang der Badis plötzlich eine grosse gesellschaftliche Frage verhandelt: Wer gehört dazu?

Alte Mechanismen der Ausgrenzung

Pruntrut ist die drastischste Antwort auf diese Frage. Es gibt in der Schweiz aber Badis, die im Corona-Sommer ebenfalls eine Trennung zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen vornehmen, nur weniger offensichtlich. Auch bei diesen Badis greifen alte Mechanismen der Ausgrenzung.

Diese Mechanismen begünstigen und benachteiligen immer die gleichen Gruppen von Menschen. Wer in Zürich in eine Badi will, braucht für die meisten Orte Geld. Ein Einzeleintritt für eine erwachsene Person kostet acht Franken. Wegen Corona ist der Faktor Zeit als weiteres Gut hinzugekommen, über das man verfügen muss. Nur noch eine bestimmte Anzahl Personen wird eingelassen, vor den Eingängen bilden sich vor allem zur Mittagszeit und gegen Feierabend lange Schlangen.

Entweder man hat Zeit, anzustehen. Oder man ist privilegiert genug, sich die Zeit einteilen zu können: indem man etwa früher aus dem Büro geht und vor allen anderen Personen in der Badi ist, indem man die Mittagspause verlängert oder sich spontan den Tag freinimmt. Wer einmal drin ist, wird gleich nochmals belohnt. Die Gäste verfügen wegen der Einlassbeschränkung über so viel Platz wie nie zuvor. Sie können sich dank grosszügigen Raums ziemlich sicher sein, von einer Ansteckung verschont zu bleiben. Zum Badiplatz gibt es den Virenschutz gleich dazu.

«Wo ist das Problem?», werden manche sagen

Die Badis, die in der Theorie möglichst allen hitzegeplagten Bewohnerinnen und Bewohnern eine Abkühlung verschaffen sollen, sind zu einem Luxusort geworden, einem exklusiven Spot. Wie viele andere öffentliche Orte in der Schweiz, die nur begrenzt zugänglich sind: Theatersäle, Fussballstadien. Die Mauern und Zäune um die Badis markieren jetzt die Grenze zwischen den verschiedenen sozialen Milieus.

«Wo ist das Problem?», werden manche Leute einwenden. Sie werden sagen, dass die Leute in Zürich an den See ausweichen können, dorthin, wo das Baden gratis ist und für alle zugänglich.

Allerdings wird der Platz auf der Wiese an heissen Tagen knapp, und die Leute rücken so nah aneinander, dass sie die nötige Distanz weder an Land noch im Wasser einhalten können. Fotos von einem solchen Gedränge kursierten in den sozialen Medien, und aufgeregt über diese Bilder haben sich vor allem jene, die sich nie am See aufhalten würden. Der Vorwurf ist immer derselbe: Diese Leute missachten die Corona-Regeln.

Das Gegenteil ist der Fall. Diese Menschen befolgen sehr wohl Regeln. Es sind bloss Regeln, die für die gemeine Schweizerin und den gemeinen Schweizer unsichtbar sind. Weil sie als Privilegierte davon ausgenommen bleiben.