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Xamax-Stürmer Raphaël Nuzzolo«Du darfst nicht immer auf den Trainer hören»

Er ist ältester Stammspieler und Jungbrunnen der Liga. Vor der Partie bei seinem Ex-Club YB sagt Nuzzolo, der Super League mangle es an Persönlichkeiten.

Raphaël Nuzzolo: Filou, Monsieur Xamax und ein Fussballer mit klarer Meinung.
Raphaël Nuzzolo: Filou, Monsieur Xamax und ein Fussballer mit klarer Meinung.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Biel, Neuenburg, Bern, Neuenburg. Um die Karriere des Raphaël Nuzzolo lässt sich ein enger Kreis ziehen. Ins Ausland zog es ihn nie. Das grosse Geld suchte er nicht, fand er nicht.

Nuzzolo sagt, er zähle in vielerlei Hinsicht zu einer anderen Generation. 37 Jahre alt wird der Angreifer nächste Woche. Vorerst steht für ihn am Samstag das Gastspiel bei seinem früheren Club in Bern an. 2016 verliess Nuzzolo die Young Boys – und avancierte in Neuenburg zum wichtigsten Spieler. Aus den letzten drei Spielzeiten totalisiert er 60 Tore. In dieser Meisterschaft sind es bereits wieder 9 Treffer und 8 Vorlagen.

Nuzzolo trickst, trifft, trägt die Hoffnungen von Xamax mit spielerischer Leichtigkeit. Mit seiner Raffinesse und Schlitzohrigkeit gemahnt der älteste Stammspieler der Liga an einen Jungbrunnen. Im intensiven Super-League-Schlussspurt will er den Neuenburgern den Ligaerhalt sichern. Es ist die vielleicht grösste Herausforderung in Nuzzolos Karriere. Und seine letzte?

Raphaël Nuzzolo, Xamax stellt die älteste Mannschaft der Liga, hat ein schmales Kader, steht vor 11 Partien in 36 Tagen: Wie soll das gut gehen?

Das Argument des Alters kommt immer zuerst. (schmunzelt) Und ja: Wir haben nicht jede Position doppelt besetzt, wie das bei YB der Fall ist. Bei uns werden in den nächsten Wochen eigentliche Stammspieler häufiger auf der Ersatzbank beginnen müssen. Das ist einerseits ein Nachteil …

… anderseits?

Ich hoffe, die Umstände werden uns zugutekommen. Abstiegskampf, hitzige Begegnungen, viele Zuschauer, Emotionen: In einer solchen Situation setzt du normalerweise nicht auf jüngere Spieler. Aber nun fehlt das grosse Publikum. Und in Anbetracht des dichten Spielplans hat Xamax gar keine Wahl: Wir brauchen Rotation, die Jungen müssen spielen! Das ist gut für die Zukunft des Vereins. Aber im Prinzip geht es nicht um ältere und jüngere Spieler: Entscheidend ist, wer sich wie einbringt. Dieser Aspekt ist in den Partien ohne Fans noch wichtiger geworden.

Wie meinen Sie das?

Die entscheidende Frage ist: Wie kannst du mit deiner Leistung an die Grenze gehen, ohne den Bonus von aussen zu erhalten? Häufig sind es die Zuschauer, die dich pushen, damit du den zusätzlichen Meter gehst, die letzte Kraft investierst. Ich war immer einer, der auch für die Fans an die Grenzen ging. Nun müssen sich die Spieler untereinander stärker pushen, fordern, antreiben. Das ist in den Geisterspielen der Schlüssel zum Erfolg.

Am Samstag werden in Bern immerhin 1000 Besucher zugelassen sein. Viel dürfte sich damit für die Spieler aber nicht ändern.

Es ist auch eine Frage der Einstellung. Wir kennen das Drumherum ohne viele Fans aus Freundschaftsspielen. Aber nun geht es in jedem Match um viel. Ich habe mich an die Situation gewöhnt. Aber ich mag sie nicht.

Sie haben sich vor einigen Wochen gegen Geisterspiele und die Fortsetzung der Meisterschaft ausgesprochen. Auf Twitter schrieben Sie: «Der Ausschluss der Öffentlichkeit ist absurd. Der Sport muss aufhören. Er steht nicht über allem.»

Jeder Spieler will sich verwirklichen, eine schöne Karriere haben. Aber du spielst doch auch für die Fans, möchtest ihnen Spektakel bieten und Emotionen geben. Vielleicht wiegt dieser Punkt bei mir etwas stärker, weil ich älter bin. Wenn ich ein Tor erziele, will ich diese Emotionen spüren und teilen. Sie sind ein wichtiger Teil. Deshalb war ich gegen Geisterspiele.

Und jetzt wird trotzdem gespielt. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

Ich habe akzeptiert, dass die Meisterschaft unter diesen Umständen fortgesetzt wird. Unser Land hat in der Corona-Krise früh und gut reagiert. Aber wir müssen weiter aufpassen. Ich verstehe die Wichtigkeit, dass wir am Ende eine Tabelle haben, die zählt und Aussagekraft hat. Aber ich hoffe sehr, dass wir nächste Saison wieder mehr als 1000 Leute in den Stadien haben werden.

Jubel in der Tristesse. Raphaël Nuzzolo sagt: «Wenn ich ein Tor erziele, will ich diese Emotionen spüren und teilen. Sie sind ein wichtiger Teil. Deshalb war ich gegen Geisterspiele.»
Jubel in der Tristesse. Raphaël Nuzzolo sagt: «Wenn ich ein Tor erziele, will ich diese Emotionen spüren und teilen. Sie sind ein wichtiger Teil. Deshalb war ich gegen Geisterspiele.»
Foto: Claudio de Capitani (Freshfocus)

Wird Sie die nächste Saison als Fussballer überhaupt noch etwas angehen?

Ich wollte im April mit den Verantwortlichen von Xamax zusammensitzen. Dann kam das Virus, die Gespräche wurden verschoben. Die Pause war lang. In meine Alter weisst du nie, wie Körper und Kopf darauf reagieren. Aber ich bin überrascht: Die Physis ist noch da, der Wille ebenfalls. Ich fühle mich sehr gut.

Also werden Sie weitermachen?

Ich mache mir keinen Druck. Wir stecken im Abstiegskampf. Ich werde wohl noch lange nicht wissen, in welcher Liga Xamax’ unmittelbare Zukunft liegen wird. Als YB-Spieler könnte ich das Karriereende besser planen. (lacht)

Ist die Ligazugehörigkeit für Sie das entscheidende Kriterium?

Es ist ein Kriterium, welches ich in Betracht ziehen muss – aber nicht das entscheidende. Ich will ehrlich sein mit mir, mit dem Club: Ich spiele nur weiter, wenn ich Xamax helfen kann, seine Ziele zu erreichen. Diesbezüglich muss ich auch wissen, wo der Club hinmöchte. Es gab zuletzt Wechsel in der Führungsetage und in der Juniorenabteilung. Ich will wissen, wie die Zukunft von Xamax aussieht. Meine Priorität ist, in Neuenburg die Karriere zu beenden.

Ein Clubwechsel ist ausgeschlossen?

Im Fussball kannst du heute alles regeln – und morgen ist es anders. Johan Djourou unterschrieb Anfang Jahr in Sion, sah seine Zukunft im Wallis. Zwei Kurzeinsätze später war er weg. Und nun spielt er für Xamax im Abstiegskampf gegen Sion.

Aber für Sion werden Sie kaum spielen.

Zu 100 Prozent nicht für Sion. Das schliesse ich aus. (lacht)

«Miralem Sulejmani hat mir nach dem Match eine Nachricht geschrieben. Ich antwortete: Diesen Pass habe ich auch dank dir gelernt.»

Raphäel Nuzzolo

Einige sagen: Wer solche Aussenrist-Vorlagen gibt wie Sie vor kurzem beim Sieg gegen Thun, der kann und darf nicht aufhören.

Miralem Sulejmani hat mir nach dem Match eine Nachricht geschrieben. Ich antwortete: Diesen Pass habe ich auch dank dir gelernt. (lacht) Sulejmani übt solche Zuspiele häufig im Training – ich tue das ebenfalls. Seit ich als Junior angefangen habe, höre ich die Trainer sagen: Spiel den Pass mit der Innenseite, nicht mit dem Aussenrist. Aber diese Eigenschaft habe ich mir nie nehmen lassen. Du darfst nicht immer auf den Trainer hören, sonst spielst du nur noch die einfachen Pässe. (lacht)

Ihre Spielfreude ist bei der Frage nach dem Weitermachen ein weiteres Pro-Argument.

Eigentlich möchte ja jeder Fussballer bis 50 spielen. Ich erhalte viele positive Reaktionen von Fans, Spielern aus dem eigenen Team und von anderen Clubs. Das gibt mir Energie. In meinem Alter kennst du mehr Spieler, die aufgehört haben, als solche, die noch aktiv sind. Die meisten haben ihre Karriere wegen einer Verletzung, eines lädierten Körpers oder mentaler Müdigkeit beendet. Bei mir ist das anders. Ich bin bald 37, aber gesund. Wollen Kopf und Körper nach dem Abstiegskampf weitermachen, mache ich weiter.

Denken Sie, dem modernen Fussball kommt der Spielertyp Nuzzolo abhanden?

Es kommt darauf an, ob Sie die Frage auf meine Rolle oder die Art und Weise meines Stils beziehen. Dem heutigen Fussball oder speziell unserer Liga fehlen vermehrt Spieler, die Verantwortung übernehmen, die sagen, was sie denken – und die den Unterschied ausmachen können.

Was auf Sie zutrifft.

Es geht auch um Persönlichkeiten. Ich nehme als Beispiel St. Gallen. Früher gab es Spieler wie Marc Zellweger, die über Jahre hinweg das Herz der Mannschaft waren. Und heute? In St. Gallen wird sehr gut gearbeitet, keine Frage, die Tabelle belegt das. Aber in zwei Jahren wird vielleicht kein Einziger aus der heutigen Equipe mehr für diesen Verein spielen, weil alle ins Ausland gewechselt sind. Die Clubs machen junge Spieler rasch zu Geld, das ist mittlerweile ein Geschäftsmodell. Aber jedes Team braucht auch Identifikationsfiguren, die länger bleiben. Thun hat mit Dennis Hediger soeben eine solche Figur verloren.

«Unserer Liga fehlen vermehrt Spieler, die Verantwortung übernehmen, die sagen, was sie denken – und die den Unterschied ausmachen können.»

Raphaël Nuzzolo

Vor kurzem erwähnten Sie, das Niveau in der höchsten Schweizer Liga sei gesunken.

Nicht das Niveau an sich, aber die individuelle Klasse – respektive die Breite individuell starker Spieler. Ich habe mir vor einigen Wochen die Wiederholung des Cup-Halbfinals von 2004 zwischen GC und dem FCZ angesehen. Da standen so viele Spieler auf dem Platz, die reif waren, etabliert, so viel Klasse hatten: Richard Nunez, Mihai Tararache, Cesar, Christoph Spycher, um nur vier zu nennen. Eine solche Breite gibt es in der Super League nicht mehr. Ein weiterer Grund ist, dass sich die jungen Schweizer Spieler rascher entwickeln und früher ins Ausland gehen.

Was wiederum positiv ist, oder?

Ja, davon profitiert unsere Nationalmannschaft. Und natürlich haben die Lohnverhältnisse geändert. Tararache war damals in der Schweiz einer der Besten. Würde er heute auf demselben Level aktiv sein, kein Schweizer Club könnte sich seine Dienste leisten. Es ist eine andere Zeit. Wie sagen die älteren Leute doch immer: Ah, Maradona, ah, Pelé ... früher war alles besser. Nun denke ich ähnlich, werde zum Nostalgiker. Das beweist: Ich bin wirklich richtig alt geworden.