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Neue Wege im DopingkampfDer Kontrolleur kommt per Video mit ins Badezimmer

In den USA werden in einem Pilotprojekt erstmals Athleten online getestet. Ein Modell mit Zukunft oder nur den Umständen geschuldet?

Wird das herkömmliche Kit für Urin-Tests, mit A-Probe links und B-Probe rechts, bald der Vergangenheit angehören?
Wird das herkömmliche Kit für Urin-Tests, mit A-Probe links und B-Probe rechts, bald der Vergangenheit angehören?
Foto: Gian Ehrenzeller/Keystone

«Die Doper laden sich jetzt mit ihrem Zeugs voll.» Diese Auffassung vertrat vor einigen Wochen der schnellste Mann der Schweiz: Alex Wilson. Der Sprinter äusserte zu Beginn des Shutdown gegenüber dem Onlineportal dieser Zeitung seine Bedenken im Kampf gegen Doping. «Wegen der Corona-Pandemie will jetzt doch niemand testen. Oder würden Sie in dieser Situation zu jemandem nach Hause kontrollieren gehen?», sagte der EM-Dritte über 200 Meter.

Der persönliche Kontakt, die unmittelbare Nähe zwischen Dopingkontrolleur und Sportler: in der aktuellen Zeit wird sie zum Problem, zum Risiko. Die Anti-Doping-Agentur der USA (Usada) will diesen Umständen mittels eines Pilotprojekts Rechnung tragen und neue, digitale Wege beschreiten.

Weniger aufdringlich

Vor zwei Wochen begann die Usada mit ihrem Experiment. Statt vor Ort überwachen Kontrolleure nun mittels Smartphone und Videokonferenz die Athleten. Zu den freiwilligen Teilnehmern gehören bekannte und erfolgreiche Athleten wie die Schwimmerin Katie Ledecky, Sprinter Noah Lyles oder die Langstreckenläuferin Aliphine Tuliamuk.

Travis Tygart, CEO der Usada, möchte Dopingkontrollen einfacher gestalten.
Travis Tygart, CEO der Usada, möchte Dopingkontrollen einfacher gestalten.
Foto: Buda Mendes/Getty Images

«Wir haben schon früher darüber gesprochen und den Grundstein gelegt. Corona hat nun den ganzen Prozess beschleunigt und uns erlaubt, mit dem Projekt zu starten», sagte Travis Tygart, CEO der Usada, in einem Artikel der «New York Times». Das Hauptziel des Projekts bestehe darin, die Dopingtests einfacher und für Athleten weniger aufdringlich zu gestalten. Kurzfristig könnten auch die Zweifel minimiert werden, ob sich Sportler an die bestehenden Regeln halten, ohne dass sie von Dopingkontrolleuren überwacht würden. Denn aufgrund der Einschränkungen, die in vielen Ländern gelten, ist der normale Testbetrieb entscheidend beeinträchtigt, wie Brett Clothier sagt, der Leiter der Integritätskommission des Leichtathletik-Weltverbands World Athletics.

Videotour durchs Badezimmer

Der genaue Ablauf des Onlinedopingtests gliedert sich in mehrere Schritte, beginnt mit einem Anruf, geht mit einem Videocall weiter und endet damit, dass der Athlet die Probe der Usada zurückschickt (siehe Grafik).

Wie sicher ist dieses Verfahren? Tygart räumt ein, dass die Tests mit getrocknetem Blut Grenzen haben. «Der anerkannte globale Goldstandard ist die Entnahme von Blut und Urin ausserhalb des Wettbewerbs vor Ort, und das ändert sich nicht.» Und wie sind die Dopingkontrollen via Videokonferenz für Sportler? Der 22-jährige Sprinter Lyles sagte der «New York Times», der einzige Unterschied für ihn habe darin bestanden, dass er während 90 Minuten alles selber habe machen müssen. Herkömmliche Kontrollen würde er jedoch bevorzugen: «Es zieht dich zur Rechenschaft.» Bedenken äussert Langstreckenläuferin Tuliamuk. In einem Land wie Kenia, wo sie geboren ist, seien der Zugang zum Internet und der Umgang mit Technologie im Allgemeinen nicht immer ausreichend.

Wenn sich die Onlinetests durchsetzen, würden sich jedoch neue Möglichkeiten bieten: Kontrolleure müssten weniger oft fliegen, Kosten könnten gespart und mehr Athleten häufiger getestet werden, was für mehr Fairness für alle im Sport sorgen könnte.