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Rassismus in den USA«An der Upper East Side sowie in Harlem gibts Unmenschlichkeit»

Die New Yorker Künstlerin Tschabalala Self über Rassismus, Politik und die Trump-Jahre, die das «wahre» Gesicht der USA zum Vorschein gebracht haben.

Tschabalala Self in ihrem Atelier.
Tschabalala Self in ihrem Atelier.
Foto: Christian De Fonte

Tschabalala Self, wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?

Beim Abendessen mit einer guten Freundin. Sie ist Sozialarbeiterin und sprach über die Zukunft ihrer Klienten, die schlechte Aussichten auf Covid-19-Unterstützung haben. Die grosse Sorge, was in den nächsten Jahren mit den Vereinigten Staaten passiert, stand fast unausgesprochen im Raum.

Am Wahlabend sah es ja so aus, als ob Donald Trump für weitere vier Jahre im Amt bleiben könnte, nicht wahr?

Dass dies eine realistische Option war, war jedem klar, nicht nur in der Wahlnacht, sondern auch schon vorher.

Viele Künstler haben sich im Vorfeld der Wahlen für den Herausforderer Biden engagiert. Unter Trump fürchtete die kreative Szene um ihre Ausdrucksfreiheit. Sie auch?

Nicht eigentlich. Gewisse Menschen belastet die Trump-Präsidentschaft psychologisch mehr als andere.

Welche Menschen sind das?

Jene, die erst durch Trump realisiert haben, in welche Richtung sich die USA entwickeln. Wer erstmals mit einem erschreckenden Sachverhalt konfrontiert ist, wie etwa mit Faschismus, Rassismus oder Menschenverachtung, bei dem stellt sich unweigerlich ein Schockzustand ein. Wenn man aber immer wieder, seit der Kindheit, mit diesen Phänomenen konfrontiert wurde, dann hat man bereits psychologische Abwehrkraft entwickelt und kann mit der hässlichen Realität lockerer umgehen.

«Die sogenannten Werte sind nur dann glaubwürdig, wenn sie in Taten umgesetzt werden.»

Sie spielen auf die Klasse der privilegierten weissen Intellektuellen an, die erst unter Trump gezwungen worden sind, dem «wahren» Amerika ins Gesicht zu sehen?

Ja. Sehen Sie, meine Eltern kamen nach New York aus dem Süden, aus Louisiana, wo es in ihrer Jugendzeit noch Rassentrennung gab. Rassismus hat die Geschichte meiner Familie seit je begleitet. Ich persönlich habe in den Trump-Jahren nichts Neues erlebt oder gelernt, das mir nicht schon aus eigener Erfahrung oder aus der meiner Familie bekannt wäre. Diskriminierung ist mir mittlerweile so vertraut, dass ich mit ihr zu leben gelernt habe.

Sie wohnen in Harlem, aber Sie gingen in der bürgerlichen Upper East Side zur Schule und danach auf die renommierten Kunstschulen Bard und Yale – so konnten Sie beide Welten erleben. Wie fällt der Vergleich aus?

Ich versichere Ihnen, in beiden Welten ist man mit Ausgrenzung und Unmenschlichkeit konfrontiert.

Man hört, dass es Biden nicht gelungen sei, so viele Stimmen von Afroamerikanern zu gewinnen, wie die Demokraten erwartet hatten. Warum?

Ich interessiere mich mehr für Resultate denn für schöne Worte. Die sogenannten Werte sind nur dann glaubwürdig, wenn sie in Taten umgesetzt werden. Es gibt aber Menschen, die sich besser fühlen, wenn ihnen angenehme Lügen aufgetischt werden, das ist auch ein Stück weit verständlich.

Auch wenn Werte niemals hundertprozentig eingehalten werden können, so ist doch die Einigung auf sie eine wichtige Grundlage des menschlichen Zusammenlebens.

Wenn aber Werte und Realität so stark auseinanderdriften wie in den USA, werden Menschen verrückt, und psychotische Strukturen schleichen sich in den Alltag ein.

Tatsächlich nimmt man in Europa die USA als ein tief gespaltenes Land wahr, in dem verschiedene erbittert umkämpfte Positionen hart aufeinandertreffen. Wohin führt das?

Man muss die Geschichte anschauen, um die Zukunft zu verstehen. Der schlimmste Krieg, den die USA erlebten, war der im eigenen Land, der Bürgerkrieg.

Tschabalala Self: Aus der Serie: «Cotton Mouth».
Tschabalala Self: Aus der Serie: «Cotton Mouth».
Bild: Tschabalala Self

Sehen Sie sich als politische Künstlerin?

Nein. ich beschäftige mich zwar mit der Identität einer bestimmten Community, meiner Community, doch das macht mich noch nicht zu einer wirklich politischen Künstlerin. Ich sehe mich also nicht als eine politische, sondern als, sagen wir mal, stolze Künstlerin.

Sie sind eine Frau und Afroamerikanerin. Diese Merkmale sind nach Jahrhunderten der Marginalisierung auf dem Kunstmarkt plötzlich hoch begehrt. Zeichen für eine Wende?

Natürlich ist die Welt der Künste – und damit meine ich auch Schriftsteller, Dramatiker, Dichter – ein fortschrittlich denkender Teil der Gesellschaft. Inwiefern aber die Trends des Kunstmarkts etwas mehr ausdrücken können als flüchtige Moden, entzieht sich meiner Kenntnis. Natürlich kaufen gewisse Menschen Kunst von Frauen, weil sie sich davon finanzielle Vorteile versprechen. Das Gleiche gilt auch für die Kunst von Schwarzen, Asiaten, Schwulen etc. An der Nachhaltigkeit dieser Entwicklung darf aber gezweifelt werden.

Auch Moden können Treiber einer positiven Veränderung sein, finden Sie nicht?

Um das zu beurteilen, muss man schauen, wie der Ausgang eines Trends aussieht. Es kann allzu leicht passieren, dass Künstler mit ihrer Kreativität anderen Menschen Geld in die Taschen gespült haben und dass sie dann selber ohne Mittel, ohne Karriere, ohne Zugang zu den Privilegien zurückgelassen werden, sobald die Mode ändert.

«Man muss die Geschichte anschauen, um die Zukunft zu verstehen. Der schlimmste Krieg, den die USA erlebten, war der im eigenen Land.»

Sie selbst wurden auch schon als Anti-Picasso bezeichnet. Können Sie mit diesem Vergleich etwas anfangen?

Ja, das kann ich. Auch ich beschäftige mich in meinen Bildern mit dem weiblichen Körper. Wie Picasso bin auch ich von der westafrikanischen Kunst inspiriert. Die Verknüpfung der menschlichen Figur mit geometrischen, abstrakten Formen wird im Volksmund zudem gern als «Picasso» bezeichnet, nicht wahr? Tatsächlich ist diese Verknüpfung vor allem in der afrikanischen Skulptur allgegenwärtig.

Inwiefern sind die künstlerische Darstellung der schwarzen Körper und die Bewegung «Black Lives Matter» verwandt?

«Schwarze Leben haben eine Bedeutung» – damit ist wohl jeder rational denkende Mensch einverstanden. Ich beobachte diese Bewegung, in die ich bisher nicht stark involviert war, um zu verstehen, wohin sie führt. Meine Hingabe gilt einer Aufwertung des «black life», indem ich differenzierte Bilder davon ins öffentliche Bewusstsein einspeise, Narrative hinzufüge, sie um Facetten wie Zukunft und Familie anreichere.

Stichwort Zukunft: Ihnen ist ja nicht wirklich egal, wer Präsident wird?

Natürlich nicht. Ich sage nur, dass ich unabhängig von der Entscheidung, die das amerikanische Volk fällt, als Künstlerin funktionieren und für mich sorgen muss. Einen Wunsch an den künftigen Präsidenten meines Landes hätte ich aber schon.

Welchen?

Dass er den Bürgern dieses Landes ermöglicht, sich gemäss dem amerikanischen Motto zu entfalten.

Und welches Motto ist das?

Na, wie heisst es schon wieder: «Leben, Freiheit und Suche nach Glück»? Es sollte allen Bürgern möglich sein, danach zu leben. Das war bisher nicht so. Insbesondere schwarze Amerikaner haben dem Land sehr viel gegeben und nichts zurückbekommen.

Wie realistisch ist es, dass es unter dem neuen Präsidenten, falls er Joseph Biden heisst, anders wird?

Er wäre der 46. Präsident der USA, und es ist wohl kein Zufall, dass die 45 Präsidenten vor ihm nicht reüssiert haben. Falls ihm das gelingen würde, wäre es der Beginn einer neuen Geschichtsschreibung.

5 Kommentare
    Klaus Weber-Fink

    Schon lustig, wenn ausgerechnet die Privilegierten, die auf die teuersten Schulen im Land gehen (Yale) sich über Rassismus beklagen.