Kleine Siege und grosse Pleiten: Das Digital-Jahr 2018

Facebook hat für einen epochalen Skandal gesorgt, und im Kleinen begegneten uns einige schöne Verbesserungen. Schüssler und Zeier schauen zurück.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste sich 2018 unangenehmen Fragen stellen.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste sich 2018 unangenehmen Fragen stellen.

(Bild: Reuters)

Rafael Zeier@RafaelZeier
Matthias Schüssler@MrClicko

Wann erlischt das Interesse an Facebook?
Im Oktober 2008 habe ich in einem «Tipp der Woche» Facebook vorgestellt. Aus heutiger Sicht liest sich der Text rührend naiv: Man müsse auf die Privatsphären-Einstellungen achten und überlegen, wie viel man von sich preisgeben wolle, schrieb ich. Heute würde der Tipp lauten: «Rennen Sie schreiend weg!»

Facebook hat sich zu einem Daten saugenden, das Schlimmste im Menschen weckenden Monstrum entwickelt. 2018 ist mir die Freude abhandengekommen, mich mit Wutbürgern, Verschwörungstheoretikern oder militanten Veganern herumzuschlagen. Von wegen Filterblase – ich habe unzählige Stunden in Stellungskriegen verschwendet, ohne einen einzigen Achtungssieg zu erringen. Sprich: eine extreme Ansicht wenigstens etwas abzudämpfen.

Für mich ist nicht nur Facebook, sondern das Prinzip der sozialen Medien gescheitert. Vielleicht würde es auf kleinen, familiäreren Plattformen besser klappen. Aber der konstruktive Diskurs mit der ganzen Welt, den man uns versprochen hat – der findet definitiv nicht statt. Was nun? Exodus? Verbote? Ich habe die Hoffnung, dass es vielen so geht wie mir. Selbst wenn man den Stecker nicht ziehen mag, fährt man das Engagement zurück. Und dann erlischt das (globale) Interesse irgendwann von allein. (schü.)

Gleich zwei Telecomrevolutionen
Wer wie ich beruflich Techmessen besucht, schaltete in den letzten Jahren und Monaten das Hirn automatisch auf Durchzug, wenn der Ausdruck 5G fiel. Glaubte man den Ausstellern, sollte die neue Funktechnologie fürs Handy im Alleingang selbstfahrende Autos ermöglichen, paradiesische Virtual-Reality-Welten erschaffen, die nächste App-Revolution auslösen, das Zuhause vernetzen und vor allem so manchen Gerätehersteller gesundsanieren.

Doch langsam lohnt es sich, genauer hinzuhören. Erste Feldversuche haben erfolgreich stattgefunden, ein paar 5G-Handys sollen nächstes Jahr auf den Markt kommen, und auch die Anwendungsbeispiele klingen nicht mehr so utopisch.

Trotzdem muss man als Konsument und Internetnutzer nichts überstürzen. Die Technologie wird frühestens 2020 breiter erhältlich und alltagstauglich sein. Aber eine andere Neuerung kommt 5G noch zuvor: die E-SIM. Damit kann man als Kunde künftig leichter den Telecomanbieter wechseln und braucht nicht länger friemelige SIM-Kärtchen zu kaufen und ins Telefon zu stecken. Nun, da die Technologie im Mainstream-Smartphone schlechthin, nämlich dem neusten iPhone, steckt, wird es nicht lange dauern, bis die goldenen Kärtchen vergessen sind. (zei)

Smarte Fernseher sind doch recht dumm
4K-Fernseher sind grossartig: das Bild viermal so scharf wie bisher und (mit HDR) so kontrastreich wie nie. Und vorbei die Zeiten, wo der Fernseher wie ein Altar in der Stube stand. Die neuen Geräte wachsen zwar laufend in der Diagonalen. Doch seit sie fast nur noch aus dem Bildpanel bestehen, lassen sie sich auch platzsparend an die Wand hängen.

Die Begeisterung erstreckt sich jedoch nicht auf die Menüs und die Steuerung der Geräte. Von wegen «smart»: Sie sind über die Jahre immer komplizierter geworden. Die Fernbedienung sieht aus, als könnte man damit eine Kampfdrohne steuern. Und sie verwirrt selbst Technikfreaks. Warum gibt es beim Kästchen meines neuen Sony-Fernsehers eine Exit- und eine Return-Taste, und wie unterscheiden sich die? Welchen Zweck erfüllen der rote, der grüne, der gelbe und der blaue Knopf, über die sich die Zapper seit Jahrzehnten wundern? Wenn man daraufdrückt, passiert jedenfalls nichts. Wieso muss ich das Netflix-Passwort mühsam per Cursor-Tasten eintippen, wo ich ein Smartphone griffbereit habe, das eine perfekte Fernbedienung wäre? Und warum braucht man für die Set-Top-Box und den Bluray-Player separate Kästchen?

Ist das wirklich ein unlösbares Usability-Rätsel – oder geben sich die Hersteller einfach keine Mühe? (schü.)

Spüren statt nur sehen und hören
Eine Entwicklung hat mich dieses Jahr mehr als alle anderen fasziniert. Ja, hochauflösende Bildschirme sind toll und wohlklingende Kopfhörer ein Genuss, aber eine andere Dimension menschlicher Wahrnehmung hat ihnen dieses Jahr die Show gestohlen: die Haptik oder Wahrnehmung mechanischer Reize. Denn Technologiegeräte kommunizieren nicht nur per Bild und Ton mit uns.

Der Vibraalarm des Smartphones ist zwar technologisch ziemlich primitiv, aber immer noch das Paradebeispiel. Je nach Vibrationsmuster spürt man, ob es sich um einen Wecker oder einen Anruf handelt. Manche «Pokémon Go»-Spieler nutzen einen kleinen Bluetooth-Empfänger, der vibriert, wenn sich virtuelle Monster in der Nähe befinden. Ohne draufzuschauen, spürt man, ob man Erfolg hatte oder ob das Pokémon geflohen ist.

Technologisch einen Schritt weiter ist die Apple Watch. Statt eines surrenden Vibramotors steckt darin ein Modul, das mit Magneten einen Metallstift hin und her schleudert und so beim Träger den Eindruck erweckt, die Uhr klopfe einem aufs Handgelenk. Noch steckt das alles in den Kinderschuhen. Doch schon bald könnte sich dank solcher Technologien Digitales noch realer anfühlen. Kein Wunder, haben Techkonzerne inzwischen Haptikdesigner unter Vertrag. (zei)

Wenn PCs die User plötzlich umsorgen
Microsoft-Chef Satya Nadella sieht die Zukunft seines Unternehmens nicht in Windows und Office, sondern beim «ubiquitous computing». Das auch schon etwas in die Jahre gekommene Schlagwort besagt, dass Computer demnächst unsichtbar werden, uns aber jederzeit und überall umgeben.

Mit den WLAN-Lautsprechern sind wir dieser Zukunftsvorstellung ein Stückchen nähergekommen: Amazon Echo, Google Home und der Apple Homepod sind zwar alle in der Schweiz offiziell noch nicht erhältlich, in anderen Ländern aber schon weitverbreitet. Manche Leute schätzen es offensichtlich, dass im Wohnzimmer ein digitaler Assistent auf Sprachbefehle wartet, um kleine Aufträge zu erledigen. Wie WC-Papier zu ordern oder die Eieruhr zu stellen.

Ich bin mit weniger zufrieden: Mir gefällt, dass der klassische (nach wie vor sichtbare) Computer mehr von der Umwelt mitbekommt und darauf reagiert. Der Windows-PC lässt sich nun so einrichten, dass er sich selbst sperrt, wenn ich mich (zusammen mit meinem Smartphone) entferne. Macs werden per Apple Watch sogar automatisch entsperrt. Und die PCs machen die Bildschirmanzeige abends etwas wärmer, um die Augen zu schonen. Das ist keine Revolution. Aber man fühlt sich als Nutzer schon etwas mehr umsorgt. (schü.)

Nur noch gute Handykameras
In den letzten Jahren glichen Handytests zusehends Kameratests. Kein Wunder: Abgesehen von den Kameras verbesserte sich kaum noch etwas. Schliesslich haben Smartphones schon vor ein paar Jahren ein Leistungsplateau erreicht. Für immer weniger (und immer mehr) Geld gibt es sehr gute Handys für jeden Anspruch.

Nun wiederholt sich dieselbe Entwicklung bei den Minikameras. Selbst Billig-Smartphones schiessen heute sehr gute Fotos. Teurere Handys haben noch etwas mehr Tricks auf Lager und lassen sich auch von schwierigeren Bedingungen nicht aus dem Konzept bringen.

Dabei verfolgen die Konzerne unterschiedliche Strategien. Huawei und Samsung setzen mit Dreifach- und Vierfachkameras auf Hardware. Google mit Einfachkameras auf Software. Apple ist irgendwo dazwischen. Doch so unterschiedlich die Strategien auch sind, fällt es immer schwerer, die Resultate zu unterscheiden.

Für die Konzerne, die Kameras als Verkaufsargument nutzen wollen, ist das eine ärgerliche Entwicklung. Fällt doch ein wertvolles Marketingargument weg. Für uns Kunden dagegen ist es äusserst erfreulich. Schon für wenig Geld bekommt man heute eine sehr gute und komfortable Kamera, die immer mit dabei ist. (zei)

baz.ch/Newsnet

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