Faires Handy 2.0

Dieser Tage treffen die ersten Telefone der zweiten Fairphone-Generation bei den Kunden ein.

Hat noch Verbesserungspotenzial: Eine Mine im Kongo, in der konfliktfrei Kupfer fürs Fairphone gefördert wird. Foto: Fairphone

Hat noch Verbesserungspotenzial: Eine Mine im Kongo, in der konfliktfrei Kupfer fürs Fairphone gefördert wird. Foto: Fairphone

Bewusste Konsumenten kaufen Kaffee und Kakao schon lange aus fairem Handel. Ungleich schwieriger wird es bei einem Smartphone. In einem solchen Hightechgerät stecken bis zu 60 Metalle und seltene Erden. Der Herkunft und der Verarbeitung all dieser Stoffe nachzugehen, ist ein ambitioniertes Unterfangen. Dennoch hat sich ein holländisches Unternehmen vor sechs Jahren auf den Weg gemacht. Ende 2013 kam das erste Fairphone heraus, von dem 60'000 Stück verkauft wurden. Vom Erfolg ermutigt, hat sich das Team zu einer zweiten Ausgabe entschieden, die in den nächsten Wochen bei den Kunden eintreffen soll.

Zwar ist auch das Fairphone 2 immer noch weit entfernt von einem durchwegs sozial- und umweltverträglich hergestellten Produkt. Doch ein paar weitere Schritte sind getan. Zum Beispiel in Sachen Langlebigkeit. Während andere Firmen den Konsum mit nicht reparierbaren Produkten ankurbeln wollen, die häufig kurz nach Ablauf der Garantie kaputtgehen – Stichwort geplante Obsolenz –, sind beim Fairphone 2 fast alle Teile ersetzbar.

«Bestmögliche Bewertung in Sachen Reparierbarkeit»

Aus diesem Grund hat man nun ein eigenes Design nach dem Grundsatz der Modularität entwickelt. Die globale Internetgemeinschaft Ifixit, die sich gegenseitig beim Reparieren von Dingen unterstützt, hat das neue Gerät mit Begeisterung aufgenommen und ihm die bestmögliche Bewertung in Sachen Reparierbarkeit erteilt.

Zudem könne das Gerät optisch aufgewertet werden, erklärt die Medienverantwortliche Tina Trinks. «Die psychologische Lebensdauer ist mindestens so wichtig», weiss sie. Denn meistens werden Mobiltelefone nicht ausrangiert, weil sie nicht mehr funktionieren, sondern weil unterdessen ein raffinierteres und eleganteres Modell auf den Markt gekommen ist. In Nordeuropa wechseln Benutzer ihr Handy durchschnittlich etwa alle eineinhalb Jahre. Nur ein Bruchteil der enthaltenen Rohstoffe wird rezykliert.

Keine Kriege mitfinanzieren

Die Fairphone-Initianten wollen einerseits den Bedarf an wertvollen Materialien senken und anderseits so viele wie möglich wiederverwerten. Das Unternehmen ist deshalb auch in Ghana aktiv, wo Berge von Elektroschrott lagern. Kürzlich hat es 75'000 alte Mobiltelefone von Ghana nach Belgien gebracht. Hier sollen die wertvollen Metalle für neue Telefone zurückgewonnen werden. Drei Dollar vom Preis jedes verkauften Fairphone gehen an Recyclingprojekte wie dieses. Die Hälfte des Wolframs in der Fairphone-2-Serie ist bereits rezykliertes Material. Das Metall wird für die Motoren gebraucht, die das Telefon bei eingehenden Anrufen zum Vibrieren bringen.

Dennoch ist das Unternehmen weiterhin auf neue Rohstoffe angewiesen. Wie bereits das Fairphone 1 enthält auch die zweite Generation wieder sogenannt konfliktfreies Zinn und Coltan. Die beiden Metalle stammen zwar aus der Republik Kongo, wo bekanntlich bewaffnete Konflikte mit dem Erlös aus den Minen finanziert werden. Um dies zu unterbinden, haben die USA 2010 eine gesetzliche Grundlage geschaffen. Der sogenannte Dodd-Frank Act verlangt von Unternehmen den Nachweis, dass sie ihre Rohstoffe aus konfliktfreien Gebieten beziehen. Mit dem Resultat, dass viele die heiklen Regionen nun einfach meiden und andere berücksichtigen. Dies schwächt die Wirtschaft der betroffenen Staaten noch mehr, was sie kaum stabilisieren dürfte.

Graben mit blossen Händen

Das Fairphone-Team entschied sich deshalb für den aufwendigeren Weg. Es bezieht die Metalle in kongolesischen Minen, die nichts mit den Konflikten zu tun haben. Um zu gewährleisten, dass beim Abbau mindestens minimale Sicherheitsstandards eingehalten werden, arbeitet es mit Partnerorganisationen zusammen. Das Unternehmen verheimlicht nicht, dass die Arbeitsbedingungen in den Minen weit entfernt von ideal sind. Mancherorts graben Menschen mit blossen Händen und ohne Schutzausrüstung in selbst geschaufelten Stollen nach Gesteinsbrocken. Andernorts sind zumindest elementare Werkzeuge und Schutzausrüstungen vorhanden. «Als Nächstes werden wir daran arbeiten, die Arbeitsbedingungen wie Sicherheit und Löhne zu verbessern», stellt Tina Trinks in Aussicht.

In einem weiteren Schritt hat sich Fairphone letztes Jahr des Wolframs angenommen. Das Metall wird ebenfalls zu den konfliktbelasteten Stoffen gezählt. Analog den Bestrebungen beim Zinn und beim Coltan soll es aus einer Mine in Ruanda bezogen werden, die nachweislich nichts mit der Finanzierung von Kriegen zu tun hat. Diesen Sommer hat das Team zudem begonnen, die Herkunft von Gold unter die Lupe zu nehmen. Das rostfreie Metall wird für die feinen Beschichtungen der Platinen verwendet. Um mittelfristig fair abgebautes und gehandeltes Gold in die Geräte zu integrieren, ist Fairphone einerseits mit der österreichischen Firma in Kontakt, welche die Platinen herstellt, und anderseits mit der Stiftung Max Havelaar, die bereits Gold für die Schmuckbranche als fair zertifiziert hat.

Die gesamte Branche verändern

In die Kritik gerät die Elektronikindustrie auch häufig wegen der Produktionsbedingungen in den Herstellerländern. Die Firma, die das iPhone montiert, machte etwa mit Fällen von übermüdeten Arbeitern und Suiziden am Arbeitsplatz von sich reden. Auch das Unternehmen im chinesischen Suzhou, welches das Fairphone 2 zusammensetzt, ist keine Wellness-Oase. Bei ihren zum Teil unangekündigten Besuchen pochen die Holländer auf ihre Forderungen wie bessere Sicherheitsbekleidung, Brandschutzmassnahmen und die Einhaltung der vertraglich zugesicherten 60-Stunden-Woche – auch für Temporärangestellte. Zudem wurde ein Sozialfonds gegründet, über den die Belegschaft selber entscheidet. «Wir konnten schon einige Verbesserungen erreichen», sagt Trinks. Man werde aber hartnäckig am Ball bleiben. Um die Belegschaft vor Überzeiten zu bewahren, mutet Fairphone den Kunden Wartezeiten zu. Manche haben ihr Telefon im Sommer bestellt und werden es erst diesen Monat erhalten.



Das Fairphone 2
Ein Telefon, das Jahre halten soll.

Das Fairphone 2 hat ein 5-Zoll-Display. Es ist 148 Gramm schwer, weist einen Dual-SIMSlot auf, arbeitet mit Android 5, unterstützt LTE, WLAN und Bluetooth und hat einen Snapdragon-Prozessor von Qualcomm mit vier Kernen. Das Telefon kostet 525 Euro. Von iFixit.com hat es die maximale Punktzahl für die Reparierbarkeit erhalten: Batterie und Display können sogar ohne Werkzeug ersetzt werden. Es kann über Faircustomer.ch, Fairphone.com oder bei der Genossenschaft Sinndrin in Glattbrugg bestellt werden. Das Team von Ingenieuren bietet Beratungen an und führt Reparaturen durch.

Das Fairphone 2 ist einfach zu reparieren.

Generell geht es den Fairphonern nicht ausschliesslich darum, die Produktion ihrer eigenen Geräte gerechter zu gestalten und somit konkurrenzloser Anbieter von sozial- und umweltverträglichen Telefonen zu werden. Ebenso wichtig ist es ihnen, die gesamte Branche zum Umdenken zu bewegen. Deswegen nehmen sie auch in Kauf, dass sich die Rohstoffe aus den kongolesischen Minen manchmal mit solchen aus anderen konfliktfreien Gebieten mischen. «Den Menschen in den Minen bringt es mehr, wenn sich ihre Arbeitsbedingungen generell verbessern», erklärt Trinks. Um dies zu erreichen, arbeitet das Unternehmen mit diversen anderen Organisationen zusammen und unterstützt Initiativen mit denselben Zielen.

Ein gemeinschaftliches Projekt

Am Anfang stand denn auch nicht die Idee, in die Elektronikbranche einzusteigen; vielmehr wollten sich die Initianten mit der Problematik rund um Konfliktmetalle auseinandersetzen. Daraus entstand ein Unternehmen, das sich einer neuen Wirtschaftsform verpflichtet. «Es handelt sich um ein gemeinschaftliches Projekt», sagt Tina Trinks. «Unsere Kunden haben sich für ein Fairphone entschieden, weil sie etwas verändern wollen.»

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