Wie ich mit der smarten Waage 5 Kilo abgenommen habe

Eine Internetwaage ist der letzte Schnickschnack, dachte unser Autor. Dann hat er eine ausprobiert.

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Rafael Zeier@RafaelZeier

Nein. So was kommt mir sicher nicht ins Haus. Ich brauche nun wirklich keine Waage, und schon gar keine, die mit dem Internet verbunden ist. Trotzdem steht genau so eine nun seit Anfang Juli in unserem Badezimmer – und ich täglich drauf. Wie konnte es nur so weit kommen?

Immer wenn ich über Fitness-Tracker schreibe, erhalte ich zahlreiche Leserkommentare und -Briefe, dass man mit einem gesunden Körpergefühl auf solch technischen Schnickschnack gut verzichten kann.

Was Waagen angeht, ging es mir immer gleich. Vor den Badeferien und nach den Weihnachtsferien etwas weniger essen: fertig. So blieb mein Gewicht über die Jahre in etwa gleich. Tendenz allerdings leicht steigend.

Vom Ehrgeiz gepackt

Das wäre wohl so weitergegangen, hätte mich diesen Juni nicht der Ehrgeiz gepackt, wieder etwas mehr für meine Fitness zu tun. Fitnessarmbänder mit Schrittzähler haben es in der Vergangenheit schon punktuell geschafft, mich zu motivieren. Doch mit dem Update auf WatchOS 3 ist die Apple Watch zu einem unerwartet guten Fitnesstracker für Gelegenheitssportler geworden. In meinem ursprünglichen Test vor über einem Jahr hat mich die Smartwatch in dem Bereich noch ziemlich kaltgelassen.

Doch mit der neuen Software wurden die Fitnessfunktionen intuitiver, übersichtlicher und vor allem besser sichtbar. Ein spezielles Zifferblatt zeigt nun auf einen Blick mit drei bunten Kreisen, ob ich mich heute schon genug bewegt und angestrengt habe und ob ich nicht nur herumgesessen oder gar -gelegen habe (Die Sommergrippe lässt grüssen).

Kalorien statt Schritte

Aber noch etwas Zweites verhalf der Apple Watch zu einem Comeback als Fitnesstracker an meinem Handgelenk. Ich habe wieder angefangen, Velo zu fahren. Auf einmal machte der, im ersten Test von mir kritisierte Fokus von Apple auf Kalorien statt Schritte Sinn. Schliesslich hat nicht jede Sportart etwas mit Schritten zu tun.

Mit der neuen wasserdichten Apple Watch kommt jetzt sogar noch Schwimmen dazu. Auch dabei macht man bekanntlich keine Schritte. So schliesst sich der rosa Kreis auf meiner Uhr jetzt auch, wenn ich im Wasser oder auf der Strasse unterwegs bin.

Auch wenn ich mir unter Kalorien weiterhin nur wenig vorstellen kann, sehe ich trotzdem, wie viel ich mich an einem Tag vergleichsweise bewegt habe. Und ja: Es ist schon vorgekommen, dass ich auf dem Heimweg den Umweg über die lange Treppe genommen habe oder noch eine Zusatzrunde geradelt bin, um alle Fitnessziele zu erreichen.

Seit ich auf der Apple-Uhr WatchOS 3 installiert habe, habe ich fast täglich mein Fitnessziel erreicht und kontinuierlich höhergeschraubt. Ich bin zum Gelegenheits-Fitness-Fanatiker geworden.

Der Gwunder war zu gross

Dass ich es auch Monate später noch bin, verdanke ich wohl zu grossen Teilen einem Anruf von Withings. Die kürzlich von Nokia übernommene französische Firma verkauft allerhand Gesundheits- und Fitnessgeräte: von Schrittzählern über Blutdruckmesser bis hin zu smarten Waagen (Der Firmen-Chef im Interview).

Ob ich nicht doch einmal eine ihrer smarten Waagen ausprobieren möchte, fragte die Frau am Telefon. Noch vor ein paar Monaten hätte ich dankend abgelehnt. Doch nun hat mich der Gwunder gepackt.

Auf den ersten Blick sieht die Withings Body Cardio (ca. 200 Franken) aus wie jede andere Waage – und so funktioniert sie auch. Man steht drauf und bekommt auf einem Display sein Gewicht angezeigt. Doch wenn man (barfuss) stehen bleibt, zeigt sie auch noch Fettanteil, Wasseranteil, den Puls und sogar die Wettervorhersage an.

Motivierende Kurven

Richtig spannend wird es aber, wenn man die Waage über die entsprechenden Apps für Android und iOS mit dem Handy verbindet. Anhand von Kurven sieht man dann, wie sich die eigenen Körperparameter verändern.

Als besonderes Gimmick kann die neue Waage nicht nur den Puls, sondern auch die Pulswellengeschwindigkeit (ein Indikator für Herzgesundheit) messen. Meine Werte sind anscheinend «normal», wenn auch nicht «optimal», aber immerhin nicht in der namenlosen dritten Kategorie für schlechte Werte.

Auch wenn ich mit den Messdaten nicht viel anfangen kann, fällt auf, dass meine Werte nach einem entspannenden Urlaub besser sind als nach dem anstrengenden Ausflug an die iPhone-Präsentation mit Jetlag und Überstunden.

Spannender ist allerdings die Gewichtskurve. Da sehe ich zum ersten Mal, wie sich mein Gewicht über längere Zeit verändert. Mehr Bewegung hat auf jeden Fall einen positiven Effekt. Doch die fallende Kurve hat mich auch motiviert, gesünder zu essen.

Salat statt Teigwaren

Statt des Kantinenmenüs mit Teigwaren und Fleisch nehme ich jetzt häufiger nur einen Salat. So habe ich seit Juni, ohne auch nur auf ein bisschen Lebensqualität zu verzichten, fünf Kilo abgenommen.

Übrigens: Die Waage kann zwischen mehreren Personen unterscheiden. So kann eine ganze Familie die Waage nutzen. Gäste seien aber gewarnt, die Waage speichert auch deren Gewicht. In der Rubrik «Messwerte unbekannt» wird auch deren Gewicht archiviert. Die Namen muss man dann aber freilich erraten.

Es ist auch möglich, einzelne Messwerte nachträglich zu löschen. Etwa wenn man, wie für diesen Test, zwei Liter Wasser auf einmal getrunken hat, oder wenn man vor den Ferien einmal mit dem möglicherweise zu schweren Koffer draufgestiegen ist.

Augenöffner und Motivator

Natürlich ist die Erkenntnis, dass mehr Bewegung und gesünderes Essen gut für die Linie sind, alles andere als neu. In meinem Fall war die fallende Kurve aber Augenöffner und Motivator zugleich.

Darum hat für mich die smarte Waage auch nichts mit mangelndem Körperbewusstsein zu tun, sondern viel mehr mit Entdeckergeist. Dank den für sich unspektakulären Variablen Gewicht und Bewegung sehe ich wenigstens ansatzweise, was in meinem Körper vorgeht und wie er sich verändert.

Entdeckergeist und mulmiges Gefühl

Deshalb kann ich es auch nicht erwarten, zu sehen, was in den nächsten Jahren dank noch viel besserer Sensoren für Einblicke in den eigenen Körper möglich werden.

Und bevor jemand fragt: Ja, ich habe in Zeiten von Yahoo-Hacks und Gesundheitsdaten-Diebstahl ein bisschen ein mulmiges Gefühl, aber der Gwunder ist einfach grösser.

baz.ch/Newsnet

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