«Warum teilen wir das nicht mit der ganzen Welt?»

Die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer im Internet? Die israelische Altertumsbehörde und Google machen es möglich. In den nächsten Monaten sollen bereits die ersten Qumran-Bilder digitalisiert werden.

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Sie gehören zu den berühmtesten Funden der Geschichte und sind etwa 2000 Jahre alt: Die Qumran-Schriftrollen vom Toten Meer. Schon bald werden sie den Sprung in die digitale Welt schaffen.

Die ältesten bekannten Handschriften

Die religiös und historisch bedeutenden Schriftrollen wurden zwischen 1946 und 1956 in elf Felshöhlen rund um das Tote Meer entdeckt. Einer Legende nach soll ein Beduine im Jahr 1974 in der Nähe von Qumran beim Suchen einer entlaufenen Ziege auf eine Höhle mit Schriftrollen gestossen sein. Ab 1952 wurde systematisch nach den Rollen gesucht: Ein französischer Dominikanerpriester und organisierte Suchtrupps fanden die meisten Rollen. Im Jahr 2004 stiessen Beduinen in einer weiteren Höhle auf letzte Schriftrollenreste.

Die meisten Dokumente bestehen aus Pergament und sind aufgrund ihrer ungeschützten Lagerung auf dem Boden nur noch in daumennnagelgrossen Fragmenten erhalten. Unter den etwa 850 Rollen sind die ältesten bekannten Handschriften der Bibel. Die Texte sind in Hebräisch, Aramäisch und Griechisch verfasst und stammen aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert bis etwa zum Jahr 70 nach Christus.

Mehr, als das menschliche Auge sieht

Um die Qumran-Schriftrollen und sämtliche Fragmente zu kopieren, wurde eine spezielle Kamera konstruiert, die verschiedene Lichtwellen nutzt, um bisher eventuell verdeckte Schriftzeichen sichtbar zu machen, wie Projektleiterin Pnina Schor von der israelischen Altertumsbehörde vor den Medien in Jerusalem sagte.

Um mit einer einzigen Aufnahme so viel wie möglich herauszuholen, greift die Altertumsbehörde auf eine hochauflösende digitale Spezialkamera des US-Unternehmens MegaVision zurück. «Mit einem Foto nehmen wir jede Rolle in elf verschiedenen Wellenlängen auf, beispielsweise rot, grün und blau», sagte Schor.

Zum Schluss folgt Infrarot. Das zeigt, was das Auge nicht sehen kann. Es hilft beim Entziffern. «Wir werden viele Dinge sehen, die wir nie zuvor sehen konnten. Die Rollen sind 2000 Jahre alt. An vielen Stellen sind sie sehr dunkel, an anderen ist die Tinte beschädigt worden.»

800 Dokumente online, kostenlos

In den kommenden fünf Jahren werden die über 800 Dokumente zum kostenfreien Abruf online sein. Die Bilder sollen dann in einer Online-Datenbank zusammengefasst werden, die auch eine Übersetzungs- und Suchfunktion anbietet. «Von der Minute an, in der alle von ihnen online sind, ist es nicht mehr nötig, die Schriftrollen auszustellen, weil jeder in seinem Büro oder auf der Couch sie sehen kann», sagte Schor.

«Es ist unser Erbe. Also haben wir uns gefragt, warum teilen wir das nicht mit der ganzen Welt? Und an dieser Stelle kommt Google ins Spiel», so die Projektleiterin. Nicht nur die 30'000 Aufnahmen würden mit Hilfe des Internetriesen online gestellt, sondern auch Transkriptionen, Übersetzungen und alle Literaturhinweise.

clm/afp/sda

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