Thür verlangt von Apple Rechenschaft

Schlimmer als die Überwachung der iPhone- und iPad-Nutzer ist, wie Apple das Problem kommuniziert. Nämlich gar nicht. Jetzt hat der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür genug.

«Es leuchtet nicht ein, dass Daten gesammelt werden, die nicht gebraucht werden. Da verlangen wir eine plausible Antwort»: Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür.

«Es leuchtet nicht ein, dass Daten gesammelt werden, die nicht gebraucht werden. Da verlangen wir eine plausible Antwort»: Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür.

(Bild: Keystone)

Reto Knobel@RetoRek

Laut einem Bericht von Macrumors.com hat Apple-Chef Steve Jobs himself auf eine Anfrage eines Lesers reagiert. Dieser wollte wissen, warum Cupertino Ortsinfos von iPhone- und iPad-Nutzern aufzeichnet und monatelang speichert (baz.ch/Newsnet berichtete).

Das Mail im Wortlaut:

«Steve, könntest Du mir bitte die Notwendigkeit der passiven Orts-Überwachung in meinem iPhone erklären? Ich finde es beunruhigend, dass mein genauer Standpunkt zu jeder Zeit aufgezeichnet wird. Vielleicht kannst Du die Sache klären, bevor ich doch noch zu Android wechsle? Diese Smartphones überwachen mich ja nicht.»

Die Antwort von Steve Jobs:

«Doch, das tun sie. Wir verfolgen niemanden. Die kursierenden Informationen sind ganz einfach falsch.»

Jobs' Statement - falls es denn echt ist - wirft allerdings mehr Fragen auf als dass es beantwortet: So sagt der Apple-Chef nicht, was genau denn an den Medienberichten nicht korrekt sein sollte, auf den Fakt, dass Ortsdaten gespeichert werden geht er gar nicht erst ein. Stattdessen greift er den Konkurrenten Google frontal an.

Lieber die Konkurrenz anschwärzen

Das Firmenmotto bezüglich Datenschutz lautet ganz offensichtlich also: «Wir nicht, die anderen auch» - Apple schweigt Probleme tot (sie werden in der Regeln nicht mal dementiert), aber schwärzt die Konkurrenz an.

Kann man die Verschwiegenheit als noble Zurückhaltung interpretieren? Im jüngsten Fall kaum. Nur Apple kann erklären, ob die Bewegungsprofile auf einer Sicherheitslücke basieren - dann wäre die Tracking-Funktion unabsichtlich aktiviert - oder ob der Konzern bewusst Standortinformationen hortet.

Offenbar keine Deaktivierung möglich

Aufklärung tut Not, um so mehr als laut einem Bericht des «Wall Street Journals» zufolge der Nutzer keine Chance hat, die Speicherung von Geo-Daten zu deaktivieren. Immerhin: Letztere werden offenbar gemäss diesem Artikel nicht an Apple übertragen. Aber nicht einmal letzterer Punkt wird von der Firmenzentrale bestätigt.

Aber wie lange kann es sich Apple noch leisten, Probleme einfach auszusitzen? In den wichtigen Märkten scheint den Datenschützern und Politikern der Geduldsfaden zu reissen. Das deutsche Bundesverbraucherschutzministerium etwa hat laut der Nachrichtenagentur AFP Apple bereits am Donnerstag zu einer Stellungnahme aufgefordert. Bewegungsprofile zählten zu den sensibelsten persönlichen Daten überhaupt und dürften nur mit «gesonderter und ausdrücklicher Zustimmung des Betroffenen» erhoben werden, so das Ministerium. In den USA wiederum verlangt Senator Al Franken, Vorsitzender des Unterausschusses für Privatsphäre und Technologien, Aufklärung (siehe Artikel in der linken Spalte). Sollte der Brief an Steve Jobs unbeantwortet bleiben, schliesst Franken eine Anhörung vor seinem Ausschuss nicht aus.

«Das könnte sehr heikel werden»

Und die Schweiz? Laut Recherchen von baz.ch/Newsnet wird auch der eidgenössische Datenschutzbeauftragte aktiv. «Es ist klar, dass Lokalisierungsdaten heikle Daten darstellen, weil damit von Nutzern Bewegungsprofile erstellt werden können», so Hanspeter Thür. «Wenn sie in zweifelhafte Hände geraten, könnte dies für den Betroffenen sehr heikel werden. Deshalb interessiert die Frage, wem diese Daten zur Verfügung stehen und vor allem, aus welchem Grund sie gespeichert werden. Diese Fragen werden wir Apple unterbreiten.»

Solange er nicht wisse, weshalb Apple dies mache, könne die Rechtmässigkeit der Tracking-Funktion nicht abschliessend beantwortet werden. «Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass es eine plausible Rechtfertigung dafür gibt, diese Tracking-Funktion nicht öffentlich zu machen und die Möglichkeit zu geben, sie auszuschalten. Es leuchtet nicht ein, dass Daten gesammelt werden, die nicht gebraucht werden. Da verlangen wir eine plausible Antwort.»

«Gerichtliches Vorgehen kein Spaziergang»

Bevor weitere Massnahmen zur Diskussion stehen, will Thür den Sachverhalt genau abgeklären. «Ein gerichtliches Vorgehen», so der Datenschützer, «ist vor allem gegen einen international tätigen Konzern, kein Spaziergang». Wichtig sei aus Effizienzgründen auch ein international koordiniertes Vorgehen. Die Problematik beschränke sich ja nicht nur auf die Schweiz.

baz.ch/Newsnet

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