Nur Angela Merkel kennt keine «German Angst»

Scientology? BP? Oder das Finanzamt? Nein: Die meistgehasste Organisation in Deutschland dieser Tage ist Google. Wie konnte es so weit kommen?

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Reto Knobel@RetoRek

Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint zu den Wenigen zu gehören, die in der seit Tagen schwelenden Google-Debatte kühlen Kopf bewahren. «Die Bundeskanzlerin geht davon aus, dass ihr Wohnsitz ohnehin schon oft abgelichtet wurde und bekannt ist», sagt Regierungssprecher Steffen Seibert. Darum werde sie ihr Haus in Berlin-Mitte auf Street View voraussichtlich nicht löschen lassen.

Ganz anders sieht es beim Fussvolk aus. Laut einer repräsentativen Umfrage von «Bild am Sonntag» sind 52 Prozent aller Deutschen dagegen, dass ihr Haus oder ihre Wohnung auf Street View erkennbar sind.

Das Unternehmen sorgt vor

Vor kurzem kündigte Google an, noch dieses Jahr die 20 grössten Städte virtuell verfügbar zu machen. Fotografierte Gesichter und Autokennzeichen werden automatisch unkenntlich gemacht, wie in der Schweiz auch. Ausserdem hat der IT-Konzern eine Site aufgeschaltet, über die man Häuser und Grundstücke von der Anzeige in Street View ausschliessen kann. Dies war vorher schon brieflich möglich. Gegenüber der «Süddeutschen» hält Andreas Türk, Produktmanager von Google Maps, ausdrücklich fest, dass selbst nach dem Start von Street View «jederzeit und dauerhaft die Möglichkeit» bestehe, Bilder unkenntlich zu machen.

Immer wieder betont das Unternehmen schliesslich, nur von öffentlichen Plätzen aus zu fotografieren. Dabei beruft sich Google auf die so genannte Strassenbildfreiheit: Jeder darf alles fotografieren, was von öffentlichen Plätzen aus zu sehen ist, also etwa Autos und Häuser (nicht aber Menschen: Hier greift das «Recht am eigenen Bild»). Diese Fotos darf in Deutschland jedermann verfielfältigen und publizieren.

Doch egal was Google sagt und unternimmt, der Widerstand wird nicht geringer. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger etwa plant eine rasche Reform des Datenschutzrechts. Konsumentenschutzministerin Ilse Aigner kündigt an, dass das Kabinett eine Regelung zur Verwendung von Geo-Daten thematisieren werde. Viele bürgerliche Politiker fordern sogar, dass ältere Menschen, die sich mit der Online-Welt nicht auskennen und ein Haus besitzen, vom amerikanischen Konzern vor der Publikation der Bilder um Erlaubnis gefragt werden müssen.

Streit sogar innerhalb der Regierung

Bald wird Google Red und Antwort stehen müssen. Innenminister Thomas de Maizière wird in einem Monat mit Spitzenvertretern von Google zusammenkommen. Schon jetzt lässt er verlauten: Falls Bedarf vorhanden sei, könne man noch diesen Herbst ein Gesetz zum Datenschutz bei Geoinformationen verabschieden. Für Leutheusser-Schnarrenberger geht dies allerdings zu wenig weit: «Das Thema darf nicht auf die lange Bank geschoben werden». Es sei Sache des Innenministers, einen Vorschlag zu formulieren, sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur DAPD. «Ich gehe davon aus, dass der Bundesinnenminister jetzt seinen Zeitplan für eine Internet-Gesetzgebung vorlegen wird.»

Angesichts der Schärfe dieses Streits mahnt selbst das Portal «Spiegel Online», das sich gerne und immer wieder als Anwalt für mehr Privatsphäre im Netz engagiert, zur Zurückhaltung und kritisiert den Aktionismus mit scharfen Worten: «Street View als GAU in der Datenschutzhölle? Die Unterteufel, beamtete Datenschützer ohne Macht, aber mit grosser Mistgabel, verbreiten Schwefelgestank: Google, go home, nix Fotos, alles verboten.»

Das nächste Opfer: Google Earth

Doch solche Worte verhallen ungehört. Längst haben die Google-Hasser auch Google Earth im Visier. Die deutsche Juristin Eva Dzepina etwa hält solche Dienst für noch viel gefährlicher als Street View, «weil sie Ansichten zeigen, die nicht einfach öffentlich zugänglich sind». «Das geht sehr in den privaten Bereich hinein, wenn man sehen kann, wie auf der Terrasse der Tisch zum Frühstück gedeckt ist», wird Dzepina von der Nachrichtenagentur DPA zitiert. Anders als bei Googles Strassenkartendienst gebe es bei Google Earth kein Verfahren, um einzelne Ansichten unkenntlich machen zu lassen.

«Das Internet macht paranoid», konstatiert die «Frankfurter Rundschau». Der latente Voyeurismus, mit dem man das Internet durchschweife, räche sich, wenn man plötzlich sich selbst als potenzielles Objekt von Ausspähungen erblicke: «Man fühlt sich gefangen, herausfischbar, von jedermann heranzuzoomen.»

Derzeit würden «die krudesten Argumente» ins Feld geführt, um gegen Street View vorzugehen. «Ehebrechende Liebespaare könnten überführt werden. Aber warum erlaubt man dann die Webcams, die zu Werbezwecken zahlreiche Touristenorte in Echtzeit beobachten?»

«Etwas klamm ums Herz»

Das Unbehagen an Street View liege tiefer, ist die «Frankfurter Rundschau» überzeugt: «Es hat viel mit der lauernden Haltung zu tun, mit der man selbst das Internet durchstöbert. Sieht man bei Google Earth den Erdball aus der Perspektive des Alls vor sich und zoomt dann langsam auf sein eigenes Haus, kann einem tatsächlich etwas klamm werden ums Herz. Aufregend, wie man unter Milliarden Menschen binnen Sekunden aufzustöbern ist. Man stösst auf den Raum seiner kleine Existenz hinab mit den scharfen Augen eines Ausserirdischen.»

Warum aber wird diese Angst gerade in Deutschland manifest? Jost Kaiser schreibt in einer lesenswerten Kolumne im Magazin «GQ» von einer neuen Variante der berühmten «German Angst»: «Was 1983 das Waldsterben war, ist heute die Gehirnzersetzungsangst durch das Internet. Dazwischen gab es die Nahrungsmittelangst und die Verelendungsangst namens Hartz IV.» Dabei komme immer die gleiche Grundregel zum Zug: «Angst empfindet man am liebsten nur bei völlig abstrakten Gefahren, die keineswegs bewiesen werden können (...) Vielleicht ist unsere Angst vor den ganz bösen, unsichtbaren Gefahren da draussen eine ganz geschickte Strategie, um sich den wahren, greifbaren Gefahren nicht zu stellen. Sehr schlau, Deutschland.»

baz.ch/Newsnet

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