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«Im Code liegt die Wahrheit»

Eine Menschenrechtlerin als Hauptrednerin und VW am Pranger: Der 32. Kongress des Chaos Computer Clubs zeigt, wie politisch die Hacker geworden sind.

Alles dreht sich um die digitale Welt: Zwei Besucher des Chaos Computer Congress spielen mit einer Kamera, die digitale Spiegelbilder erzeugt. (28. Dezember 2015)
Alles dreht sich um die digitale Welt: Zwei Besucher des Chaos Computer Congress spielen mit einer Kamera, die digitale Spiegelbilder erzeugt. (28. Dezember 2015)
Keystone
Seit mehr als drei Jahrzehnten ein fester Termin: Teilnehmer des CCC-Kongresses in Hamburg.
Seit mehr als drei Jahrzehnten ein fester Termin: Teilnehmer des CCC-Kongresses in Hamburg.
Keystone
Gut 12'000 Besucher werden am Kongress erwartet.
Gut 12'000 Besucher werden am Kongress erwartet.
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Irgendwie war ja klar, dass Volkswagen noch an die Kasse kommen musste. Der alljährliche Kongress des Chaos Computer Clubs war gerade in seinen ersten Tag gestartet, als der VW-Abgasskandal zum grossen Thema wurde. Der Hacker Felix Domke demonstrierte im Kongresszentrum Hamburg, wie die Software-Steuerung eines Dieselmotors im laufenden Betrieb die Stickstoffreduzierung ausbremst. Der Besitzer eines VW-Dieselautos hatte die Steuerungssoftware seines Wagens auseinandergenommen, nachdem die Testmanipulationen in den USA publik geworden waren. Domke handelte aus Neugier: Er wollte wissen, was es mit der manipulativen Software auf sich hatte.

Also untersuchte er die Software-Anweisungen zur Abgabe einer Lösung, welche den Ausstoss von Stickoxiden verringern soll. Der Befund: Im Test zeigte der Motor gute Ergebnisse bei der Schadstoffreduzierung. Verlängerte sich die Fahrtzeit und erhöhte sich die Geschwindigkeit, wurde die Abgabe der Lösung nahezu auf null reduziert. Der Hacker vermutet, dass durch dieses Verhalten die Zeitspanne bis zum nächsten Nachfüllen der Lösung verlängert werde. Der Hersteller nehme dabei aber bewusst eine erhöhte Emission von Stickoxiden in Kauf.

«Wir sind Hacker, und wir kennen den Code, und im Code liegt die Wahrheit», kommentierte Domke seinen Befund – und reihte sich damit ganz gut in die Geschichte des Chaos Computer Clubs ein.

Banken-Hack zum Auftakt

1981 trommeln Klaus Schleisiek und Wau Holland per Aufruf «Komputerfrieks» aus ganz Deutschland in Berlin zusammen und gründen den Chaos Computer Club (CCC). Ziel von Schleisiek, Holland und Co: Die Computer- und Datentechnologie soll nicht allein der Wirtschaft und Politik überlassen werden; man will die rasanten Entwicklungen kritisch hinterfragen.

Drei Jahre später macht der CCC erstmals mit einem spektakulären Hack auf sich aufmerksam. Die Mitglieder des Clubs bauen selber ein Modem und knacken das als sicher geltende Bildschirmtext-System. So gelangen sie auf einen Account der Hamburger Sparkasse. Mit der Aktion will der CCC auf das Sicherheitsproblem aufmerksam machen.

Heute umfasst der Verein nach eigenen Angaben rund 5500 Mitglieder und ist somit der grösste seiner Art in Europa. Der CCC engagiert sich für Datenschutz und Informationsfreiheit. Ein zentrales Motto in seiner Hackerethik: «Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.» Seit 1984 führt der CCC auch seinen jährlichen Kongress durch.

Gefangen in der digitalen Blase

Dass der Verein seit seiner Gründung zunehmend politisch geworden ist, zeigt auch die diesjährige Ausgabe des Anlasses – des 32. Chaos Communication Congress (32c3). Mit dem Motto «gated communities» richtet sich die Veranstaltung in Anlehnung an abgeschottete Wohnkomplexe gegen geschlossene Räume aller Art. Während vier Tagen geht es in Hamburg um Internetsicherheit, Freiheitsrechte im Netz und digitale Lebensweisen. Mehr als 200 Einzelsprecher und Gruppen präsentieren ihre Projekte in Vorträgen und Workshops.

Als eine der Hauptrednerinnen präsentierte der Verein nicht etwa einen Computerspezialisten oder eine Hacker-Legende, sondern die somalische Menschenrechtlerin Fatuma Musa Afrah. «Ich weiss nicht, was Hacker bedeutet», sagt die 26-Jährige gleich zu Beginn ihrer Rede vor mehreren Tausend Hackern. Aber «gated communities» habe sie in den Flüchtlingsheimen kennen gelernt, als sie vor eineinhalb Jahren nach Brandenburg gekommen sei.

Derweil erklärte CCC-Sprecher Dirk Engling gegenüber «Spiegel online», was das Motto im Bezug auf die digital Welt meint: «Google News beschliesst, was nachrichtenwürdig ist, Youtube beschliesst, was angesehen werden darf, Apple beschliesst, welche Apps im App-Store zugelassen sind.» Das Resultat sei, dass man in einer Art Blase feststecke.

Bis zu 12'000 Besucher werden am viertägigen Kongress in Hamburg erwartet. Der Chaos Computer Club hofft, möglichst viele von ihnen dazu zu bewegen, aus ihren Blasen auszubrechen. Engling: «Lasst uns gemeinsam die Schranken durchbrechen.»

Mit Material von sda angereichert.

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