Die Freundin als Tamagochi

In Japan pilgern Hunderte Männer in die Küstenstadt Atami, um sich ihrer Freundin nahe zu fühlen. Auch wenn diese nur auf ihrem Nintendo DS oder iPhone existiert.

Digitale Liebe: Die drei Spielfiguren von Love Plus.

Digitale Liebe: Die drei Spielfiguren von Love Plus.

So etwas kann nur Spiele-Entwicklern im Land der aufgehenden Sonne einfallen: Ein Computerspiel ermöglicht es einsamen Männern, eine – virtuelle – Freundin zu haben. Das von Konami entwickelte Love Plus für Nintendo DS entspricht einer fortgeschrittenen Tamagochi-Version: Das Mädchen will unterhalten und bei der Stange gehalten werden, sonst ist die Beziehung vorbei.

Die Fortsetzung Love Plus+ geht nun gar noch einen Schritt weiter. Sie lädt die Spieler dazu ein, sich für ein paar Tage im ehemaligen Flitterwochenparadies Atami niederzulassen, um mit der virtuellen Freundin Urlaub zu machen. Dort können sie sich zum Beispiel an verschiedenen Hotspots mit ihr fotografieren lassen – iPhone und Strichcode sei dank.

Gegen die Einsamkeit

Und japanische Männer machen rege von diesem Angebot Gebrauch. Im Juli haben Love Plus+ und Atami so über 1500 Fans angelockt, die ihrer Videogame-Freundin zum romantischen Date gefolgt sind.

«Atami war immer ein romantischer Ort, aber jetzt ist er ein romantischer Ort für die moderne Generation», sagt Sake Saito, Bürgermeister von Atami gegenüber dem «Wall Street Journal». Und im Küstenort tut man alles, damit sich die Love-Plus-Zocker wohlfühlen. So werden in Hotels einsame Männer auch mal als Paar eingecheckt, um den Schein zu wahren, sie seien nicht alleine da. Viele Gäste gehen so weit, dass sie ihr Zimmer tatsächlich für zwei Personen bezahlen.

Die meisten von ihnen sind zwischen 20 und 40, oft leicht verzweifelte Singles. «Es gibt nicht viel Romantik in meinem Leben, aber Love Plus hilft mir, mit meiner Einsamkeit klarzukommen», sagt ein 19-jähriger Spieler gegenüber dem «Wall Street Journal».

Nur küssen ist erlaubt

Der Love-Plus-Spieler kann zu Beginn des Spiels aus drei Mädchen auswählen, die er zur Freundin haben will. Ziel ist es, nicht nur das Mädchen mit Einsatz und Aufmerksamkeit zu kriegen, sondern sie auch zu behalten. Mit dem Stift des Nintendo DS spricht man mit ihr oder kann sie an der Hand zur Schule begleiten und so die «Boyfriend Power» steigern. Dass es sich bei der Freundin um ein Schulmädchen handelt, scheint die Japaner nicht zu stören. Im Gegenteil: Der Lolita-Effekt gilt in Nippon als viel unproblematischer als in Europa. Erotische Mangas mit jungen Mädchen etwa sind weit verbreitet und alles andere als verpönt. Ebenfalls erfreut sich ein Spiel grosser Beliebtheit, in dem ein junges Mädchen beim Einschlafen und Trainieren hilft (siehe Box) und dabei zufälligerweise viel Haut zeigt.

Bei Love Plus hingegen liegt auch im besten Fall nicht mehr als ein Kuss drin. Wer seine digitale Freundin unsittlich berührt, hat ausgespielt.

Geburtstag nicht vergessen

Das Spiel kann ferner so synchronisiert werden, dass es in Echtzeit abläuft. Wer dann erst in der Nacht seinen Nintendo DS oder sein iPhone einstellt, muss damit rechnen, dass die Freundin schon schläft. Wird sie zu wenig umworben, gibt sie einem bald den Laufpass. Ebenso, wenn man ihren Geburtstag vergisst.

Japan-Kenner wollen nicht von einem nationalen Phänomen reden. Die Liebe zu virtuellen Mädchen sei lediglich in der Subkultur einer Subkultur gegeben. Nichtsdestotrotz: Ein Love-Plus-Spieler soll seiner geliebten Manga-Figur schon offiziell das Jawort gegeben haben.

reh

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt