Herr Daisey und die Minderjährigen

Medienskandal in den USA: Der prominenteste Kritiker des Apple-Zulieferers Foxconn, Mike Daisey, hat Interviews mit Fabrikkindern und einem verstümmelten iPad-Arbeiter frei erfunden.

«Ich stehe zu meiner Arbeit»: Mike Daisey während einer Vorführung von «The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs».

«Ich stehe zu meiner Arbeit»: Mike Daisey während einer Vorführung von «The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs».

Selbstmorde, Explosionen, Billiglöhne: Tech-Zulieferer Foxconn hat einen miesen Ruf. Einer der Abnehmer der in chinesischen Fabriken hergestellten Geräte ist Apple. Nach diversen harschen Medienberichten über die Verantwortung des iPhone- und iPad-Unternehmens kündigte Apple-Chef Tim Cook kürzlich an, Experten der Fair Labor Association (FLA) nach Shenzhen zu schicken, um die Arbeitsbedingungen zu überprüfen.

Die Organisation habe «tonnenweise Probleme» gefunden, sagte FLA-Präsident Auret van Heerden nach einer ersten Inspektion. Einige Tage danach konnte die ganze Welt dank einem Bericht des Fernsehsenders ABC einen Blick in die geheimnisvollen Hallen werfen.

On the road, um gegen Apple zu protestieren

Der prominenteste Foxconn-Kritiker heisst Mike Daisey. Seit 2010 tourt der 39-jährige Theaterautor mit seinem Stück «The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs» durch die USA. Mit seinem Bühnenprogramm, einer One-Man-Show, die baz.ch/Newsnet 2011 vorgestellt hat, macht er auf die Missstände in den Produktionsstandorten von Gadgets aufmerksam.

Für seine Recherchen reiste der 39-Jährige nach Shenzhen, wo die grösste Foxconn-Fabrik steht. Im Januar dieses Jahres strahlte die NPR-Radiosendung «This American Life» den Beitrag «Mr. Daisey and the Apple Factory» aus. Dabei ging es unter anderem um bewaffnete Fabrikwächter, eine 13-jährige Arbeiterin und einen Chinesen, dessen Hand von der iPad-Fertigung völlig entstellt ist. Von der «New York Times» bis zur Nachrichtenagentur Associated Press nahmen diverse Medien die Geschichte auf.

«Daisey hat uns angelogen»

Das Problem nur: Die Interviews mit den oben erwähnten Chinesen waren frei erfunden, wie der öffentlich-rechtliche Sender am vergangenen Freitag zugeben musste. «Daisey hat uns angelogen, als wir vor der Sendung die Fakten überprüften. Das entschuldigt nicht, dass wir überhaupt damit auf Sendung gegangen sind. Es war unser Fehler», gab «This American Life»-Moderator Ira Glass zu.

Die Wahrheit wäre wahrscheinlich nie ans Licht gekommen, hätte Radioreporter Rob Schmitz nicht die Dolmetscherin Li Guifen aufgespürt, die Daisey auf seiner Tour durch den «stalinistischen Feuchttraum» (Daisey über die Foxconn-Fabrik in Shenzhen) begleitet hat. Die Gespräche mit minderjährigen Arbeitern, dem invaliden iPad-Arbeiter und den bewaffneten Sicherheitskräften seien frei erfunden, gab Guifen Schmitz zu Protokoll.

Die Entschuldigung bleibt aus

In der Folge mussten US-Medien reihenweise vor Apple den Bückling machen. «I'm sorry, Apple», titelt etwa der «Business Insider» und die «New York Times» strich diverse Passagen eines in der Zeitung am 6. Oktober 2011 publizierten Artikels (der von Daisey selbst verfasst wurde) und versah ihn mit einem redaktionellen Korrigendum.

Daisey selber gibt sich uneinsichtig: «Ich stehe zu meiner Arbeit», liest man auf seinem Blog. «Meine Show ist ein Theaterstück. Es liefert eine Verbindung zwischen unseren fantastischen Gadgets und den schlimmen Bedingungen, unter welchen diese hergestellt werden.» Den einzigen Punkt, den er bereue, sei die Erlaubnis zur Verwendung von «Mr. Daisey and the Apple Factory» durch ein journalistisches Gefäss, denn er betreibe ja «keinen Journalismus».

Kultur-Redaktoren sind empört

Die Angelegenheit dürfte für Daisey aber nicht erledigt sein. Foxconn sieht laut Reuters von rechtlichen Schritten gegen Daisey ab. So halten es US-Medien für möglich, dass Apple den prominenten Kritiker verklagen wird (der Konzern hat sich bislang nicht geäussert). Und vielleicht noch schlimmer: Prominente Feuilleton-Chefs wie Terry Teachout («Wall Street Journal») und Peter Marks («Washington Post») haben eben erst mit der öffentlichen Demontage des einstigen Journalistenlieblings begonnen.

rek

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