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Basketballer Thabo Sefolosha«Dieses Problem ist grösser als Donald Trump»

Thabo Sefolosha hat selber unter Polizeigewalt gelitten. Der Schweizer Profibasketballer mit südafrikanischen Wurzeln fühlt Wut und sieht die Zustände in den USA als Folge der Geschichte.

Der erste Schweizer NBA-Profi: Thabo Sefolosha.
Der erste Schweizer NBA-Profi: Thabo Sefolosha.
Foto: Nicolas Righetti

Thabo Sefolosha ist kein 08/15-Sportler. Rassismus kennt er aus eigener Erfahrung, der Kampf dagegen ist ihm ein persönliches Anliegen. Das zeigt sich, wenn er über die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weissen Polizisten spricht. Das Interview mit dem NBA-Spieler aus Vevey findet per Videokonferenz statt, Sefolosha sitzt in seinem Haus in Atlanta, Georgia. Der Familienvater (zwei Töchter) hat sich intensiv mit der Geschichte der Schwarzen in den USA auseinandergesetzt, und so entwickelt sich ein Gespräch, in dem es um viel mehr geht als um Sport.

Thabo Sefolosha, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Video von der Ermordung George Floyds sahen?

Ich war entsetzt. Ich war entsetzt über den Mangel an Empathie gegenüber einem anderen Menschen – und das von einem Polizisten, der eigentlich dafür da wäre, der Gesellschaft zu dienen und die Bevölkerung zu beschützen. Weil so etwas nicht zum ersten Mal vorgekommen ist, baut sich Wut auf. Und das Video selber ist einfach furchtbar.

Kamen Erinnerungen an Ihren Zusammenprall mit der Polizei hoch?

Klar, jedes Mal, wenn es zu einer Situation mit Polizeigewalt kommt, denke ich an den Vorfall in New York zurück. Dieser ist nun fünf Jahre her, und doch sind die Erinnerungen noch frisch.

Mit welchem Gefühl begegnen Sie seither Polizeibeamten in den USA?

Nicht mit Zorn, denn die meisten Polizisten sind gute Menschen. Das Problem ist das System. Die schwarze Gemeinschaft ist ein einfaches Ziel, und es kommt immer öfter vor, dass die Menschenwürde missachtet wird. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich dies nicht wütend macht.

Immer wieder wenden Polizeibeamte in den USA unverhältnismässig Gewalt an. Wie lautet Ihre Erklärung?

Ich weiss nicht, ob ich prädestiniert bin, diesen Umstand zu erklären. Aber nach 14 Jahren in den USA kann ich sagen: Amerika ist ein Ort der Gewalt. Das zeigt sich allein am zweiten Zusatzartikel der Verfassung, der es allen erlaubt, eine Waffe zu tragen. Vieles hat sich aus der Entstehung des Landes ergeben; die Geschichte der USA ist von Gewalt geprägt.

«In meinem Fall logen die Polizisten sogar unter Eid, um ihre Kollegen zu schützen.»

Und was schürt heute die Gewalt?

Zum Beispiel der extreme Kapitalismus, der auf Kosten von jemandem existieren muss. In den USA zahlen jene den Preis, die keine Stimme haben, die sich nicht verteidigen können. Das sind nicht nur Schwarze. Wenn wir von Polizeigewalt reden, ist wohl die Klassenstruktur in Amerika entscheidend. Sie basiert in erster Linie auf der Geschichte und hat in der Gegenwart sehr viele Mängel.

Offenbar hat es nicht viel bewirkt, dass Sie das New Yorker Polizeidepartement mit Erfolg eingeklagt haben. Sind Sie enttäuscht?

Für mich war das nur der Anfang. Ich habe mich bisher in erster Linie auf den Basketball konzentriert; im Sommer versuchte ich stets, mich zu verbessern. Aber ich habe die Probleme nicht vergessen und will in Zukunft etwas bewegen. Doch in Zeiten wie diesen sind Lösungen gefragt, und ich bin gern bereit, zu helfen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, auf die Missstände aufmerksam zu machen, oder wenn jemand eine Plattform braucht, um Lösungen aufzuzeigen.

Schon im letzten Sommer sagten Sie, der Rassismus in den USA nehme zu. Wissen Sie, warum das so ist?

Ich denke, viele verspüren ein Gefühl der Angst. Überall, wo es wirtschaftlich nicht zum Besten steht und Unsicherheit herrscht, haben die Menschen die Tendenz, auf jemandem zu zeigen, jemandem die Schuld zu geben. Deshalb wird an der Grenze zu Mexiko eine Mauer gebaut, deshalb wurde Donald Trump Präsident. Seine Wahl basierte auf dem Zorn und auf der Unzufriedenheit mit dem System in Amerika, und zwar auf der Unzufriedenheit vieler schwarzer und weisser Leute.

Thabo Sefolosha spielt seit dieser Saison für die Houston Rockets Basketball.
Thabo Sefolosha spielt seit dieser Saison für die Houston Rockets Basketball.
Foto: Rick Bowmer/AP Photo

Was missfällt jenen konkret?

Sie glauben nicht mehr daran, dass das politische System funktioniert, sie glauben kaum noch daran, dass die Medien korrekt informieren.

Haben Sie an Demonstrationen teilgenommen?

Nein, obwohl ich es mir überlegt hatte.

Weshalb entschieden Sie sich dagegen?

Einerseits wegen des Coronavirus; bald könnte die Saison weitergehen, da muss ich vorsichtig sein. Zudem wollte ich meine Töchter mitnehmen, weil wir unter Umständen eine historische Zeit erleben, die vielleicht schon bald ein paar Seiten in den Schulbüchern füllen wird. Sie sollten diese Erfahrung machen, aber als wir am TV sahen, dass es zu Gewaltausbrüchen kam, sahen wir von der Teilnahme ab. Aber klar: Ich unterstütze die Proteste aus Überzeugung.

Grosse Proteste: Auch in Atlanta treffen Demonstranten auf die Polizei.
Grosse Proteste: Auch in Atlanta treffen Demonstranten auf die Polizei.
Foto: Keystone

Was bewirkt es, wenn Superstars wie Tiger Woods, Michael Jordan und LeBron James öffentlich Stellung beziehen?

Das ist sehr hilfreich. Einige engagieren sich schon lange, andere sind erst jetzt an Bord gekommen. Wie viele es sind, spricht für die Notwendigkeit eines Wandels. Sich zu äussern, ist gut, aber nun ist die Zeit gekommen zu handeln. LeBron James hat zum Beispiel eine Schule für benachteiligte Kinder eröffnet – solche Engagements führen zu nachhaltigen Veränderungen. Die Proteste können die Menschen veranlassen, etwas zu ändern, zum Beispiel ihr Geld anders auszugeben oder anders zu wählen.

Letztlich wird sich nur etwas ändern, wenn auch die Weissen zum Umdenken bereit sind. Nützt es vielleicht noch mehr, wenn weisse Stars sich öffentlich solidarisch zeigen?

Vielleicht erreichen Sie den weissen Teil Bevölkerung in den USA und viele Leute sonst auf der Welt tatsächlich besser. Als Kyle Korver (weisser Basketballer bei den Milwaukee Bucks/die Redaktion) vor einiger Zeit in einem öffentlichen Brief über den Kampf und die Benachteiligungen der Schwarzen schrieb, war das sehr wirkungsvoll. Die Schwarzen wissen, unter welchem System sie leiden. Sie beklagen sich seit der Zeit der Rassentrennung darüber. Es ist Zeit, sich zu vereinigen.

Was erwarten Sie konkret von weissen Menschen, wenn es darum geht, Rassismus zu bekämpfen?

Der erste Schritt ist, Rassismus und Gewalt anzuprangern. Von Polizisten erwarte ich, dass sie nicht wegsehen. Sie müssen mithelfen, Kollegen zur Rechenschaft zu ziehen, die unverhältnismässig Gewalt ausgeübt haben. In meinem Fall in New York war es so, dass Beamte selbst unter Eid logen, weil sie ihre Kollegen schützen wollten. Die normalen Bürger in Amerika müssen sich bewusst werden, dass Rassismus existiert, und sie sollen rassistisches Verhalten verurteilen. Und dann können sie sich wirtschaftlich positionieren, indem sie genau hinschauen, mit welchen Firmen sie Geschäfte machen. Da gilt genau das Gleiche, wie wenn man etwas gegen die Klimaerwärmung unternehmen will.

Etliche Polizisten und selbst der Bürgermeister von Los Angeles haben an Demonstrationen teilgenommen und sind sogar symbolträchtig hingekniet. Wie realistisch ist die Hoffnung, dass sich diesmal wirklich etwas verändert?

Ehrlich gesagt, manchmal bin ich etwas pessimistisch. Schon ganz oft sind die Leute auf die Strasse gegangen, es gab schon in den 1960er-Jahren eine Organisation wie die Black Panthers. Und immer wieder wurden die Bewegungen mit Gewalt gestoppt. Ich denke etwa an die Black Wall Street in Tulsa, Oklahoma, als die schwarze Gemeinschaft erfolgreich geschäftete und brutal zerstört wurde (1921/die Redaktion). Hoffentlich ist es diesmal anders.

Wird der tragische Tod George Floyds Donald Trumps Wiederwahl verhindern?

Keine Ahnung. Die Leute, die an Donald Trump glauben und ihn vor vier Jahren wählten, werden ihre Meinung kaum ändern. Aber vielleicht dient der Vorfall für jene, die letztes mal nicht an die Urne gingen, als Alarmzeichen – und sie werden diesmal wählen . Aber für mich geht es um mehr als um Donald Trump. In den letzten Jahren ist viel über ihn und die Auswirkungen auf die Welt gesprochen worden. Aber dieses Problem ist grösser als Donald Trump, es ist ein Problem, das Amerika seit langer Zeit plagt.

«Ehrlich gesagt, manchmal bin ich etwas pessimistisch.»

Trump will die Demonstranten mit dem Militär bekämpfen. Aufgrund des Coronavirus gibt es in den USA zig Millionen von Arbeitslosen. Ist selbst ein Bürgerkrieg denkbar?

(denkt nach) Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Aber die Dynamik in den USA bereitet mir Sorgen. Viele Menschen haben sehr starke Meinungen und sind nicht bereit nachzugeben. Ich glaube nicht, dass es in Kürze ausartet, aber ich befürchte, nach den Wahlen könnte es anders sein. Viele Trump-Supporter, die stark an den zweiten Zusatzartikel glauben, sind etwas rückständig, aber als Gruppe sehr gefährlich. Amerika muss zwingend seine Geschichte aufarbeiten.

Ist Ihre Familie im Alltag mit Rassismus konfrontiert?

Nein, aber ich verstehe die Frage. In Amerika zeigen die Weissen nicht mit dem Finger auf die Schwarzen und umgekehrt, doch der Rassismus ist im System verankert. Die Menschen unterschiedlicher Rassen haben gelernt, gemeinsam im selben Land zu leben. Aber sie führen völlig unterschiedliche Leben. Als ich nach Chicago kam, schockierte mich die krasse Rassentrennung. In einem Quartier sind die Osteuropäer daheim, in einem anderen die Juden, in einem weiteren die Asiaten, und in einem anderen Stadtteil sind die Schwarzen versammelt. Auch in den Schulen gibt es kaum eine Durchmischung. Daher leidet meine Familie nicht unter dem Rassismus, und doch ist er präsent.

Rassismus gibt es nicht nur in den USA. Waren Sie als Kind im Raum Vevey damit konfrontiert?

Ich hörte ab und zu Sprüche wie «geh dorthin zurück, wo du herkommst», aber das Ausmass des Rassismus lässt sich kaum mit jenem in Amerika vergleichen. Ich denke, das hat mit der Geschichte zu tun: Sie haben es wohl gemerkt: Ich interessiere mich für Geschichte (schmunzelt). Obwohl es Länder mit Kolonien gab, verlief die Geschichte der Migration in Europa ganz anders als in den USA. Ich fühle mich stark als Schweizer, aber auch als Südafrikaner, weil von dort mein Vater stammt. Die Afroamerikaner hingegen kennen nur die USA. Sie haben keinen Bezug zum Land in Afrika, wo sie herkommen. Ich vermute, das hat einen Einfluss.

Zum Schluss noch ein Themawechsel: Weshalb sind Sie während der Coronakrise nicht in die Schweiz zurückgekommen?

Ich wusste nicht, wie lange die Pause dauern würde. Zuerst blieben wir in Houston; die Kinder wurden online geschult. Als das Schuljahr fertig war, reisten wir nach Atlanta, wo wir ein Haus besitzen. Es war insgesamt einfacher, in den USA zu bleiben.

Hoffen Sie, dass die NBA-Saison beendet werden kann?

Ob ich es hoffe? Ich denke, es wird soweit kommen. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, wieder Basketball zu spielen und das Playoff zu bestreiten. Ich bin allerdings gespannt, wie es sich anfühlen wird, ohne Zuschauer zu spielen.