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Kommentar zur Corona-StrategieDieser Plan ist gefährlich langsam

Der Bundesrat sieht je nach Entwicklung einen milderen oder schärferen Lockdown vor. Das ist zwar unumgänglich – aber warum will die Regierung erst in zwei Wochen handeln?

Bundesrat Alain Berset (rechts) am Montag vor den Medien, zusammen mit Lukas Engelberger, Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz.
Bundesrat Alain Berset (rechts) am Montag vor den Medien, zusammen mit Lukas Engelberger, Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Jetzt wissen wir es endlich: Der Lockdown steht so sprichwörtlich wie Weihnachten vor der Tür. (Lesen Sie hier: Diesen Notfallplan schlägt Berset für die Festtage vor). Das geht aus dem Verordnungsentwurf hervor, den Gesundheitsminister Alain Berset (SP) den Kantonen zur Konsultation gab. Demnach soll ein dreistufiges Alarmsystem installiert werden: Je nachdem, wie sich die massgeblichen Kennwerte der Pandemie entwickeln, würden leichtere, mittlere oder weitreichende Einschränkungen über das Land verhängt. Bei der Maximalvariante müsste, wie im Frühling, alles schliessen, was nicht dem täglichen Bedarf dient. Im mildesten Fall träfe es «nur» die Restaurants plus sämtliche Freizeiteinrichtungen.

Ob man Letzteres schon als Lockdown bezeichnen will, ist Geschmackssache. Fakt ist: Die aktuellen Werte sind schlecht, und es ist eine sehr realistische Perspektive, dass bald Schritte erfolgen, wie sie unsere Politiker unlängst noch vorschnell ausgeschlossen haben.

«Der neue Vorschlag kittet das Flickwerk ein wenig zusammen.»

Dem Bundesrat bleibt keine andere Wahl. Die Kantone zeigen sich, in ihrer Gesamtheit zumindest, ausserstande zu griffiger Aktion. Der neue Vorschlag kittet das Flickwerk ein wenig zusammen. Und er ermöglicht vor allem schnelleres Handeln, musste doch bisher jedes Massnähmchen auf Bundesebene vorgängig bei 26 Kantonsregierungen in die Vernehmlassung.

Irritation bleibt trotzdem. Bersets Quasi-Ampelsystem soll nämlich erst ab 28. Dezember zur Anwendung kommen. Obwohl die Spitäler immer eindringlicher an die Politik appellieren, will man die Dinge nun zwei Wochen lang ihren Lauf nehmen lassen. Derweil haben die umliegenden Länder, bei viel tieferen Fallzahlen, ihr öffentliches Leben längst heruntergefahren. Ihre Strategie ist darauf ausgelegt, der zweiten Welle ein Ende, wenn auch eines mit Schrecken, zu bereiten.

Bei uns dagegen: Schrecken ohne Ende? Für eine abschliessende Bilanz ist es zu früh. Vom angestammten Hochrisikopfad würde die Schweiz jedenfalls auch mit der neuesten bundesrätlichen Volte nicht abweichen.

177 Kommentare
    Liliane Ruprecht

    Wie wäre es, wenn sich die Kommunikation der Behörden auf die Wiederholung der angeordneten Vorsichtsmassnahmen konzentrieren würde? Wie kann das Gleiche anders verpackt vermittelt werden?

    Auf keinen Fall Schulschliessungen, das wäre fehl am Platz. Jugendliche unter 20 Jahren brauchen eine Tagesstruktur und minimale soziale Kontakte. Die Erfahrungen im Frühling haben gezeigt, dass Fernunterricht keine Lösung ist.