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Rassismus in GrossbritannienDiese Frau bekommt täglich Todesdrohungen

Seit 15 Jahren sitzt Dawn Butler, Tochter jamaikanischer Einwanderer, im britischen Parlament und musste schon viel Hass ertragen. Doch so gefährlich wie jetzt war es noch nie.

Hat viele Feinde und geht Konfrontationen nicht aus dem Weg: Die britische  Abgeordnete Dawn Butler.
Hat viele Feinde und geht Konfrontationen nicht aus dem Weg: Die britische Abgeordnete Dawn Butler.
Foto: Robert Perry/Getty Images

Als sie 2005 ins Unterhaus gewählt wurde, war sie erst die dritte schwarze Abgeordnete. Und die erste schwarze Frau, die an der Despatch Box, dem Ersatz für ein Rednerpult in der ersten Reihe, sprechen durfte. Dass dies 2009 immer noch als Sensation galt, bewies Dawn Butler, was sie befürchtet hatte, trotz aller Beschwörungen von Liberalität und Offenheit: dass es schwer werden würde für sie in einem Parlament, in dem bis heute sehr viele weisse Männer aus gut situierten Familien mit Privatschulhintergrund sitzen.

Butler (50) ist die Tochter jamaikanischer Einwanderer. Sie ist in einem armen Teil Ostlondons aufgewachsen, ist schwarz, trägt lange, zu winzigen Zöpfen geflochtene Locken. Bevor sie in die Politik ging, arbeitete sie für eine Gewerkschaft und war dort für Fragen zu Rassismus und Gleichberechtigung zuständig.

«Dieser Aufzug ist aber nicht für Putzfrauen»

Dawn Butler hat viele schlechte Erfahrungen gemacht. Und doch gibt es Momente, da hält sie immer noch die Luft an. So etwa, als sie in einen Lift stieg, der nur Mitgliedern des Parlaments zur Verfügung steht, und ein Kollege anmerkte: «Dieser Aufzug ist aber nicht für Putzfrauen.» Oder als sie einen Drink auf der Terrasse über der Themse nehmen wollte, auf der sich die Abgeordneten treffen, und einer fragte, ob sie hier zugelassen sei. Sie sagte, sie sei Abgeordnete wie er, worauf er feststellte: «Die lassen hier aber auch jeden rein.»

Butler ist seit mittlerweile 15 Jahren eine bekannte Politikerin. Sie war eine enge Vertraute von Ex-Labour-Chef Jeremy Corbyn. Und wer die heissen Debatten im Unterhaus verfolgte, konnte die Frau mit der langen Mähne und der markanten Nase häufig neben dem Oppositionschef sitzen sehen, der sie zur Schatten-Frauenministerin gemacht hatte. Keir Starmer, Corbyns Nachfolger, sah für Butler in seinem neuen Schattenkabinett keinen Platz mehr vor. Auch im Rennen um den Posten der Vizeparteivorsitzenden, das im Frühjahr per Urwahl ausgetragen worden war, konnte sie nicht reüssieren.

Viele Schwarze sterben an Covid-19

Nun ist Butler also wieder einfache Abgeordnete und vertritt den Wahlkreis Brent Central. Ihr Wahlkreisbüro lag bis vor kurzem im Stadtteil Willesden; dort hielt sie ihre Bürgersprechstunden ab. Seit Butler aber die Bewegung Black Lives Matter aktiv unterstützt und anprangert, dass in Grossbritannien überproportional viele Schwarze an Covid-19 sterben, sind ihre Mitarbeiter und sie dort nicht mehr sicher.

Drohungen und Sachbeschädigung hätten, schreibt sie an ihre Wähler, derart zugenommen, dass es ein «Sicherheitsrisiko» wäre, das Büro offen zu halten. «Ich bekomme täglich Todesdrohungen», so die Feministin und Aktivistin. «Meine Mitarbeiter werden angeschrien und beschimpft, Steine fliegen durch unsere Scheiben, der Eingangsbereich wurde zerstört.»

«Meine Mitarbeiter werden angeschrien und beschimpft, Steine fliegen.»

Dawn Butler

Butler arbeitet seit längerem eng mit der Polizei zusammen, aber bisher hätten die Bedrohungen nicht für Personenschutz gereicht. 2018 war schon einmal eine Rakete durch das offene Fenster geflogen. Die Abgeordnete will sich nun an öffentlichen Orten wie Bibliotheken mit Bürgern treffen.

Butler hat viele Feinde, geht Konfrontationen nicht aus dem Weg. Sie fordert, die verdrängte Sklavereigeschichte des Königreichs aufzuarbeiten, Transgender-Rechte anzuerkennen und verlangt eine Frauenquote in der Politik sowie Geld und Gerechtigkeit für die Opfer des Windrush-Skandals, bei dem Einwanderer aus der Karibik diskriminiert wurden.

Labour verspricht Kampf gegen Rassismus

Laut einer Umfrage haben mehr als die Hälfte aller Abgeordneten, die Minderheiten angehören, schon Rassismus erlebt. Butlers schwarze Parteifreundin, die Labour-Politikerin Diane Abbott, trifft es besonders hart. Sie allein erhält die Hälfte aller Hassmails, die an Politikerinnen in Grossbritannien verschickt werden.

Labour-Parteichef Starmer hat Butler nun angesichts der Angriffe die Unterstützung der Partei zugesagt. Sie kontert bissig, auch Labour und Starmer müssten erst einmal beweisen, dass sie es mit dem Antirassismus ernst meinten.

11 Kommentare
    Berthold Siegenthaler

    Ich sass vor ein paar Jahren in Los Angeles mit chinesischen Freunden in einem ihrer Lokale. Als ich mich mal umsah, stellte ich fest, dass ich der einziger Westler in dem grossen Lokal war. Ich bekam rasch ein Gefühl für Schwarze und Hispanics, wie die sich fühlen als offensichtlich "anders". Es ist nicht schön, und wenn man dann noch schikaniert oder bedroht wird (was bei mir natürlich nicht der Fall war), muss es grausam sein. Ich glaube jetzt zu wissen, was Rassisimus für Unheil mit sich bringt.