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Live-Reportage der US-Wahl+++ «Längst nicht alle Republikaner mögen Trump» +++

Amerika steht an. Die ersten Wahlbüros haben geöffnet am Tag der Entscheidung und unsere Korrespondenten sind vor Ort auf Stimmenfang.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Unsere Korrespondenten sind den gesamten Wahltag unterwegs.

  • Sie berichten aus Hochburgen der Demokraten und jenen der Republikaner.

  • Wie ist die Stimmung vor Ort? Welche Hoffnungen haben die Leute? Wem haben sie die Stimme gegeben? Und: Warum?

  • Alan Cassidy war bereits in West Chester und Philadelphia auf der Suche nach Antworten.

  • Thorsten Denkler berichtet aus Milwaukee und Kenosha.

Weitere Live-Ticker zur US-Wahl:

– Alles zur Frage: Trump oder Biden?

– Alles zum anderen grossen Thema der Wahlnacht: Kippt der Senat?

Wann gibt es Resultate? Wo fällt der Entscheid?

Antworten auf die wichtigsten Fragen finden Sie in dieser Übersicht zur Wahlnacht

LIVE TICKER

«Längst nicht alle Republikaner mögen Trump»

Polly Murades, 40, holt noch eben ihre Sonnenbrille aus dem Jeep Wrangler, bevor sie mit der kleinen Tour über ihre Farm beginnt. Eine Öko-Farm, die sie nebenberuflich mit ihrer Frau Kristina Harrington, 46, in Waukesha County in Wisconsin betreibt. «Two Girls and a Farm» haben sie ihr Projekt genannt.

Sie haben Obstbäume, Hühner und bauen Gemüse an. Ein paar Hektar Land sind es nur. Umzingelt von Soja-, Milch-, und Mais-Bauern, die ihre Produkte im grossindustriellen Massstab herstellen. Aber das macht manches etwas einfacher. Ihre Kunden sind Privatleute. Nicht die Lebensmittelindustrie. Es gibt da kaum Konkurrenz.

«Two Girls and a Farm» in Trump-Land: Eine davon ist Öko-Farmerin Polly Murades.
«Two Girls and a Farm» in Trump-Land: Eine davon ist Öko-Farmerin Polly Murades.
Foto: Thorsten Denkler

Seit fünf Jahren sind sie hier. Es war der perfekte Ort, sagt Polly Murades. Genug Sonne, genug Wasser, der Boden ausnahmsweise nicht ausgemergelt von Intensiv-Landwirtschaft, auch der Preis stimmte. Was sie damals nicht ahnte: Dass sie sich in die wichtigste Hochburg der Republikaner in Wisconsin eingekauft haben. Trump hatte hier 2016 fast 30 Prozentpunkte Vorsprung auf Hillary Clinton. Er gewann 61,6 Prozent der fast 240'000 abgegeben Stimmen.

Keine leichte Zeit, die ersten Jahre. Viel Arbeit und viele Fragen. Was macht ein liberales noch dazu lesbisches Paar mit einer Öko-Farm mitten im Trump-Land? Sie kennen das. Der damalige Arbeitgeber von Kristina, ein grosser US-Baumaschinenhersteller, hat ihr schriftlich zu verstehen geben, dass er ihre Ehe mit einer Frau nicht unterstütze. «Kristina hat dann gekündigt, das hat mich sehr stolz gemacht», sagt Polly Murades.

«Können uns auf unsere Nachbarn verlassen»

Die Antwort auf die Frage ist übrigens: Sich einen Traum erfüllen. Das haben sie jedem erklärt, der es hören wollte. Und es hat funktioniert. «Die Leute haben mich überrascht», sagt sie. «Wir können uns auf unsere Nachbarn verlassen.» Wenn sie mal Hilfe braucht, bekommt sie die. «Und ich sage Ihnen was: Das mögen alles Republikaner sein. Aber längst nicht alle mögen Trump.» Dennoch waren sie und ihre Frau schon wählen vor drei Tagen. Das geht in Wisconsin. Sie wollten nicht in einer Schlange mit beinharten Trump-Unterstützern stehen, sagt Polly Murades.

Liberal und lesbisch: Sie zog mit ihrer Partnerin wider besseres Wissen in die wichtigste Hochburg der Republikaner in Wisconsin.
Liberal und lesbisch: Sie zog mit ihrer Partnerin wider besseres Wissen in die wichtigste Hochburg der Republikaner in Wisconsin.
Foto: Thorsten Denkler

Trotz der hohen Republikaner-Dichte hoffen viele Demokraten auf Waukesha County. Schon 2016 holte Trump 20'000 Stimmen weniger als vier Jahre zuvor Mitt Romney, der dann Obama unterlag. Diesmal könnten sich noch mehr abgestossen fühlen. Trump hat den Landwirten hier mit seinen Handelskriegen ganz schön zugesetzt. Absatzmärkte sind weggebrochen und damit Einnahmen. Trump hat Hilfe versprochen. Aber die kommt längst nicht überall an. Dazu kommt die Pandemie, die Trump nicht in den Griff bekommen hat. Für moderate Republikaner kann Biden eine Alternative sein.

«Wir haben auch kein Geld gesehen», sagt Polly Murades. Aber das lag eher daran, dass sie nachhaltige Landwirtshaft betreiben. «Die bekommt ohnehin keine Unterstützung.» Mit Joe Biden ändert sich das vielleicht, hofft sie. Aber es geht auch so. Irgendwie. Ist sie sich nicht sicher, dass er gewinnt? «Ich wünsche es mir so sehr. Aber ich habe grosse Angst, dass er verlieren könnte.»

Bericht von Thorsten Denkler aus Waukesha County in Wisconsin.

«Egal wer die Wahl gewinnt, wir werden verlieren»

Shaun schaut sich um. Hinten an der Ecke das abgebrannte Danish Brotherhood Center, gegenüber das Haus ist auch ausgebrannt, weiter rechts ein schwarz verkohlter Laden. Alle Geschäfte sind verbarrikadiert. «Ich kann es kaum ansehen», sagt er, «das macht mich alles traurig und wütend.» Er ist vor ein paar Jahren erst nach Kenosha zurückgekehrt, weil er gehört hat, dass vieles besser geworden sei in seiner Heimatstadt. Weniger Gewalt, weniger Armut, mehr Möglichkeiten. Und jetzt steht er hier, keine 30 Jahre alt, vor diesen Ruinen.

Shaun möchte lieber Trump als Präsidenten.
Shaun möchte lieber Trump als Präsidenten.
Foto: Thorsten Denkler

Am 24. August haben Polizisten nur ein paar Meilen von hier sieben Mal auf Jake Blake geschossen. Wieder ein Fall von unfassbarer Polizeigewalt gegen Schwarze. Noch in der Nacht kam es zu Ausschreitungen, vor allem hier auf der 22nd Avenue zwischen der 60. und der 62. Strasse. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein. Häuser und Autos gingen in Flammen auf.

Impressionen aus der 22nd Avenue.
Impressionen aus der 22nd Avenue.
Foto: Thorsten Denkler

Wird er wählen gehen? Er lacht auf. «Warum sollte ich?», fragt er zurück. «Egal wer die Wahl gewinnt, wir werden verlieren. Um uns geht es ja schon lange nicht mehr.» Diese Gewalt in den Augusttagen, «das haben doch nicht unsere Leute gemacht», sagt er. Seine Hand weist auf die Strasse, auf die verbarrikadierten Geschäfte. «Wir zünden doch nicht unser eigenes zu Hause an.»

Will er, dass Trump im Amt bleibt? Er zuckt mit dem Schultern. «Es ist mir egal. Aber lieber das als Biden.» Was er Biden nicht verzeihen kann: Der hat 1994 als Senator neue Anti-Verbrechens-Gesetzte unterstützt, in deren Folge noch mehr junge schwarze Männer wie er im Gefängnis landeten. Das hat ganze Generationen von schwarzen Familien traumatisiert. Biden hat die Gesetzte jüngst als Fehler bezeichnet. Sean reicht das nicht: «Er kann nicht glauben, dass damit alles wieder gut ist. Für mich ist es das nicht.»

Tammy mit Sohn Levan in der Schlange vor dem Wahllokal 10 im Lincoln Park von Kenosha.
Tammy mit Sohn Levan in der Schlange vor dem Wahllokal 10 im Lincoln Park von Kenosha.
Foto: Thorsten Denkler

Keine vier Autominuten entfernt steht Tammy mit ihrem jüngsten Sohn Levan in der Schlange vor dem Wahllokal 10 im Lincoln Park von Kenosha. Sie ist 46, ihr Sohn 23 und darf zum ersten Mal an einer Präsidentschaftswahl teilnehmen. Einer der Gründe warum sie heute wählen sind die Ereignisse vom August. «Weil schwarze Leben eben doch zählen», sagt sie. «Und weil es unser Recht ist», sagt ihr Sohn.

«Hört auf zu quatschen und geht weiter!», brüllt ein weisser Mann von hinten. «Macht schon, geht weiter!»

«Gott schütze Dich», antwortet Levan.

«Das sind Trump-Unterstützer», erklärt Tammy. «Die beleidigen uns schon die ganze Zeit.» Sie lassen sich nicht provozieren. «Wir ignorieren das solange, bis uns physisch angreifen. So läuft das immer.» Dann wünschen sie noch einen «Happy Voting Day», einen schönen Wahltag.

Bericht von Thorsten Denkler aus Kenosha, Wisconsin.

«Heute wird sich alles ändern»

Jemona Parrin hat eine deutliche Antwort auf die Frage, was ihr bei dieser Wahl am wichtigsten ist. «Donald Trump muss weg», sagt die Krankenschwester, die kurz vor Mittag zur Sharon Baptist Church in Philadelphia gekommen ist, um ihre Stimme abzugeben. «Er ist ausserstande, dieses Land zu führen. Er hat beim Coronavirus komplett versagt. Er ist ein Rassist und ein Chauvinist.» Als schwarze Frau habe sie es in diesem Land sowieso schon schwerer als andere, «aber mit Trump im Amt ist es gefährlich.»

Der Präsident behauptete zuletzt mehrfach, dass es in Philadelphia zu grossem Wahlbetrug käme. Seine Partei filmte Wähler mancherorts dabei, wie sie ihre Wahlunterlagen einwarfen, und sie hat vermehrt eigene Wahlbeobachter in Lokale geschickt. Trumps Kritiker sehen darin den Versuch, die Wahlbeteiligung zu drücken, gerade bei Schwarzen. «Es wird nicht funktionieren», sagt Jemona Parrin, die Krankenschwester. «Im Gegenteil: Es motiviert die Leute erst recht, für ihre Stimme zu kämpfen. Egal, ob sie dafür stundenlang anstehen oder sich ins Wahllokalen fahren lassen müssen.» Sie sei an diesem Morgen guter Dinge: «Heute wird sich alles ändern.»

Bidens väterliche Art

Jade Durkin ist als Wählerin der Demokraten registriert, aber sie gab ihre Stimme bei früheren Wahlen mal den Demokraten, mal den Republikanern, je nach Kandidat. Nun wählt sie Joe Biden, und wenn sie über die Gründe redet, verdichtet sich alles auf einen Satz. «Ich kann moralisch einfach nicht vertreten, wofür Trump steht», sagt sie. «Wenn ich an meine Tochter und an meinen Sohn denke, dann will ich keinen wie ihn als Vorbild. Ich will ihnen nicht ständig sagen müssen, dass es nicht akzeptabel ist, andere Leute so zu behandeln, wie er es tut.»

Jemona Parrin glaubt, dass Biden das Land einen würde. «Er hat diese Art eines Vaters, der sagt: Hört auf damit, ihr wisst, dass das nicht richtig ist.» Und wenn es Demokraten gelinge, neben der Präsidentschaft auch den Senat zu erobern, dann würde Biden viel bewegen — vor allem beim Zugang der Menschen zum Gesundheitssystem.

Philadelphia ist die grösste Stadt in Pennsylvania. Joe Biden hofft, dass hier diesmal mehr schwarze Wähler an die Urne gehen als 2016 — doch sicher ist das nicht. Der demokratische Präsidentschaftskandidat war in den vergangenen Wochen mehrere Male in der Stadt, auch seine Vizekandidatin Kamala Harris kam oft zu Besuch, am Abend vor der Wahl hielt sie hier ihre Abschlussveranstaltung ab. Philadelphia war aber in den vergangenen Tagen auch Schauplatz von Unruhen und Plünderungen, die nach dem Tod eines Schwarzen bei einem Polizeieinsatz ausgebrochen waren. Um die Lage zu beruhigen, hatte der Gouverneur die Nationalgarde entsandt.

Mit Trump ändert sich nichts

Bei der Sharon Baptist Church sagen mehr als ein Dutzend schwarze Wähler, dass sie Biden gewählt haben, keiner ist für Trump. Zaire Williams ist 19, er nimmt zum ersten Mal bei einer Präsidentschaftswahl teil — und auch seine Stimme ist vor allem eine gegen den Präsidenten.

Wählt zum ersten Mal: Zaire Williams (19).
Wählt zum ersten Mal: Zaire Williams (19).
Foto: Alan Cassidy

Er mache sich keine Illusionen, dass unter einem Präsident Biden alles besser würde. «Als junger schwarzer Mann muss ich überall und ständig auf der Hut sein», sagt der Student. Die jüngsten Unruhen in Philadelphia seien traurig, sie zeigten, dass die Wut über die Polizei in der schwarzen Gemeinde immer noch riesig sei. «Das sind Dinge, die werden sich nicht so schnell ändern. Aber wir müssen damit anfangen, sie zu ändern. Und mit Trump ändert sich nichts.»

Die Corona-Pandemie hat das schwarze Amerika hart getroffen, überdurchschnittlich viele der 230’000 Corona-Toten sind Afroamerikaner. Er sei erschüttert darüber, wie Trump immer noch über die Pandemie rede, sagt Peter Kendall, der als Patentanwalt arbeitet. «Er macht sich lustig über die wissenschaftlichen Berater in seiner Regierung, er redet davon, sie zu feuern. Ein gescheiter Präsident umgibt sich mit gescheiten Beratern, weil er von ihnen lernen will. Trump dagegen will um sich nur Leute, denen er sich überlegen fühlt und die ihm sagen, was er hören will. Deshalb sind wir an diesem Punkt.»

Bericht von Alan Cassidy aus Philadelphia

«Dies soll ein kapitalistisches Land bleiben»: Besuch in Wisconsin

Kelly sperrt pünktlich um 7 Uhr den Haupteingang zur Louise May Alcott Elementary School im Südwesten von Milwaukee auf. Sie ist 48 Jahre alt und zum ersten Mal in ihrem Leben Wahlhelferin. Damit die älteren das nicht tun müssen in dieser Pandemie, sagt sie. Ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen. Sie weiss gar nicht, ob sie offen reden darf.

Vor der Schule hat sich schon eine lange Schlange bis hinter zur Strasse und dann noch mal auf den Bürgersteig hinaus gebildet. Milwaukee war immer eine verlässliche Hochburg für die Demokraten. Das war auch vor vier Jahren so. Aber die Burg bröckelte. Hier im Wahllokal 272 hat vor vier Jahren Trump so knapp gewonnen wie im ganzen Bundesstaat. Mit 487 zu 455 Stimmen. In Wisconsin haben Hillary Clinton 23'000 Stimmen zum Sieg gefehlt. 23'000 von knapp drei Millionen abgegebenen Stimmen.

Gewinnt Trump auch dieses Jahr so knapp? Warten für die Stimmabgabe in Milwaukee.
Gewinnt Trump auch dieses Jahr so knapp? Warten für die Stimmabgabe in Milwaukee.
Thorsten Denkler

Das lag auch an Anne, was nicht ihr richtiger Name ist. Sie ist 53 Jahre alt, Grundschullehrerin an einer öffentlichen Schule in Milwaukee und hat Angst um ihr Land. Warum wählt sie? Sie schaut, als verstehe sie die Frage nicht. «Das ist die wichtigste Wahl in meinem Leben», sagt sie, «ich will, dass dies ein kapitalistisches Land bleibt. Und ich bin gegen Abtreibung. Beides steht in dieser Wahl auf dem Spiel.»

«Das ist die wichtigste Wahl in meinem Leben»: Anne musste nicht lange überlegen für wen sie stimmt.
«Das ist die wichtigste Wahl in meinem Leben»: Anne musste nicht lange überlegen für wen sie stimmt.
Thorsten Denkler

Frank Garcia kommt raus, er hat gerade gewählt. Er und Anne lachen, als sie sich sehen, kurze Umarmung. Ein bäriger Typ, der kein Geheimnis draus macht, wem er gerade seine Stimme gegeben hat. «Veteran for Trump», steht auf seiner Kappe. «Jesus ist my Savior, Trump is my President», auf seinem Mundschutz. Dazu noch ein Trump/Pence-T-Shirt über dem eine Kette mit seinen Erkennungsmarken klimpert. Am Gürtel der leere Holster für seine Waffe.

Frank ist hier, um Trump zu schützen. «Sie wollen ihm keine weiteren vier Jahre erlauben», sagt er. Er meint die «machtgierigen Demokraten», die einfach all die guten Sachen ignorierten, die Trump getan habe. «Die geben ihm die Schuld für die Corona-Krise. Dabei kam das Virus aus China!»

Hier um Trump zu schützen – mit seiner Stimme, nicht mit der Pistole, die im Halfter fehlt: Frank Garcia.
Hier um Trump zu schützen – mit seiner Stimme, nicht mit der Pistole, die im Halfter fehlt: Frank Garcia.
Thorsten Denkler

Frank Garcia wird so laut, dass auch alle anderen in der Warte-Schlange mitbekommen, was er zu sagen hat. Einige wenige schütteln mit dem Kopf. Andere recken zur Unterstützung ihre Fäuste in die Luft oder nicken heftig. Letztere dürften in der Mehrheit sein. Demokraten werden hier an diesem Tag wohl nur vereinzelt auftauchen.

Wer in dieser Pandemie konnte, der hat schon gewählt. Das gilt auch für Wisconsin, wo die Zahl der täglichen Neuinfektionen gerade mit 3500 die dritthöchste in den USA ist. 1,6 Million Menschen haben in Wisconsin ihre Stimme bereits in speziell dafür eingerichteten Wahllokalen früh abgegeben oder per Briefwahl abgestimmt. Das sind fast zwei Drittel all derer, die 2016 gewählt haben. Und die meisten davon sind Demokraten.

Tom, 34, war der erste, den Kelly in Schule lassen konnte. Er arbeitet als Betreuer für straffällig gewordenen Jugendliche. Tom, der seinen Nachnamen auch nicht auf einer Website lesen möchte, hat sich schon um 6:30 Uhr angestellt. Er will nicht sagen, wem er seine Stimme geben wird. Aber er hat eine Botschaft. «Von dieser Wahl hängt vieles ab für die Zukunft», sagt er. «Aber am Ende sind wir alle Menschen. Wir müssen zusammenstehen.»

Bericht von Thorsten Denkler aus Milwaukee, Wisconsin

«Bei den Demokraten gibt es keinen Platz für mich»: Live aus Pennsylvania

Es ist kurz vor 7 Uhr, als sich Jade Durkin ganz hinten in die Schlange einreiht, die sich schon jetzt rund um das Wahllokal von West Chester zieht. Die Menschen tragen Maske, viele auch Handschuhe gegen die Kälte. Jade Durkin hat damit gerechnet, warten zu müssen. Aber gleich so?

Sie hat zwei kleine Kinder zuhause, die noch im Bett liegen, sie muss später arbeiten, ihr Mann ebenso, und am Nachmittag muss sie den Hund zum Tierarzt bringen – alles etwas viel heute. Aber wählen will sie auf jeden Fall, und wenn sie dafür am Abend nochmals zum Wahllokal fahren muss. «Es ist so wichtig wie noch nie.»

«Ich will keinen wie Trump als Vorbild»

Jade Durkin ist als Wählerin der Demokraten registriert, aber sie gab ihre Stimme bei früheren Wahlen mal den Demokraten, mal den Republikanern, je nach Kandidat. Nun wählt sie Joe Biden, und wenn sie über die Gründe redet, verdichtet sich alles auf einen Satz. «Ich kann moralisch einfach nicht vertreten, wofür Trump steht», sagt sie. «Wenn ich an meine Tochter und an meinen Sohn denke, dann will ich keinen wie ihn als Vorbild. Ich will ihnen nicht ständig sagen müssen, dass es nicht akzeptabel ist, andere Leute so zu behandeln, wie er es tut.»

Hat Trump eine Chance gegeben, aber «er räumt keine Fehler ein»: Maeghan Sondermann, 29 Jahre alt.
Hat Trump eine Chance gegeben, aber «er räumt keine Fehler ein»: Maeghan Sondermann, 29 Jahre alt.
Alan Cassidy

West Chester liegt eine knappe Stunde ausserhalb von Philadelphia, im Südosten des Bundesstaats Pennsylvania. Die Gegend wählte lange republikanisch, neigt aber zunehmend den Demokraten zu. Hier leben viele überdurchschnittlich gut ausgebildete Wähler der Mittelschicht. Damit Joe Biden Pennsylvania gewinnt, muss er in solchen Gegenden mit deutlichem Vorsprung gegenüber Trump gewinnen, um seine Verluste in anderen Gegenden wettzumachen.

Meaghan Sondermann hofft, dass es Biden gelingt. «Ich habe Trump eine Chance gegeben», sagt die amerikanisch-deutsche Doppelbürgerin. «Aber ich sehe in ihm immer noch keinen guten Präsidenten.» Auch Sondermann stört sich an Trumps Verhalten im Amt.

«Es gab in diesem Jahr vieles, das falsch gelaufen ist. Doch statt auf Kritik zu reagieren, räumt er keine Fehler ein und macht alles noch schlimmer.» Sie meint den Umgang Trumps mit der Corona-Pandemie, natürlich, aber auch andere Dinge, «ich will jetzt gar nicht die ganze Liste herunterbeten». Was sie sich von Biden erhofft? «Dass er das Land wieder in die richtige Richtung lenkt. Damit wir nach vorne blicken können und uns nicht rückwärts bewegen.»

Abtreibungen? Ohne Stephanie

Stephanie, eine Frau in ihren Vierzigern, die ihren Nachnamen nicht nennen will, wählt Trump. Nicht, weil sie ihn besonders mag, das nicht. «Aber Trump ist konsequent gegen Abtreibungen. Das ist für mich das wichtigste Thema überhaupt.» Sie habe sich überlegt, für Biden zu stimmen. «Aber in der Demokratischen Partei gibt es heute keinen Platz mehr für Leute wie mich, die keine Abtreibungen wollen.»

Stephanie glaubt auch nicht, dass Biden im Fall einer Wahl eine ganze Amtszeit leisten würde. «Dann käme Kamala Harris an die Macht, und sie ist in der Abtreibungsfrage noch schlimmer.» Trump also - wenn auch ohne Begeisterung.

Bericht von Alan Cassidy aus West Chester, Pennsylvania

Beginn des Live Tickers
3 Kommentare
    Roko

    Was mit dem tiefen Bildungsniveau zu tun haben dürfte (ausserhalb Metropolen und deren Vororten). Genaueres Wissen über alles ausserhalb der eigenen Community ist bei vielen nicht vorhanden. Habe ich selbst vor Ort erfahren müssen.