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Erzählungen von T. C. BoyleDie Welt, vom Untergang bedroht

Der amerikanische Erfolgsautor T.C. Boyle behandelt in seinen neuen Erzählungen die grossen Themen unserer Zeit – unheimlich, realitätsnah, dystopisch.

Vom Rockstar der US-amerikanischen Literatur zum Moralisten: T. C. Boyle, hier bei einer Lesung im Zürcher Kaufleuten.
Vom Rockstar der US-amerikanischen Literatur zum Moralisten: T. C. Boyle, hier bei einer Lesung im Zürcher Kaufleuten.
Foto: Tages-Anzeiger

Wahrscheinlich hat es mit 9/11 begonnen, dass die medialen Bilder wirklicher Ereignisse immer öfter Katastrophenfilmen ähneln: Die Bilder verlassener Städte und verzweifelter Ärzte, die verbrannte Erde Australiens, der abgeholzte Regenwald, Fluten, Orkane, driftende Eisschollen.

T. C. Boyle siedelt seine Geschichten in «Sind wir nicht Menschen» auf dem schmalen Grat zwischen Realismus und Phantasmagorie an. Er unterfüttert sie mit dystopischen Elementen, die den Abstand zur Gegenwart verschwimmen lassen. Aber er ist kein Apokalyptiker. Er ist eher der Typ, für den es logisch ist, den Fernseher auszuschalten und in den Wald zu gehen. Ohne Smartphone.

Die amerikanische Neigung, sich in die Natur zurückzuziehen, also die Traditionslinie von Thoreau und Emerson, spielt eine grosse Rolle für T. C. Boyle. Bei uns sieht man ihn immer noch als den Rockstar der amerikanischen Literatur, den wilden Mann, der mit LSD und Heroin experimentierte. Dabei ist er längst ein moralischer Schriftsteller geworden. Er hat einen Kompass, der bei seinen Figuren schnell anspringt, wenn sie ihren Neigungen folgen. Sie scannen die Auswirkung ihrer Handlungen auf andere, auch auf Tiere und die Umwelt.

Kann man mit Insekten koexistieren?

Also kommen sie ständig in Konflikte. Ein Studentenpaar, das mit dem offenbar an Neurodermitis erkrankten Baby für eine Zeit lang aufs Land zieht, gerät prompt in ein Haus, in dem es vor Ameisen nur so wimmelt. Das schwarze Getier scheint wie die grauenhafte Verwirklichung der Krankheitsmetaphorik. Kann man mit Insekten koexistieren, auch wenn sie derart lästig sind? Und bedeutet es etwas, dass es sich um argentinische Ameisen handelt?

«Was Wasser wert ist, weisst du (erst, wenn du keins mehr hast)» erzählt von einer fünfjährigen Dürre in Kalifornien. Transgene Tiere und Kinder, die man bei einer Samenbank bestellt, bilden den Hintergrund der Titelgeschichte «Sind wir nicht Menschen». In «Wiedererleben» wird eine Box, die per Laserstrahl die eigene Vergangenheit auf die Netzhaut projiziert, zum Zankapfel zwischen Vater und Tochter.

Der Tod ist ein starker Akteur in dieser Sammlung mit neunzehn Geschichten aus den letzten Jahren. In der vielleicht raffiniertesten Geschichte des Bandes, «Sic transit» spielt ein Haus eine Rolle, verwildert und mit formidablem Blick. In der Nachbarschaft eines Geschäftsmanns ist das frühere Mitglied einer Rockband gestorben. Auf dem Weg zum Brötchenholen am Sonntagmorgen dringt er heimlich in das Haus des Toten ein. Aus einem Impuls heraus entwendet er einen Band Tagebücher aus dem Jahr 1982. Er liest gebannt. Rock'n'Roll, Groupies, Drogen, das wilde Leben. Doch dann tauchen überraschenderweise eine Ehefrau und eine drei Jahre alte Tochter auf, die am Russian River verschwunden ist.

Mit jedem Tod geht eine ganze Welt unter

Können Tagebücher lügen? Kann man von Lüge sprechen, wenn sich ein heimlicher Leser hinters Licht geführt fühlt? Und welche Rolle spielt überhaupt das Leben eines Einzelnen? «Die Antwort ist einfach: Er war Sie, er war ich, er war wir alle, und sein Leben war wichtig, überaus wichtig, das einzige Leben, das wir alle je gelebt haben, und als sich seine Augen zum letzten Mal schlossen, der letzte halb aufgegessene Karton mit Nudeln aus seiner Hand fiel, verschwanden wir alle, ausnahmslos alle, und jedes lebende Geschöpf und die Erde und das Licht der Sonne und unser gesamtes kollektives Dasein. Das war Carey Fortunoff. Das war er.»

Die Welt, die T. C. Boyle beschreibt, ist an allen Ecken und Enden vom Untergang bedroht. Doch es gibt beinahe in jedem Moment so etwas wie eine Wahl. Es ist nicht die Wahl zwischen Gut und Böse. Aber die meisten Figuren lassen sich von etwas ansprechen, das man Verantwortung nennen kann - für sich, für andere, für Tiere, die Umwelt.

«Sind wir nicht Menschen» erzählt von grossen Themen, von den Umweltkatastrophen dieser Tage, vom Aussterben vieler Tierarten, der Absurdität genetischer Reinheitsvorstellungen, von Migration und der Bedrohung planetarer Lebensgrundlagen. Es ist ein Memento mori nicht nur für den Planeten, sondern auch für das einzelne Individuum. Mit jedem Tod geht eine ganze Welt unter, alles, was dieser Mensch - oder dieses Tier - jemals wahrgenommen hat. Melancholie und Euphorie halten sich in T. C. Boyles neuen Geschichten die Waage. Sie sind auf abgeklärte Weise radikal - als Realismus des Carpe diem: Nutze den Tag, den du noch hast.

T.C.Boyle: Sind wir nicht Menschen. Erzählungen. Aus dem Englischen von Anette Grube und Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2020. 400 S., ca. 35 Fr.

4 Kommentare
    Rolf Rothacher

    Ich finde diese Art Literatur überflüssig und eher schädlich. Die Welt geht nicht unter, weder durch den Klimawandel, noch durch ein neues Virus. Auch stirbt die Menschheit nicht aus, ist nicht einmal ansatzweise in ihrer Existenz bedroht, nimmt jedes Jahr um weitere 80 bis 100 Millionen Individuen zu.

    Ist schon klar, dass sich Dystopien besser verkaufen als "heile Welt". Wahrer werden sie dadurch nicht. Vor allem ist es sinnfrei, Einzelschicksale, wie T.C. Boyle sie in seinen Geschichten schildert, zu verallgemeinern. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein schwuler, Morphium-süchtiger Ex-US-Soldat mit klaustrophobischen Wahnvorstellungen und einem unbändigen Hass auf alles Ausländische beschreibt keine Generation und auch keine Gesellschaft. Leser interpretieren solche Dinge bloss in die Texte hinein, wohl weil sie morbid veranlagt sind.