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Endlich wieder Livesport!Die Welt schaut in die Keller der Radprofis

Mit «The Digital Swiss 5» feiert das erste Online-Velorennen für Profis in der Schweiz Premiere, Startschwierigkeiten inklusive.

Die Entscheidung: Rohan Dennis übernimmt bei Rennhälfte die Führung und gibt diese bis zum Ziel nicht mehr her.
Screenshot: SRF

Der Fanclub wäre motiviert gewesen wie noch nie. Doch die drei Kinder von Mathias Frank haben sich vergeblich gefreut, ihren Papa erstmals richtig intensiv anfeuern zu können. Normalerweise rauscht er bei Velorennen in einem Sekundenbruchteil vorbei, wenn sie am Strassenrand stehen. Nun hätten sie ihn 50 Minuten lang anfeuern können, nonstop. Doch als der Startschuss fällt, weigert sich Franks Avatar, den Fuss vom Boden zu heben und wie seine 56 Konkurrenten loszufahren.

Frank würde gerne, zumal die erste Etappe, eine Bergankunft noch nach Leukerbad, auf ihn zugeschnitten wäre. Doch die Technik streikt. Der Luzerner ist einer von 57 Debütanten beim Radrennen «The Digital Swiss 5». Dieses haben die Organisatoren der Tour de Suisse in den vergangenen Wochen aus dem Boden gestampft, als Reaktion auf die Corona-bedingten Absagen aller Radrennen. Von 19 Profiteams nehmen jeweils 3 Fahrer an «The Digital Swiss 5» teil. Dabei werden an fünf Tagen in Folge rund einstündige Abschnitte des diesjährigen Tour-de-Suisse-Parcours absolviert. Virtuell natürlich, das heisst: Jeder Fahrer sitzt bei sich daheim auf der Trainingsrolle, die mit dem Internet verbunden ist und live seine Leistungsdaten ans Rennprogramm sendet. So können die Fahrer gegeneinander antreten.

Verbindungsproblem statt Plattfuss

Doch diese Verbindung zwischen Rolle und Internet spukt bei Frank – beim Test am Nachmittag hatte sie noch tipptopp funktioniert. Sein Rennen ist vorbei, bevor er starten konnte. «Immerhin blieben mir so 50 Minuten des Leidens erspart», sagt Frank scherzend. «Wo wir bei richtigen Radrennen Plattfüsse und Kettenrisse als Defekte kennen, ist es beim virtuellen Radsport wohl das Verbindungsproblem.»

Verbindungsprobleme: Mathias Franks Avatar weigert sich am Start loszufahren.
Screenshot: SRF

Virtuelle Radrennen sind nicht neu. Dass Profis unter sich welche austragen, hingegen schon. «The Digital Swiss 5» ist ein Pionierprodukt, weil die Organisatoren der Tour de Suisse bereits seit knapp einem Jahr an einem solchen Projekt arbeiteten. Sie dachten dabei nicht an die Profis, sondern primär an Hobbyfahrer, die virtuell die echte Rennstrecke würden absolvieren können. «Wir sagten vor einem Jahr grossspurig, dass wir bei der Weiterentwicklung des Radsports vorangehen wollten. Das ging nun schneller, als wir das gedacht hätten», sagt Olivier Senn, der Co-Chef der Tour de Suisse.

Liveübertragung in alle Radsportländer

Die Zeit ist ein entscheidender Faktor: Die Onlineplattform Rouvy, mit der die Tour de Suisse kooperiert, ist nur einer von vielen Bewerbern im Markt für virtuellen Ausdauersport. Jetzt früh dran zu sein, die Profis auf seine Seite zu ziehen, ist darum wichtig. «Solche Rennen, das geht nur jetzt, solange die Fahrer keine Rennpläne, keine Ziele haben», sagt Senn.

Der zweite Grund, der «The Digital Swiss 5» ausserordentlich macht, ist die Liveübertragung durchs Fernsehen. Der Durst nach Livesport ist riesig: Praktisch in jeder Radsportnation wird das Rennen übertragen. SRF produziert die Rennen von Mittwoch bis Sonntag (Start jeweils um 17 Uhr), als ob diese reguläre Radrennen wären. Mit Kommentator und Experten, dazu einem Schweizer Radprofi, der im TV-Studio pedalt. Auf der Startetappe am Mittwoch gibt sich Michael Schär vom Team CCC die Ehre. Als Zwölfter ist er der Beste der zehn gestarteten Schweizern.

Studiofahrer Michael Schär kommt nach 53 Minuten als Zwölfter in Leukerbad an, ziemlich ausgepumpt.
Screenshot: SRF

«Wir waren sofort offen für dieses Projekt», sagt Roland Mägerle auf die Frage, wie lange er für eine Zusage brauchte, als die Leute der Tour de Suisse ihm die Idee von «The Digital Swiss 5» präsentierten. SRF fiel mit der Corona-Krise der gesamte Livesport weg. Das virtuelle Radrennen ist der erste Sportevent seit der Biathlon-Verfolgung der Frauen in Kontiolahti am 14. März, der nicht ab Konserve kommt. «Innert 48 Stunden haben wir die wichtigsten Pflöcke eingeschlagen», sagt Mägerle. «Ich bin beeindruckt vom Speed und der Bereitschaft aller Beteiligten, diesem Pragmatismus.»

Grosse Zweifel bezüglich Grossanlässen 2020

Letztlich konnte das Rennformat auch so rasch umgesetzt werden, weil der Radrennsport stillsteht und deshalb alle Verantwortlichen Zeit für dieses Projekt hatten. «Ich bin froh, können wir dem sportinteressierten Publikum wieder einmal einen Live-Event präsentieren», sagt Mägerle. Es ist ein erster Strohhalm in einer sportfreien Zeit, die laut dem SRF-Sportchef noch eine Weile anhalten wird: «Internationale Grossevents werden es in diesem Sommer sehr schwer haben. Die Frage ist, was im Herbst passiert. An nationale, gut strukturierte Events glaube ich, das kann man besser unter Kontrolle haben.»

Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht: Das Feld im Aufstieg, eingeklinkt drei Fahrer, in der Mitte Gino Mäder.
Screenshot: SRF

Der Sportfan ist froh, wenn er überhaupt wieder einmal Profisportler bei der Arbeit zusehen darf. Das kann er bei «The Digital Swiss 5», weil neben den Avataren, die sich auf der zu einem früheren Zeitpunkt abgefilmten Originalstrecke bewegen, 16 Fahrer ihre Handykameras so neben dem Velo positioniert haben, dass man ihnen beim Strampeln, Schwitzen und Keuchen zusehen kann.

Nicht alle Aspekte können ins Virtuelle transportiert werden

Das Bild von 16 Profis, die sich wahlweise im Keller, auf der Terrasse, in der Garage oder im Wohnzimmer förmlich auswringen, ist eindrücklich. Weil nicht alle Aspekte des echten Radsports (Windschatten, Fahrtechnik, Taktik, etc.) 1:1 in die virtuelle Welt transportiert werden können, zählt primär das pure Leistungsvermögen über eine Stunde – wie in einem Einzelzeitfahren. Entsprechend ist die Spannung an diesem ersten Renntag nicht riesig. Zu überlegen drückt Zeitfahrweltmeister Rohan Dennis in die Pedalen.

Die echten Bergfahrer, wie etwa Gino Mäder, werden unter ihrem Wert geschlagen. Der 23-Jährige kommt als 27. ins Ziel. «Das ist kein Resultat, das man weit herumzeigen muss», sagt er. «Aber mit meiner Leistung bin ich sehr zufrieden. Ich erreichte einen neuen Bestwert für eine Stunde Dauerleistung.»

16 ausgepumpte Radprofis nach der Zieldurchfahrt, darunter fünf Schweizer: Kilian Frankiny (4./1. Reihe), Reto Hollenstein (1./3.R.), Gino Mäder (3./3.R.), Fabian Lienhard (4./3.R.) – und das Standbild von Mathias Frank (1./1.R.).
Screenshot: SRF

Obwohl es ausser Ehre nichts zu gewinnen gibt, nehmen die Profis das Rennen sehr ernst, davon zeugt Mäders Aussage: «Wir hatten im Team vorab einen Selektionsprozess. Nur schon dass ich aufgeboten wurde, war recht cool.» Er wird am Sonntag erneut am Start stehen. Bis dahin pausiert er – die fünf Rennen werden separat gewertet.