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Russland verhaftet SektenführerDie Verhaftung von Jesus 2.0

Sergei Torop, der sich für die Reinkarnation von Gottes Sohn hält, sitzt in einem sibirischen Gefängnis. Die Vorwürfe gegen ihn klingen weltlich.

Sergei Torop befindet sich hinter Gittern – obwohl er seine Sekte schon seit 30 Jahren betreibt.
Sergei Torop befindet sich hinter Gittern – obwohl er seine Sekte schon seit 30 Jahren betreibt.
Foto: Kirill Kukhmar (Tass, Getty Images)

Er sieht aus wie ein Heiland. Das lässt sich den zahlreichen Bildern entnehmen, die im Netz von ihm zu sehen sind. Da steht ein grosser, schmaler, attraktiver Mann mit langen, dunklen Haaren und Vollbart, meist in einen weissen Umhang gekleidet. Auf späteren Bildern ist sein Haar ergraut, der Ausdruck bleibt derselbe. Von seinen Fans umringt, breitet er die Arme aus und lächelt.

Das ist Sergei Torop, bei seinen Verehrern bekannt als Vissarion. Der Selbsterklärte, der vor seiner Erleuchtung als Verkehrspolizist aktiv war, hat in der sibirischen Region Krasnoyarsk einen Kult um seine Person hochgezogen. Denn Torop sieht sich als Wiedergänger Gottes.

Am Dienstag wurde Jesus 2.0 mit zwei seiner Jünger verhaftet. Die russischen Behörden, die seiner Friedfertigkeit nicht zu trauen schienen, schickten Helikopter und bewaffnete, vermummte Polizisten vorbei. Über 50 Männer seien auf dem Gelände aktiv geworden, sagt ein lokaler Augenzeuge laut der Website Tayga.info. Die drei Verhafteten wurden in ein Gefängnis in Novosibirsk gebracht.

Der russische Sicherheitsdienst wirft dem 59-jährigen Religionsführer weltliche Vergehen vor: Er habe eine illegale Organisation geschaffen, die Geld von ihren Mitgliedern erzwang, ihnen gar Gewalt antat. Zudem ist bei Torops «Kirche des Letzten Testaments» von Finanzbetrug die Rede.

Unabhängig davon, ob diese Vorwürfe stimmen oder ein Vorwand sind, eine ungenehme Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern zu diffamieren: Am meisten erstaunt an dieser Verhaftung der Zeitpunkt. Sergei Torop betreibt seinen Kult seit über 30 Jahren – seine erste Predigt hielt er 1991; also kann man davon ausgehen, dass die Kritik an seinem Vorgehen nicht erst jetzt relevant geworden ist. Schon in den letzten Jahren wurden mehrere «religiöse Abweichler» verhaftet, darunter die Zeugen Jehovas und muslimische Kleingruppen.

In Russland wird der Aufstieg religiöser Sekten mit dem Niedergang der Sowjetunion in Verbindung gebracht, eine verspätete Reaktion auf die politische Sinnkrise, die so viele damals ereilte. Als Symptom dafür lässt sich der Umstand lesen, dass Torops Sekte ihre Mitgliederzahl seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vermehrfacht hat. Inzwischen hat sich die Organisation von der Öffentlichkeit abgewandt.

Man geht von ungefähr 4000 Mitgliedern aus, die in 40 Dörfern im abgelegenen Süden Sibiriens leben und sich Vissarioniten nennen. Auch in Deutschland hat die Bewegung Anhänger. 50 der innigsten Glaubensbrüder bevölkern einen abgelegenen Hügel, auf dem ihr Heiland residiert, der mit der Gemeinde über Videobotschaften kommuniziert. Die Sekte lebt einfach, vegetarisch, verzichtet auf Drogen aller Art und organisiert sich selbstverwaltet.

Sergei Torop führt seine Berufung zum Wiedergänger Christi auf eine Epiphanie zurück, die ihn Ende der Achtzigerjahre ereilte, kurz nachdem er seinen Job in der sibirischen Stadt Minusinsk verloren hatte. Seine Heilslehre kombiniert die «Greatest Hits» aus der russisch-orthodoxen Kirche mit Anleihen bei Buddhismus, Taoismus und Ökologie. Die Gemeinde erwartet eine grosse Flut, von der sie alleine verschont werden wird. Ihre beiden grössten Feiertage sind der 18. August und der 14. Januar. Das erste Datum markiert den Jahrestag von Torops erster Predigt, das zweite seinen Geburtstag. Weihnachten hat er abgeschafft. Ein Jesus muss reichen.

Torop betreibt seinen Kult seit über 30 Jahren; man kann also davon ausgehen, dass die Vorwürfe gegen ihn nicht erst jetzt relevant geworden sind.

13 Kommentare
    Ronnie König

    Naja, solche und ähnliche Geister hat es immer wieder in Russland. Pasputin war auch so ein spezieller Kauz, mal in Moskau angekommen, so ging das Zarenreich alsbald mal unter. Hat dies Putin im Kopf? Würde mich nicht wundern und bevor da einer mit seinen Ideen Massen auf den roten Platz treibt, lieber mal vorerst aus dem Verkehr ziehen. Putin ist also nicht stark, er tut nur so. Naturschützer sind ihm eh suspekt, ausser sie sind halbtot geschlagen von seinen Biker oder Elitepolizei.