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Folgen der Corona-Krise «Die Veranstaltungsbranche lebt vom Enthusiasmus»

Andy Brooks und Michael Scherrer arbeiten seit vielen Jahren hinter den Kulissen der Schweizer Musikszene. Der Lockdown hat für sie als freischaffende Bühnentechniker weitreichende Konsequenzen.

Arbeiten ausgeschlossen: Die Bühnentechniker Michi Scherrer und Andy Brooks (rechts) an der Kaserne Basel.
Arbeiten ausgeschlossen: Die Bühnentechniker Michi Scherrer und Andy Brooks (rechts) an der Kaserne Basel.
Foto: Nicole Pont 

Meine Herren, das Schweizer Veranstaltungsverbot dauert jetzt schon seit mehr als zwei Monaten an. Wann haben Sie zum letzten Mal bei einem Konzert gearbeitet?

Andy Brooks: Mein letztes Konzert fand am 6. März statt, ich war an jenem Abend um das Backline des amerikanischen Saxofonisten Maceo Parker bemüht. Erst als das Blues Festival Basel wegen des Lockdown in den Herbst hinein verlegt wurde, ist mir eingefallen, dass ich in nächster Zeit nicht werde arbeiten können.
Michael Scherrer: Ich habe Mitte März das letzte Konzert mitorganisiert, das auf Basler Boden stattgefunden hat. Um den behördlichen Auflagen zu entsprechen, sind Paolo Fresu und Lars Danielsson gleich zweimal in der Martinskirche aufgetreten. Nur so konnte der Veranstalter Offbeat allen Ticketinhabern garantieren, dass sie bei diesem Konzert dabei sein konnten.

Kommen Sie mit der finanziellen Unterstützung über die Runden, die der Bund an Sie ausrichtet?

Andy Brooks: In dieser schwierigen Zeit bin ich der SVA für ihre Hilfe sehr dankbar. Allerdings unterliegt unsere Branche grossen saisonalen Schwankungen. Darum spiegelt die Höhe der staatlichen Unterstützung nicht das Einkommen, das ich ohne Corona-Ausbruch verdient hätte.
Michael Scherrer: Zum Glück konnte ich belegen, in welchem Umfang mein Einkommen sich sonst bewegt. Seit März konnte ich auch einige Studioaufträge wahrnehmen, was mir finanziell sehr geholfen hat. Schliesslich habe ich Kinder, die ich zusammen mit meiner ehemaligen Lebenspartnerin durchbringen muss.

Wie vertreiben Sie sich die Tage ohne Arbeit?

Andy Brooks: Meine Garage ist vollgestopft mit Kawasaki-Motorrädern aus den 1970er- und 1980er-Jahren, die ich auf Vordermann bringen will. Gleichzeitig versuche ich, mein umfangreiches Ersatzteillager neu zu ordnen. Ich habe also zu tun. Trotzdem fehlt mir meine reguläre Arbeit: Seit 1981 ist kaum eine Woche vergangen, in der ich nicht mit Konzerten und Musikern zu tun hatte.
Michael Scherrer: Seit Mitte März habe ich für andere Musiker Beats produziert oder ihnen auch hinter dem Mischpult ausgeholfen. Auch wenn ich an diesen Arbeiten nichts verdiene, ist es für mich unerlässlich, kreativ zu bleiben.

Wie sind Sie ursprünglich ins Veranstaltungsgeschäft hineingerutscht?

Andy Brooks: Anfang der 1980er-Jahre spielte ich in diversen englischen Bands. So kam ich dazu, mich an der Organisation von Konzerten zu beteiligen. Weil ich in meinem damaligen Umfeld einer der wenigen war, der sich mit Sound beschäftigte, begann ich, selber eigene Tonanlagen zu bauen und Konzerte zu mischen.
Michael Scherrer: Ich begann bereits während meiner Schreinerlehre als Tontechniker im Bird's Eye zu arbeiten. Später habe ich die praktischen Erfahrungen, die ich vor Ort gesammelt hatte, bei einer Ausbildung zum Tonmeister ergänzt. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich mehr bewirken kann, wenn ich anderen Musikern zu einem guten Sound verhelfe, als wenn ich mich selber zu profilieren versuche.

«Alles hängt davon ab, wie der Bundesrat jetzt entscheidet.»

Andy Brooks, Bühnentechniker aus Basel

Haben Sie den Schritt aus dem Rampenlicht nie bereut?

Andy Brooks: Überhaupt nicht. Es gibt viele Musiker, die talentierter sind als ich: Mit ihnen kann und will ich mich nicht messen müssen. Als Bühnentechniker habe ich auch nach 40 Jahren noch immer mit Musik zu tun. Sie ist der Grund, warum ich in dieses Metier eingestiegen bin, und sie begeistert mich auch nach 40 Jahren. Ich mache diesen Job ja nicht, weil ich damit viel Geld verdienen will. Sondern weil diese Arbeit mir mit kleinen Einschränkungen Spass bereitet.
Michael Scherrer: Obwohl das Veranstaltungsgeschäft mehr von Firmenanlässen und Aktionärsversammlungen lebt als von Konzerten, können Andy und ich unsere Arbeitgeber selber auswählen – und uns so bei Musik- und Theaterprojekten einbringen, die uns am Herzen liegen. Das ganze Veranstaltungsgeschäft lebt vom Enthusiasmus der Leute, die darin arbeiten. Das bedeutet aber, dass unsere Arbeit schlechter entlohnt wird als in anderen Kultursparten wie beispielsweise im Theater.

Wie sieht die Zukunft mittelfristig für Sie aus?

Andy Brooks: Es hängt alles davon ab, wie der Bundesrat jetzt entscheidet. Wie es derzeit aussieht, werden Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern Anfang September wieder erlaubt. Es kann sein, dass kleinere Anlässe bereits im August wieder zugelassen werden. Nur: Auf die Schnelle lassen sich Konzerte nicht organisieren. Ohne eine gewisse Vorlaufzeit werden die Clubs auch im Herbst dunkel bleiben.
Michael Scherrer: Nach dem Ende des Veranstaltungsverbots wird es ein Riesenchaos geben. Die Veranstalter können es sich gar nicht leisten, bereits angesagte Konzerte abzusagen. Sonst müssten sie den Ticketingfirmen viel Geld für die Abwicklung der Rückerstattungen auszahlen. Lieber suchen die Veranstalter nach Ersatzterminen, auch wenn die Konzerte dann doch immer und immer wieder verschoben werden müssen.

«Die Veranstalter werden fragen, ob wir ihnen mit Gagenreduktionen entgegenkommen können.»

Michael Scherrer, Tonmeister aus Basel

So werden Sie sicher wieder zu tun haben, sobald das Konzertgeschäft wieder anläuft.

Andy Brooks: Wahrscheinlich werden die Konzerte dann so dicht aufeinander folgen, dass wir die anfallende Arbeit gar nicht bewältigen können. Auch wenn ich 30 Tage am Stück arbeiten könnte, würde ich das aus gesundheitlichen Gründen nicht tun wollen.
Michael Scherrer: Wenn sich die Konzerte häufen und die Ticketverkäufe hinter den Erwartungen zurückbleiben, hat das für uns Konsequenzen. Dann werden die Veranstalter auf uns zukommen und fragen, ob wir ihnen nicht mit Gagenreduktionen entgegenkommen können. Machbar ist so etwas schon. Trotzdem fehlt uns dann Geld, auf das wir gezählt hatten.
Andy Brooks: Es ist gar nicht so sicher, dass das Publikum wieder in die Hallen strömen wird, sobald es wieder Livekonzerte zu sehen und zu hören gibt. Um die jungen Menschen mache ich mir in dieser Hinsicht keine Sorgen. Die kommen bestimmt wieder. Die älteren Semester werden es sich zweimal überlegen, bevor sie irgendwo hingehen, wo sie sich mit einem Virus anstecken könnten.