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Neues Buch des ErfolgsautorsDie Unsauberkeit der Welt

Bernhard Schlinks Erzählband «Abschiedsfarben» handelt von Schuld und Vergebung, Einsicht und Loslassen. Ein Alterswerk im besten Sinne.

Ein elegischer Ton durchzieht seine neuen Erzählungen: Bernhard Schlink.
Ein elegischer Ton durchzieht seine neuen Erzählungen: Bernhard Schlink.
Foto: Alberto Venzago, Diogenes Verlag

Nach «Liebesfluchten» (2000) und «Sommerlügen» (2010) legt Bernhard Schlink nun, erneut im Zehnjahresabstand, seinen dritten Erzählband vor. Der ungemein erfolgreiche Romanautor («Der Vorleser» war dank Oprah Winfreys TV-Show sogar in den USA ein Millionenseller und wurde mit Starbesetzung verfilmt) ist auch ein Könner auf der kürzeren Strecke. Ja, vielleicht kommen seine Qualitäten in diesem Format noch besser zur Geltung.

Zu diesen Qualitäten gehört die Fähigkeit (und die Lust!), moralisch vertrackte Verhältnisse in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit zu erfassen und sie aus dem Dunkel der Gefühle ans Licht des Verstandes zu holen. Dazu dient ihm ein messerscharfer Verstand, die Logik des Juristen und ein glasklarer Stil. So liegt die «Unsauberkeit der Welt», wie es einmal heisst, am Ende jeder Erzählung literarisch gut gesäubert vor den Lesern da – gesäubert, aber nicht reduziert, versimpelt oder gar banalisiert. Vielmehr arbeitet der Fall oft nach der Lektüre in einem selbst weiter.

Da trifft Philipp, Autor einer «Geschichte der Hausmusik», nach 50 Jahren seine Jugendliebe Susanne wieder, von der er sich seinerzeit ausgenutzt fühlte: Wollte sie ihn nicht eigentlich ihrem an den Rollstuhl gefesselten Bruder Eduard als Freund und Gefährten zuschieben? Philipp ist damals enttäuscht und gekränkt aus dieser Konstellation geflohen, auch aus der Familie, die ihn herzlich aufgenommen hatte. Jetzt kommt es zur Auseinandersetzung mit Susanne, die ihre Sicht der Dinge – der damaligen, der jetzigen – liefert. Und damit das, was Philipp ein bisschen bequem abgehakt hatte – er als Opfer, sie als Täterin –, wieder aufdröselt.

Es sind oft ältere Helden, die ihr Leben einer moralischen Prüfung unterziehen.

Schuld, Verrat, Verzeihen, Einsicht und Loslassen: Das sind klassische Schlink’sche Themen, die in diesen Erzählungen etwas Melancholisches haben, gewissermassen herbstlich in Abschiedsfarben leuchten. Es sind oft ältere Helden, die ihr Leben einer moralischen Prüfung unterziehen. Sie sehen sich in ihre Jugend zurückversetzt, werden von ihr eingeholt, überwältigt, manchmal auch gepeinigt.

Was jemand getan hat, ist nicht ungeschehen zu machen. Aber wie man damit umgeht, zeigt den Charakter eines Menschen. So den Ich-Erzähler in «Künstliche Intelligenz», dem perspektivisch raffiniertesten Stück des Bandes. Der war in einem DDR-Computer-Institut angestellt, gemeinsam mit seinem Freund Andreas, dessen Fluchtpläne er der Stasi verraten hatte.

Andreas, seinerzeit auf Jahre im Gefängnis, ist längst tot, aber seine Tochter recherchiert. Wird die Denunziation ans Licht kommen? Ans Licht des Bewusstseins des Ich-Erzählers jedenfalls nicht, denn der macht in einem «Gespräch» mit dem toten Freund seinen Frieden mit ihm – einen höchst einseitigen Frieden, mit dem er an seiner Lebenslüge festhalten kann, die vereitelte Republikflucht sei ja doch das Beste für Andreas gewesen.

Oft braucht es äusseren Druck auf die Personenkonstellation, damit diese ihre Dynamik entwickeln kann. Das kann, wie in der genannten Geschichte, politischer Druck sein, oder ein «Schicksalsschlag» – an Schlink kann man übrigens gut studieren, was seine bei aller leichten Lesbarkeit komplexen Geschichten von Trivialliteratur unterscheidet, die mit solchen «Schlägen» die Leser gern in eine wehrlose Rührseligkeit knüppelt.

Ein Ende mit einem Dur-Moll-Akkord

In der autobiografisch gefärbten Geschichte «Daniel, my brother» ist es der Selbstmord des Bruders, die beim Helden ein Auf und Ab der Gefühle und die nachfolgende Selbsterforschung auslöst. Zu körperlichen Symptomen, die ihn quälen, kommen Erinnerungen an viele kleine Demütigungen, die der Ältere ihm zufügte, an dessen späteres ostentatives Desinteresse am jüngeren Bruder. Trauer erfasst ihn, «die Traurigkeit der Vergeblichkeit. Sie galt nicht dem, was gelebt und verloren, sondern was nicht gelebt worden war und auch nicht mehr gelebt worden wäre, hätte sein Bruder sich nicht das Leben genommen.» Am Schluss tritt noch eine andere Note hinzu, sodass das Stück quasi mit einem Dur-Moll-Akkord endet. Eine «unsaubere» Sache, aber so ist das Leben.

Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, sie legen sich elegisch über etliche dieser Erzählungen. Aber anders als früher enden sie oft mit einem versöhnlichen Ton. Der Autor entlässt seine Figuren in Frieden mit der Welt und sich selbst – und nur beim Denunzianten war es ein fauler, ein verlogener Friede. In «Jahrestag», dem letzten Stück des Bandes, gönnt Schlink seinem Helden, einem über siebzigjährigen Historiker, eine tolle Lebensabendgefährtin, jung, attraktiv, intelligent, einfühlsam. «Ich kann mein Glück nicht fassen», lautet der letzte Satz des Bandes. Fast zu schön, um glaubhaft zu sein. Aber man möchte dem Autor dieses ganz ungetrübte, nur einen Augenblick leicht beschattete Stellvertreter-Glück von Herzen gönnen.

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben. Geschichten. Diogenes, Zürich 2020. 232 S., ca. 32 Fr.