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Pop-BriefingDie unerträgliche Scheinheiligkeit des Pop

Wie sehr ist die Musikbranche wirklich an schwarzer Musik interessiert? Wie will Live Nation grosse Konzerte ermöglichen? Und was gibt es diese Woche an neuer Musik zu entdecken?

Der Beginn einer langen Liebschaft: Lady Blackbird veröffentlicht ihren ersten Song.
Der Beginn einer langen Liebschaft: Lady Blackbird veröffentlicht ihren ersten Song.
Foto: Facebook

Das muss man hören

Es ist der erste Song, den die Welt von dieser Frau zu hören bekommt, und es dürfte der Anbeginn einer langen Liebschaft sei. Die amerikanische Sängerin Lady Blackbird hat sich zum Einstieg die Nina-Simone-Bürgerrechtshymne «Blackbird» vorgenommen und bringt in ihrer Deutung den ganzen Schmerz der schwarzen Frau in einer weissen Nachbarschaft zum Ausdruck. Das Original ist 50-jährig und leider noch immer so was von hochaktuell.

Aus Schweden erreicht uns ein Album, das seine geografische Herkunft derart kunstvoll vernebelt, dass einem schier schwindlig wird. Sven Wunder heisst der Mann, der sich mal an den psychedelischen Drogenexperimenten hippiesker Goa-Reisender interessiert zeigt, mal Spaghetti-Western-Ästhetik zitiert, vermeintlich mit der türkischen Jazz-Rock-Szene anbandelt und das Ganze stets mit schnieken Breakbeats garniert. «Eastern Flowers» ist das unangefochtene Album der Woche!

Eine Band zu gründen, die sich ganz ohne Gender- und Generationen-Schranken der afroamerikanischen Musikkultur in all ihren Facetten annimmt, das war die Idee von Mourning A BLKstar aus Cleveland. Nun ist deren viertes Album erschienen und wildert in diversen, schwerst zu vereinenden musikalischen Distrikten. Das Spektrum reicht von Gospel über Experimentalelektronik und Soul bis zu Blues und Breakbeat-Avantgarde. Gegen weisse Polizeigewalt hat das Kollektiv bereits auf ihrem 2017 erschienenen Erstling aufgerufen: «Wir haben das schon einmal besprochen. Wieder und wieder und wieder und wieder und wieder. Wie ein Plattensprung.» Das Album hat die Band folgerichtig «The Cycle» getauft.

Die landläufige Meinung ist, dass die Auseinandersetzung mit dem Reggae auf der ganzen Welt in etwa zu den gleichen musikalischen Ergebnissen führt. Das ghanaische Projekt mit dem etwas sperrigen Namen Y-Bayani & Baby Naa and their Band of Enlightenment, Reason & Love zeigt, dass dem nicht zwingend so ist. Das Album ist auf dem honorigen Label Philophon erschienen.

Darüber wird gesprochen

Es ist ja ein bisschen zynisch, dass erst Tote im Verbund mit verwackelten Handy-Aufnahmen dazu Anlass geben, dass die Weltöffentlichkeit sich Gedanken darüber macht, warum sie eine Welt geschaffen hat, in welcher gewisse Bevölkerungsschichten nicht auf Chancengleichheit hoffen können. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt, das Interesse, daran etwas zu ändern, scheint nur dann aufzublitzen, wenn gerade mal wieder alle hinschauen.

Ob die Welt wirklich eine bessere (und eine weniger rassistische) wird, weil die britische Plattenfirma One Little Indian (immerhin das Label von Björk) nun ihren Namen in One Little Independent ändert, darf leidenschaftlich bezweifelt werden. Und dennoch: Man habe realisiert, dass man mit dem Label-Namen die Geschichte verletzender Stereotypen und die Ausbeutung indigener Völker fortgeschrieben habe, heisst es aus dem Musikhaus.

Gut gemeint ist auch die Aktion von Youtube. Hier will man schwarzen Produzenten und Künstlern 100 Millionen Dollar in Form eines Fonds zur Verfügung stellen. Dies wäre allerdings gar nicht nötig, würde Youtube ein Geschäftsmodell verfolgen, welches das Konsumieren musikalischer Inhalte per se angemessen entschädigen würde.

Fast schon ein bisschen zerknirscht mutet das in allen Belangen richtige Statement der Bertelsmann Group (BMG) zum Thema an. Die Realität in seinem Betrieb sei so, dass People of Colour nicht in dem Masse im Unternehmen repräsentiert seien wie in der Gesellschaft, sagte CEO Hartwig Masuch. «Wir sind nicht so divers, wie wir sein könnten. Trotz vieler Anstrengungen in den vergangenen Jahren haben wir nicht ausreichende Fortschritte erzielt.» Im Wissen, wie schändlich die Musikindustrie mit schwarzen Künstlern umgegangen sei, habe man bei BMG ausserdem begonnen, alle alten Künstlerverträge einer Untersuchung zu unterziehen und bei allfälligen Unstimmigkeiten innert 30 Tagen Anpassungen zu tätigen.

Bei allem Aktionismus ist festzuhalten, dass das Popbusiness seit Jahrzehnten auf den globalen Norden zentriert ist. Die Neugier, dies zu ändern, und in Medien, Industrie und im Konzertwesen eine Musikwelt abzubilden, die über das westliche Kulturverständnis hinausgeht, ist – ebenfalls seit Jahrzehnten – kaum zu erkennen. Die schlimmste Art von Heiligkeit war schon immer die Scheinheiligkeit.

Das Schweizer Fenster

Der Walliser Hip-Hop-Wirbelwind KT Gorique hat ein 22 Titel umfassendes neues Album veröffentlicht. Es strotzt nur so vor raffiniert getakteten Wortmeldungen, musikalisch ist es indes nicht übermässig originell geartet. Egal. Diese Frau groovt, als kriegte sies bezahlt.

Und hier gehts zu unserer Playlist mit empfehlenswerter Schweizer Musik.

Was blüht?

In der Schweiz wird gerade versucht, im Eventbereich zur weltberühmten «neuen Normalität» zu finden. Und es zeigt sich, dass dies kein leichtes Unterfangen ist, zumal grössere Veranstaltungen nach wie vor nicht gestattet sind (kleine Message an Boris Zürcher vom Seco: Nein, einen Arbeitsanreiz braucht die Eventbranche nicht).

Nun hat sich Melvin Benn, der Managing Director von Live Nation, zu Wort gemeldet und die Ergebnisse längerer Forschungen präsentiert, die zum Ziel haben, demnächst auch wieder Grossveranstaltungen möglich zu machen. Sein Plan: Besucherinnen und Besucher, die eine Karte für ein Konzert erworben hätten, müssten sich zwei Wochen vor der Veranstaltung auf das Coronavirus testen lassen. Nachdem sie dem Veranstalter den negativen Befund übermittelt hätten, dürften sie ans Konzert, es sei denn, die App, die man zusätzlich herunterladen müsste, würde angeben, dass ein Kontakt zu einer infizierten Person stattgefunden habe. Ob das die Lust auf Konzerte tatsächlich schürt?

Das Fundstück

Wir schreiben das Jahr 1992, als Ian Astbury, der Sänger der Gruppe The Cult, einer Liveshow der Gruppe Mother Tongue beiwohnt und dermassen begeistert ist, dass er sie von der Bühne weg als Vorband engagiert. Und weil die grossen Plattenfirmen gerade auf der Suche nach neuen Bands sind, die dem Untergrund entstammen und der Gitarrenmusik einen neuen Thrill verleihen, wird bald darauf ein Vertrag bei Sony Music unterschrieben und das erste Album eingespielt. Es sieht gut aus für die Jungs aus Kalifornien, doch irgendwie scheint die Promoabteilung der Plattenfirma nicht so recht an ein neuerliches Nirvana- oder Red-Hot-Chili-Peppers-Wunder zu glauben (dummerweise wandert einer der Bandgründer dann auch ausgerechnet zu den Chili Peppers ab). Das unbetitelte Album von Mother Tongue wird kaum beworben und dementsprechend kaum verkauft. Dabei ist der bluesige Rock dieser Band von einer Wunderbarkeit, die bis heute nachhallt.

Nun ist dieses Album erstmals auf Vinyl veröffentlicht worden. Die Band ist nach diversen Totsagungen wieder aktiv – und wenn die Musikwelt gerecht ist, wird sie endlich die adäquate Wertschätzung erfahren.

Die Wochen-Tonspur

Auf der Spotify-Playlist zur Kolumne findet sich eine wilde Mengung an neuer Musik für den eingefleischten Eklektiker. Es gibt unter vielem anderem Neues vom Ethio-Jazz-Erfinder Mulatu Astatke, zornigen Post-Punk von Heads, norwegischen Berserker-Blues von Deathbarrel und Quarantäne-Songs vom kenianischen Folksänger J.S. Ondara. Arlo Parks covert Radiohead, Bibio frönt dem luftigen Folk, Norah Jones findet zurück zum guten Song, und der südafrikanische Pianist Nduduzo Makhathini bläst alle guten Jazzgeister aus der Stube.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt.

Jeden Dienstag schreiben unsere Musikredaktoren in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.