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Friedensnobelpreis für UNO-Organisation Die Suppenküche der Welt

Allein vergangenes Jahr hat das World Food Programme fast 100 Millionen Menschen
ernährt und damit zahllose Leben gerettet. Die Hilfe aber wird immer wieder abgezweigt – oder ausgenutzt.

Mitarbeiter des World Food Programme verteilen Hilfsgüter im Jemen.
Mitarbeiter des World Food Programme verteilen Hilfsgüter im Jemen.
Foto: Hammadi Issa (Keystone) 

Für nüchterne Worte ist dies nicht der Moment, die Welt ist in Aufruhr. Jetzt müssen alle zusammenstehen, jetzt müssen alle Staaten die grosse Herausforderung der Zeit gemeinsam angehen, das Übel gemeinsam bekämpfen.

Aber nicht Covid-19 ist gemeint, nicht die Corona-Seuche, sondern ein anderer globaler Notstand, der einer gemeinsamen Antwort der Welt bedarf. «Wir dürfen niemals vergessen, dass Hunderte Millionen Menschen, vor allem in den weniger entwickelten Teilen der Welt, an Hunger und Mangelernährung leiden, obwohl eine Reihe von Ländern, auch mein eigenes, Nahrungsmittel im Überfluss produziert.» Das war im Herbst 1960, mitten im Kalten Krieg. Der Redner war der amerikanische Präsident Dwight Eisenhower. Damals forderte er die Staatengemeinschaft auf, den Hunger in der Welt zu beseitigen.

«Zero Hunger» ist das Ziel

Die Ansprache des US-Präsidenten vor den Vereinten Nationen in New York gilt als zentraler Meilenstein für das World Food Progamme (WFP). Ein Jahr später wird es gegründet. Gedacht war das WFP zunächst nur für einen begrenzten Zeitraum. Doch nun besteht es bereits fast seit 60 Jahren. Und auch jetzt bleibt das selbst gesteckte oberste Ziel des WFP in weiter Ferne: «Zero Hunger», null Hunger, eine Welt, in der jeder Mensch ausreichend zu essen hat.

Der Friedensnobelpreis kommt überraschend. Andere galten als Favoriten, etwa die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder die Klima-Aktivistin Greta Thunberg. Und doch klingt es nur logisch, wenn die Vorsitzende des Komitees, Berit Reiss-Andersen, als Begründung für die Preisvergabe davon spricht, dass damit der Kampf gegen den Hunger sowie der Beitrag des WFP zum Frieden in Konfliktgebieten ausgezeichnet werden sollen. Aufgaben, betonte Reiss-Andersen, die sich eben nur multilateral lösen lassen.

Ein Signal gegen Donald Trump

Natürlich ist das auch ein Signal. Diese Worte lassen sich als gegen Donald Trump gerichtet verstehen. Der US-Präsident hat vor ein paar Wochen ebenfalls vor der UNO-Generalversammlung eine Rede gehalten: Von Multilateralismus und hehren Zielen wie dem Kampf gegen Hunger ist da keine Rede. Trump ermuntert die Staaten der Welt vielmehr, sich nicht um die Interessen anderer zu scheren.

Sowohl das Desinteresse der Supermacht USA als auch politische Einflussnahme sind für das WFP indes nichts Neues. Zum Beispiel Jemen: Weil Nahrungsmittel in dem Bürgerkriegsland immer wieder abgezweigt wurden, stoppte das WFP 2014 teilweise die Versorgung. Eine lokale Partnerorganisation verkaufte die Notrationen offenbar im Auftrag der Mächtigen. WFP-Chef David Beasley nannte die Vorgänge eine «Schande».

Ähnliche Vorwürfe wurden einige Jahre später laut: Von den Hilfslieferungen in Somalia komme höchstens die Hälfte bei den Menschen an, hiess es, der Rest werde von korrupten Politikern und Geschäftsleuten abgezwackt. Das WFP wies dies zurück.

Über 12 Milliarden Mahlzeiten pro Jahr

Im vergangenen Jahr half die Organisation eigenen Angaben zufolge 97 Millionen Menschen in 88 Ländern. Das entspricht 12,6 Milliarden Mahlzeiten jedes Jahr. Es hilft Opfern von Naturkatastrophen und Menschen in Kriegsgebieten mit Lebensmitteln. Um ihre Wirtschaft anzukurbeln, kauft das WFP mehr Waren und Dienstleistungen von Entwicklungsländern als jede andere UNO-Agentur.

Die Organisation wird seit drei Jahren von dem Amerikaner David Beasley geleitet. In einem Interview vor wenigen Monaten warnte er eindringlich vor den Folgen von Grenzschliessungen und Reisebeschränkungen für die Länder des globalen Südens. «So etwas wie das haben wir noch nie zuvor erlebt», sagte er angesichts der Pandemie. Sie mache alles komplizierter, etwa, weil Fluggesellschaften viele Flüge ausgesetzt hatten und so die Hilfslieferketten unterbrochen waren.

David Beasley, Leiter des WFP.
David Beasley, Leiter des WFP.
Foto: Mark Garten (Keystone) 

Damals ahnte Beasley nicht, dass das norwegische Nobelkomitee dem WFP den Friedensnobelpreis verleihen wird. «Noch nie war die Arbeit der humanitären Organisationen kritischer als unter den aussergewöhnlichen Umständen des Jahres 2020», erklärte nun das Komitee. Da die Auswirkungen von Covid-19 Hunderte von Millionen Menschen in den Hunger trieben, sei humanitäre Nahrungsmittelnothilfe «absolut unerlässlich».

Es gibt auch Kritik an der hehren Arbeit

Doch das WFP muss sich, wie andere humanitäre Organisationen, auch Kritik stellen. Der zentrale Vorwurf: Was es bekämpfen will, perpetuiert es selbst. Indem das WFP an einigen Orten die Aufgaben des Staates übernimmt, wo dieser versagt, kann sich der Staat seiner Verantwortung entziehen.

Schon mit der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 war eine Hungerkrise einhergegangen, das WFP musste sich damals dem Vorwurf stellen, es würde indirekt die Bauern in den USA subventionieren, indem es Überschüsse der amerikanischen Bauern als Spende der US-Regierung annahm. Die Projekte des WFP könnten so zur Schwächung der landwirtschaftlichen Produktion in Entwicklungsländern beitragen. Der damalige Weltbank-Präsident hatte gefordert, die USA sollten wie die EU ihren Beitrag zum WFP direkt in Geld leisten, um die Landwirtschaft in den Armutsregionen zu stärken.

In bewaffneten Konflikten wird das Leid der Bevölkerung häufig als Druckmittel missbraucht – siehe Jemen. Daran ändert auch das WFP nichts. Es will allerdings verhindern, dass Hunger als Waffe in Konflikten eingesetzt wird. Und für dieses noble Ziel und seinen Beitrag dazu erhielt es an diesem Freitag den Friedensnobelpreis. Seit seiner Gründung ist es ihm gelungen, dass heute immerhin nicht einmal jeder zehnte Mensch weltweit von Hunger bedroht ist. In den 1960er-Jahren, als das WFP gegründet wurde, war es jeder dritte.

6 Kommentare
    Fabio Rossi

    Seitdem der Friedensnobelpreis 1901 zum ersten Mal verliehen wurde gab es immer Kritiker bzw. Neider. Ja selbst unser Gewinner Henri Dunant wurde kritisiert mit der Erfindung des roten Kreuzes die Länder nur noch mehr zu animieren um Kriege zu führen. Die Calvin Stadt Genf die ihn wegen der Verluste seiner Geschäfte verbannt hatte gehörte mit zu seinen grössten Kritiker. Man sieht, selbst ein Mensch der das Herz wirklich am richtigen Fleck hatte und die Nächstenliebe vorlebte, musste Kritik einstecken.