Die Stars sind diesmal... leider nicht die Filme
Mit der stolzen Ansage «Die Filme sind die Stars in Locarno» haben die Verantwortlichen des Filmfestivals in früheren Jahren für die Grossveranstaltung im Tessin geworben. Heuer sind die Stars aus Fleisch und Blut.

Promis wie die australische Sängerin und Teilzeitschauspielerin Kylie Minogue oder Frankreichs Altstar Alain Delon zogen Aufmerksamkeit von den Filmen ab, was in Anbetracht der gefühlten Durchschnittsqualität des internationalen Wettbewerbs mutmasslich nicht gross schadete. Erfreuliche Entdeckungen, wie sie in den vergangenen Jahren möglich waren, blieben bislang aus.
Erfreulicher präsentiert sich die Zwischenbilanz hinsichtlich der Besucherzahlen: Bis Samstagabend wurden insgesamt 52'800 Eintritte registriert (+4 Prozent im Vergleich zu 2011), davon 23'100 auf der Piazza Grande (+5 Prozent), wie das Festival auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA mitteilte. Die Marke von 160'000 Eintritten könnte damit bis am 11. August geknackt werden.
Gegensätzliche Reaktionen
Bei den Filmen gab vor allem «Image Problem» zu reden. Die Berner Simon Baumann und Andreas Pfiffner verwandelten dabei die undankbare – wenn auch selbst gestellte – Aufgabe, das angeschlagene Ansehen der Schweiz aufzupolieren, in einen zugleich witzigen wie hochgradig schockierenden Dokfilm. Sie tut weh, die provinzielle Dumpfheit in Teilen der Schweiz.
Dass «Image Problem», der viele der Befragten in wenig schmeichelhaftem Licht zeigt, kontrovers aufgenommen wurde, spricht eher für diesen Wettbewerbsbeitrag als gegen ihn. Mutmasslich weniger umstritten sein wird der zweite Schweizer Dokfilm im Wettbewerb, «The End of Time» von Peter Mettler.
Die visuell eindrückliche Studie über das Wesen der Zeit mit Bildern von Lavaströmen auf Hawaii, aus dem Genfer Cern oder vom Ort der Erleuchtung Buddhas dürfte einen Teil des Publikums sanft entrücken – und einen weiteren in tiefen Schlaf entsenden.
Mettlers Werk ist des Wettbewerbs jedoch zweifellos würdig, was sich nicht über jeden Beitrag der ersten Festivalhälfte sagen lässt. «Jack and Diane» etwa, eine langfädige Liebesgeschichte zweier Mädchen mit Kylie Minogue in einer kleinen Nebenrolle, würde schon an einem schwul-lesbischen Spartenfestival abfallen.
Schreikind im Temporausch
Mehr Zug entwickelt dafür der dritte Schweizer Film, der bisher in Locarno Weltpremiere feierte: «Nachtlärm» von Christoph Schaub ist eine rasante Tragikomödie mit Thrillerelementen. Der Streifen, der Ende August in der Deutschschweiz startet und wenig später in Deutschland und Österreich, ist hervorragend besetzt.
Zu arrivierten Schauspielern wie Alexandra Maria Lara («Rubbeldiekatz») und Georg Friedrich («Atmen») gesellt sich die junge Winterthurerin Carol Schuler. Erzählt wird von einem Paar, dessen Schreikind sich nur mit temporeichem Fahren beruhigen lässt. Eines Nachts wird ihr Fahrzeug samt Baby geklaut.
«Nachtlärm», nach einem Drehbuch von Martin Suter, ist mindestens so unterhaltsam wie Schaubs letzter Film, der Kassenschlager «Giulias Verschwinden» (2009). Ob der neue Streifen an den Kinokassen ähnlich erfolgreich sein wird, muss sich allerdings weisen. Eine mutmasslich interessierte Zielgruppe – Eltern von Schreikindern – dürfte fürs Kino zu müde sein.
Cervelatpromi-trächtige Weltpremiere auf der Piazza Grande feiert am kommenden Freitag Michael Steiners «Missen-Massaker», am Samstag ist hier der Dokfilm «More Than Honey» von Markus Imhoof zu sehen. In der Sparte Concorso Cineasti del presente für Erst- und Zweitlinge startet am Dienstag der Spielfilm «Tutti giù» des Tessiners Niccolò Castelli in den Wettbewerb.
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