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Raumplanung der ZukunftDie Stadt unter der Stadt

In den Städten wird verdichtet, die Landreserven gehen zur Neige. Platz zum Bauen gibt es aber noch im Untergrund, Kavernen statt Wolkenkratzer könnten die Stadt der Zukunft prägen.

Hochwassersystem G-Cans in Tokio: Oben die dicht bebaute und ständig von Überschwemmungen bedrohte Megastadt, unten viel Platz für die Kanalisation.
Hochwassersystem G-Cans in Tokio: Oben die dicht bebaute und ständig von Überschwemmungen bedrohte Megastadt, unten viel Platz für die Kanalisation.
Foto: Chris McGrath (Getty Images)

Im Untergrund der Schweiz verlaufen nicht nur die bekannten Eisenbahn- und Strassentunnel, sondern auch zahlreiche unbekannte. Die Tunneldatenbank der Fachgruppe für Untertagbau listet von A bis Z genau 1329 Bauwerke auf, vom SBB-Tunnel Aarau bis zum Zwirgistollen des Kraftwerks von Schattenhalb im Berner Oberland. Das Abwasser-Kanalisationsnetz misst 130’000 Kilometer, das Trinkwassernetz 81’000 Kilometer, Strom-, Kommunikations- und Gasleitungen erstrecken sich über Tausende von Kilometern. Pipelines, Fernwärmeleitungen, Militär- und Zivilschutzanlagen und immer mehr Erdsonden für die Wärmegewinnung beanspruchen ebenfalls Platz. Und doch sagt Antonia Cornaro: «Der Raum unter Tag wird in Zukunft für die Städte noch wichtiger werden, wenn der Raum an der Oberfläche nicht überbeansprucht werden soll.»

«Das Ziel ist, Mobilität, Lebensraum und Resilienz zu fördern.»

Antonia Cornaro

Das Interesse an der Nutzung des Untergrundes steige, sagt die Städteplanerin Antonia Cornaro. Sie ist Co-Autorin eines der wenigen Fachbücher zum Thema («Underground Spaces: Planning and Creating the Cities of the Future»), sie hält auch eine Vorlesung an der ETH. Raumplanung im Untergrund sei aktuell, sagt sie. Indem Neubauten in den Untergrund verlegt werden, kann der knappe und teure Raum an der Oberfläche besser genutzt werden. «Das Ziel ist, Mobilität, Lebensraum und Resilienz zu fördern», sagt Cornaro, die schon in Wien, New York und London an der Stadtplanung gearbeitet hat. Heute ist sie für das international tätige Zürcher Ingenieurunternehmen Amberg Engineering tätig, das auf Untertagbau spezialisiert ist.

Für Infrastrukturen, die an der Oberfläche stören würden, wird der Untergrund schon lange genutzt. Ohne U-Bahn etwa würde keine Grossstadt funktionieren, die Netze werden laufend ausgebaut, derzeit etwa in London oder in Paris. Auch für Überlandstrecken wird das Prinzip der U-Bahn immer wieder angedacht. Swissmetro oder Cargo Sous Terrain sind zwei der zahlreichen Ideen, dem dicht bebauten Siedlungsraum nach unten auszuweichen und die Logistik ungestört und nicht störend abzuwickeln. Elon Musk, nie um Ideen verlegen, will nicht nur den Magnetzug Hyperloop in einer Röhre verkehren lassen, sondern auch Tunnelnetze für die Tesla-Autos bauen. Er möchte letztlich jedes Haus an dieses Netz anschliessen, sodass die autonomen Autos mit Fahrgästen oder Warenlieferungen direkt in den Keller dirigiert würden.

Wird der Transportverkehr unterirdisch abgewickelt, bleiben die Strassen frei. Illustration des Projektes Cargo Sous Terrain.
Wird der Transportverkehr unterirdisch abgewickelt, bleiben die Strassen frei. Illustration des Projektes Cargo Sous Terrain.
Illustration: PD

Das Konzept einer solchen Röhrenbahn schwebt seit 150 Jahren vielen Erfindern vor, blieb aber stets unrealisierbar. Elon Musk hat für die Entwicklung seiner Tesla-U-Bahn ein Unternehmen mit dem etwas doppeldeutigen Namen The Boring Company gegründet. Dank rationellerem Arbeiten sollen Tunnel mit einem für Autos ausreichenden Querschnitt zehnmal billiger zu erstellen sein als heute für Bahn und Strasse üblich. Musk bringe gute Denkanstösse, sagt Antonia Cornaro. «Tatsächlich ist es so, dass das Bauwesen einer der punkto Innovationen und neuer Technologien langsamsten Industriezweige ist.»

Die Möglichkeiten, die der Untergrund bietet, sind noch lange nicht ausgeschöpft und rufen nach Innovationen. In Montreal oder in Helsinki sind ganze Ladenstrassen fern vom Wetter in die Tiefe verlegt worden. In Singapur wird eine Science City für 4000 Wissenschaftler unterirdisch geplant, Bauplätze sind besonders rar in dem Stadtstaat. In Sargans wurde in einer Kaverne eine Fabrik für elektronische Bauteile gebaut, deren Produktionsanlagen keine Störungen aus der Umwelt ertragen. Das Zürcher Staatsarchiv nutzt einen beim Bau der S-Bahn-Tunnel angelegten Schacht jetzt als Lager. Die Gemeinde Zermatt hat ihre Kläranlage in einer Kaverne gebaut. Einzelne Stollen, die vom Militär nicht mehr gebraucht werden, wurden neu genutzt als Rechenzentren oder Eventlokale. Und in Paris werden unterirdische Parkhäuser, die mangels Stadtverkehr leer stehen, als Gewächshäuser genutzt. Damit lebt eine jahrhundertealte Tradition auf: Die Champignons de Paris wurden ursprünglich tatsächlich im Pariser Untergrund produziert.

Hier hätte ein Bahnhof entstehen sollen: Doch aus der Porta Alpina unter Sedrun wurde letztlich nichts. Die Aufnahme zeigt einen Besuch internationaler Politiker auf der Neat-Baustelle.
Hier hätte ein Bahnhof entstehen sollen: Doch aus der Porta Alpina unter Sedrun wurde letztlich nichts. Die Aufnahme zeigt einen Besuch internationaler Politiker auf der Neat-Baustelle.
Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

Schweizer Wissenschaftler und Techniker spielen bei der Entwicklung der unterirdischen Bauten eine grosse Rolle, Tunnelbau ist eine Spezialität von Schweizer Ingenieuren. In Flums steht ihnen der Versuchsstollen Hagerbach zur Verfügung, ein fünf Kilometer langes Stollensystem, in dem Methoden, Materialien und Maschinen realitätsnah getestet werden können. Viele technische Details für die Baustellen der Alpentunnel wurden hier erprobt.

Indoor-Plantagen könnten künftig Stadtbevölkerung versorgen

Derzeit sind Versuche mit einem Rechenzentrum und mit unterirdischer Nahrungsmittelproduktion im Gang. Die Abwärme der Computer wird genutzt für die Aufzucht von Pflanzen und Fischen, an der Oberfläche wird dafür kein Platz beansprucht, Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel können sparsam verwendet werden. Mit Indoor-Plantagen im Keller könnte künftig die Stadtbevölkerung mit Gemüse versorgt werden, das nicht herbeitransportiert werden muss. Antonia Cornaro hat ihre Studentinnen und Studenten dazu befragt: «Über 80 Prozent befürworten solche Anbausysteme und sagten, sie hätten keine Probleme mit dem Verzehr des Gemüses.»

Bauwerke unter der Oberfläche bieten Sicherheit. Entgegen landläufigem Gefühl richten Erdbeben an Tunnels und Schächten weniger Schäden an als an der Oberfläche, wie Erfahrungen der U-Bahnen zeigen. In Tokio wurde ein unterirdisches, 177 Meter langes und 18 Meter hohes Reservoir erstellt, das bei Hochwasser als Schutzpuffer dienen soll. Sicher untergebracht sind unter der Oberfläche die Fernmeldekabel, ohne die eine Stadt nicht auskommt. Ein Vorteil für viele Anlagen ist die ausgeglichene Temperatur in den unterirdischen Räumen, heizen oder kühlen ist kaum nötig. Die Beleuchtung mit tageslichtähnlichen Lichtquellen soll für Menschen und Pflanzen möglich sein, auch Techniken zur geschickten Führung des Tageslichts in den Untergrund werden erprobt.

Über die Psychologie des Lebens im Untergrund weiss man nicht viel

Die psychologischen Effekte eines Lebens im Untergrund sind noch wenig erforscht. Für kommende Raumfahrtunternehmen werden Wohnexperimente in isolierten Lebensräumen durchgeführt – nicht alle mit Erfolg. Andrerseits verbringt die «Indoor-Generation» ohnehin vier Fünftel des Lebens innerhalb von Gebäuden, oft bei Kunstlicht und mit Klimaanlage. Tageslicht ist allerdings heute für viele Arbeitsplätze vorgeschrieben, was zum Teil grössere Umbauten von Werkhallen und Grossküchen nötig machte. Hörsäle, Theater oder Warenhäuser werden häufig fensterlos gebaut, Beleuchtungseffekte kommen dann besser zur Geltung. Das Bündner Kunstmuseum in Chur, das Museum Rietberg in Zürich oder das Musée d’ethnographie in Genf haben unterirdische Erweiterungen erfahren, womit das empfindliche Ortsbild an der Oberfläche geschont werden kann.

Der Eingangsbereich ist kompakt gehalten, denn die Erweiterung des Museums Rietberg liegt unter der Erde.
Der Eingangsbereich ist kompakt gehalten, denn die Erweiterung des Museums Rietberg liegt unter der Erde.
Foto: Dominique Meienberg

Untertagingenieure können heute sehr komplexe Bauwerke erstellen, wie der Gotthard-Basistunnel und die grossen unterirdischen Bahnhofanlagen beweisen. Die Technik wäre vorhanden, um noch mehr aus der Ressource Untergrund herauszuholen. Oft fehlen jedoch gesetzliche und raumplanerische Grundlagen. Der Nationalrat hat letztes Jahr dem Entwurf für eine Revision des Raumplanungsgesetzes eine Abfuhr erteilt. Auf Regeln für den Umgang mit dem Untergrund muss man deshalb weiter warten. Immerhin soll ein landesweiter Leitungskataster geschaffen werden, der den Planern zeigen soll, was unter der Oberfläche bereits gebaut oder noch geplant ist. Auch dieses Vorhaben des Bundesrates stösst indessen nicht auf einhellige Zustimmung. «Das ist weltweit ein Thema», sagt Antonia Cornaro. «Die Geologie ist vielerorts gut erforscht und dokumentiert, nicht aber die aktuelle Nutzung.»

25 Kommentare
    Marc Meier

    Vielleicht sollten wir einsehen, dass 8 Mia Menschen für diesen Planeten genug, nein schon viel zuviel sind sind. Lebenswerter wird das Leben nicht. Auch nicht in Zürich, hier ist der Zenit schon seit gefühlt 15 Jahren erreicht.