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Die Spezialistin für Teilchen

Die Physikerin Felicitas Pauss lehrt an der ETH Zürich und forscht am Europäischen Kernforschungszentrum in Meyrin. Dort koordiniert sie das LHC-Grossexperiment mit mehreren Tausend Forschern.

Anderthalb Stunden haben wir mit Felicitas Pauss über ihren Beruf gesprochen. Trotzdem wissen wir nicht, was sie arbeitet. Was sie wirklich arbeitet. Felicitas Pauss sagt, sie erforsche am Europäischen Kernforschungszentrum, wie das Universum 10 -11 Sekunden nach dem Urknall ausgesehen hat. 10 -11, das ist ein Sekundenbruchteil, nachdem unser Universum entstand. Fantastisch hört sich das an, ja verwegen. Dem Laien bleibt nur das Staunen.

Teamwork

Die 57-jährige Teilchenphysikerin sitzt in weisser Bluse, beiger Hose und auffälligem Schmuck in ihrem Büro auf dem Cern-Forschungscampus. Der Blick durch das Fenster geht auf einen öden Parkplatz. Auf dem Schreibtisch liegen wissenschaftliche Zeitschriften. Pauss will eine rauchen. Ist streng verboten, erinnert sie der Bürokollege an die neuste Weisung der Cern-Verwaltung. Pauss gibt klein bei.

Physiker gelten als geniale Einzelgänger. Newton, Einstein, Hawking. Doch wenn Physiker heute herausfinden wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie Materie aufgebaut ist und welche Kräfte in ihr wirken, dann ist Teamwork angesagt. Eine Einzelperson kann das nicht leisten, und selbst ein ganzes Universitätsinstitut hätte nicht das nötige Expertenwissen. Physiker müssen sich zusammentun. Zum Beispiel im Compact-Muon-Spectrometer-Experiment (CMS), einem der vier grossen Experimente, die in den nächsten Wochen am Cern starten sollen. Rund 3000 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker arbeiten mit. Personell gesehen eine Firma mittlerer Grösse, fast ein Konzern.

Keine Hierarchien

Aber Pauss will nicht mit einer Firmenchefin verglichen werden, obschon sie bei diesem Experiment eine leitende Funktion innehat. Die Hierarchien eines Unternehmens seien ihr fremd, sagt sie. Die Entscheidungen rund um die Versuche würden zudem im Konsens gefällt. Dies sei möglich, weil alle in dieselbe Richtung blickten, sagt Pauss: «Wir haben ein gemeinsames Ziel: nämlich einen Teilchendetektor zu bauen und zu betreiben, mit dem wir exzellente Physik machen können.» Man kann zweifeln, ob sich mehrere Tausend Forscher in einem anwendungsnahen Wissenschaftsbereich wie etwa der Biotechnologie in gleicher Weise auf ein Forschungsziel einigen könnten. In der physikalischen Grundlagenforschung – öffentlich finanziert und fern der kommerziellen Ausbeutung – ist es möglich.

Gremium steuert wichtige Entscheide

Am Grossexperiment sind 183 Forschungsinstitute beteiligt. Sie haben ihre Zusammenarbeit in einem eigenen Regelwerk schriftlich fixiert. Ein «Collaboration board» trifft alle wichtigen Entscheidungen rund um das Experiment, von der Frage, welche Technik für den Detektor die besten Ergebnisse zeitigt, bis zur Frage, nach welchen Regeln die Resultate veröffentlicht werden und wer letztlich den wissenschaftlichen Ruhm einstreichen darf. Pauss ist die stellvertretende Vorsitzende dieses «Collaboration board» und sitzt im «Management Board», dem Gremium, das die fünf Teilprojekte des CMS-Experiments steuert und wichtige Entscheide vorspurt.

Die Koordination eines Grossexperiments ist ein komplexes Geschäft. Die Forscher stammen aus 38 Staaten. Die Forschungsanlage CMS ist eine ausgefeilte Apparatur im Wert von 500 Millionen Franken. Da ist Kommunikationstalent gefragt. Und die Fähigkeit zur Konsensfindung. «Wir sind hier im CMS-Experiment wie in einem grossen Sinfonieorchester», sagt Felicitas Pauss, die einer österreichischen Musikerfamilie entstammt. «Nur wenn alle Teile ineinandergreifen, erzielen wir ein gutes Ergebnis.» Um so weit zu kommen, musste Pauss aber erst ihren Kopf durchsetzen. Geboren im steirischen Dorf Vorau, wuchs sie in Salzburg auf, studierte theoretische Physik und Mathematik, doktorierte 1976, ging ans Max-Planck-Institut für Physik in München und forschte in den USA. Dann arbeitete sie am Cern.

1983 ist sie mit von der Partie beim experimentellen Nachweis des Z-Teilchens, einem Erfolg, der ein Jahr später mit dem Nobelpreis gewürdigt wurde. 1991 kam sie ans Institut für Teilchenphysik der ETH Zürich. 1993 wird sie dort Professorin für experimentelle Teilchenphysik, von 1997 bis 2006 leitet sie das Institut für Teilchenphysik. Ihre Publikationsliste umfasst über 400 Titel.

Nie diskriminiert

Im vergangenen Jahr wurde Felicitas Pauss von den Cern-Partnerstaaten Österreich und Schweiz als Cern-Direktorin vorgeschlagen – und unterlag einem männlichen Mitbewerber. Das Cern-Direktorium sei eben «ein politisches Amt, bei dem verschiedene Faktoren eine Rolle spielen», sagt sie, und auf die Frage, ob sie sich als Frau benachteiligt fühle, antwortet sie dezidiert: «Ich habe mich nie diskriminiert gefühlt.»

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