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Leitartikel zu Hass und HetzeDie Respektlosigkeit sprengt alle Grenzen

Die moralischen Werte während des Corona-Lockdown sind längst wieder verflogen. Das spürt auch die Polizei. Die sozialen Medien beschleunigen das Gebaren der geistigen Brandstifter.

Zielscheibe für Hass und Gewalt: Polizisten – wie hier in der Ostschweiz – haben auf der Strasse einen immer schwereren Stand. 
Archivbild: Keystone.
Zielscheibe für Hass und Gewalt: Polizisten – wie hier in der Ostschweiz – haben auf der Strasse einen immer schwereren Stand.
Archivbild: Keystone.

Die Schweiz im Corona-Sommer 2020. In Gedanken fliegen wir an einen schönen Sandstrand und trinken Sangria in der Sonne. In der Realität jedoch bleiben wir lieber zu Hause und warten, bis sich das Virus endgültig verzogen hat. Da und dort kommen nochmals Erinnerungen hoch an den Lockdown im März und April, als die Wirtschaft über Nacht narkotisiert wurde.

Für ein paar Wochen haben wir uns in den eigenen vier Wänden eine schöne, neue Welt zusammengesponnen. Seen und Flüsse waren klar, die Luft rein, der Himmel schlierenfrei, Strassen und Züge leer. Wir besannen uns auf die wahren Werte des Lebens. Die Familie, die besten Freunde. Der nette Nachbar, der die Einkaufstaschen mit einem Lächeln vor die Haustür stellt. Der respektvolle Umgang mit den Mitmenschen, die Achtung vor den Pflegeberufen. Das Paradies wirkte ganz nah. Wir statt Gier.

Nur ein paar Wochen später sind wir zurück in der Realität. Die Züge sind wieder voll, auf den Strassen drängeln die Autofahrer genauso unverschämt wie früher, in den Büros reiht sich Sitzung an Sitzung. Wir kaufen wieder selbst ein und ärgern uns über die Senioren an der Kasse, die ihr Kleingeld suchen. Und die Politiker haben längst durchschimmern lassen, dass im Pflegebereich unmöglich mehr Lohn verteilt werden kann, weil die Staatskasse leer ist. So viel ist vom Lockdown übrig geblieben.Noch schlimmer: Wie ein Virus verbreiten sich die geistigen Brandstifter. Es begann schon im Spätfrühling mit einer Inflation an Demonstrationen, die auch in Basel die Gemüter immer noch erhitzen. Demos gegen den Kapitalismus, für das Klima, für Frauen, gegen den Fremdenhass, was auch immer. Ob bewilligt oder unbewilligt, die Leute zieht es auf die Strasse, viele wissen vermutlich nicht einmal, warum sie in der Gruppe der Gutmenschen mitlaufen und für welche Werte sie letztlich einstehen.

Die Respektlosigkeit, die im Umfeld dieser Demos zu sehen und zu spüren ist, sprengt alle Grenzen. Im Namen der Gerechtigkeit und politischer Correctness drängt es die Meute raus, und in der Anonymität der Städte scheint alles erlaubt. Man darf den Verkehr blockieren, sämtliche Corona-Regeln brechen und Leute anpöbeln, wie es einem gerade passt. Schreitet die Polizei ein wie bei der Frauendemo am 14. Juni auf der Johanniterbrücke in Basel und erledigt ihren Job, wird Zeter und Mordio geschrieen. Der Respekt gegenüber Polizeibeamten tendiert gegen null. «Bullenschweine» sind immer zur falschen Zeit am falschen Ort und verhalten sich immer unverhältnismässig, so der Tenor. Die Bilder vom Mob, der gerade mit verbrecherischer Gewalt in Stuttgart wütete, sind noch frisch.

Nicht nur Hass und Hetze gegen Uniformierte vergiften das politische und gesellschaftliche Klima in unserem Land. Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA schwappte die Rassismusdebatte in einer Wucht über den Atlantik, die jedem gesunden Menschenverstand spottete. Nicht falsch verstehen: Rassismus findet im Alltag statt, weltweit, jeden Tag, jede Sekunde. Rassismus beginnt im Kleinen und muss aufs Schärfste verurteilt werden. Aber man kann die Diskussion führen, ohne dass gleich die ganze Welt spinnt.

Erregtes Grundrauschen als Dauerzustand, garniert mit einer Verrohung der Sprache: Dieser Brandbeschleuniger funktioniert bestens.

Es gibt weisse Rassisten, die Unrecht tun. Es gibt aber auch Rassismus gegen Weisse. Es gibt Ausländer sie sind deutlich in der Überzahl –, die sich gerade hier in Basel korrekt verhalten. Es gibt aber auch Ausländer, die sich dumm anstellen und sich nicht einen Deut um Integration scheren. Wer dies festhält, muss kein Rassist sein aber er wird im Handumdrehen als Rassist gegeisselt. Das hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern mit fehlendem Respekt.

Einen entscheidenden Faktor spielen dabei die sozialen Medien. Die Kanäle von Facebook, Twitter und Instagram sorgen für eine Art Nonstop-Empörung im Netz und fördern die Polarisierung in nie gekannter Stärke. Erregtes Grundrauschen als Dauerzustand, garniert mit einer Verrohung der Sprache: Dieser Brandbeschleuniger funktioniert bestens. 24 Stunden am Tag. Ein falscher Gast im «Arena»-Talk am Freitagabend beim Schweizer Fernsehen? Schon bricht in der digitalen Welt die Hölle los. Ein bissiger Eintrag einer Influencerin auf Instagram, weil sie sich über Demonstranten ärgerte, die die Innenstadt stundenlang blockiert hatten? Schon kündigt ein Staatsunternehmen wie die Post die Zusammenarbeit auf. Es ist so viel einfacher, mainstreamkonforme Antworten zu geben. Das spart eine Menge Ärger. Mittlerweile fürchten sich sogar die grossen Konzerne vor dem sogenannten Shitstorm im Netz. Nur so ist es zu erklären, dass die Migros in Zürich ihre Mohrenköpfe aus den Regalen verbannte und 60000 Papiersäcke mit angeblich sexistischen Motiven einstampfte.

Wer in der Debatte um Schwarze, Weisse, Sexisten, Mohrenköpfe oder Ausländer vernünftig argumentiert und abwägt, wird nicht mehr erhört, sondern geht im Internetmob unter überstimmt auch von Linken aus Politik und Medien, die sich zunehmend als Spaltpilze und Schreihälse entlarven und damit eine generelle Brutalisierung befeuern. Zu denken geben muss auch ein weiterer Aspekt: So schnell sich Hass und Hetze über Andersdenkenden entladen können, so schnell legt sich die Aufregung wieder. Die Rassismusdiskussion droht bereits wieder im Sand zu verlaufen, das Reizwort Mohrenkopf hat ausgedient. Das zeigt, wie oberflächlich und flüchtig die sozialen Medien sind. Doch für die geistigen Brandstifter bilden sie die ideale Plattform zum Zündeln.

Respekt heisst auch Höflichkeit, Toleranz und Fairness. Sie bilden die Basis einer funktionierenden Gesellschaft. Im Lockdown sind sie endgültig verloren gegangen.