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Vatikanische SkandalbewältigungDie Lüge von «Uncle Ted»

Der Heilige Stuhl findet nach zweijähriger Recherche in den eigenen Archiven den Schuldigen im Missbrauchsfall des früheren New Yorker Kardinals Theodore E. McCarrick.

Karriere trotz aller Gerüchte und Geschichten: Der frühere Kardinal Theodore Edgar McCarrick, 90 Jahre alt, in einer Aufnahme aus dem Jahr 2015.
Karriere trotz aller Gerüchte und Geschichten: Der frühere Kardinal Theodore Edgar McCarrick, 90 Jahre alt, in einer Aufnahme aus dem Jahr 2015.
Foto: Robert Franklin (KEYSTONE)

Ein bisschen Selbstkritik, etwas Scham und viel angebliche Ohnmacht. In einem 449 Seiten langen Bericht schaut der Vatikan zurück auf seinen Umgang mit dem früheren Kardinal und Erzbischof von Washington, Theodore Edgar McCarrick, 90, der trotz Gerüchten und Geschichten über sein sexuelles Vergehen an jungen Männern eine steile Karriere machen konnte in der katholischen Kirche. 2019, nachdem auch der Missbrauch von Minderjährigen bekannt geworden war, wurde er nach einem kirchenrechtlichen Verfahren aus dem Priesterstand entlassen – Höchststrafe für einen Kleriker.

«Blutende Wunde», «unsägliche Tragödie»

Zwei Jahre lang hat das Staatssekretariat auf Anweisung von Papst Franziskus die Archive aller relevanten Institutionen durchforstet, um Verantwortlichkeiten zu suchen. Mehr als neunzig Zeugen habe man angehört, die Interviews hätten von einer bis dreissig Stunden gedauert. Das Fazit: Es ist einiges schiefgelaufen, der Fall McCarrick bleibt eine «blutende Wunde», eine «unsägliche Tragödie». Aber konkrete Schuld trägt niemand, jedenfalls keiner der drei Päpste, die in der einen oder anderen Form mit dem New Yorker Prälaten zu tun hatten. Sie wurden von Mitarbeitern getäuscht, einmal sogar offen belogen von McCarrick selbst.

Brisant ist dabei natürlich vor allem der Blick auf das Pontifikat von Johannes Paul II. In dessen Zeit fielen die wichtigsten Beförderungen des «weitherum als pastoral, intelligent und eifrig» bekannten Bischofs von Metuchen (ab 1981) und Newark (ab 1986). Ende 2000 wurde er Erzbischof von Washington D.C. und kurz darauf Kardinal, obschon es Anschuldigungen gegeben hatte.

Im Strandhaus mit dem Prälaten

«Uncle Ted», wie sich McCarrick in den 80er-Jahren selber nannte und auch gerne nennen liess, bahnte immer wieder Kontakte zu Priesterseminaristen an, um sie ins Bett zu bringen. Er lud sie ein in ein Strandhaus in New Jersey, immer nahm er einen jungen Mann mehr mit, als das Haus Betten hatte: Der ohne Bett musste beim Erzbischof übernachten. Auf Dienstreisen nahm er oft Knaben im Highschool-Alter mit. Er nannte sie «meine Neffen».

Erwiesen war nichts. Doch 1999 schrieb Kardinal John Joseph O’Connor dem Apostolischen Nuntius in den USA einen Brief, in dem er die vielen Geschichten zusammenfasste und von einer Promotion McCarricks abriet. Der Brief gelangte zu Johannes Paul II., der McCarrick, den er gut kannte und auch für sein Talent als Spendensammler schätzte, tatsächlich von der Kandidatenliste strich. Nur kurz allerdings, dann änderte er seine Meinung. Warum nur?

Der Brief in eigener Sache

In den Archiven fanden die Rechercheure unter anderem einen Brief McCarricks aus dem August 2000 – an Johannes Pauls treuen Privatsekretär, Stanislaw Dziwisz. Darin stand: «In den siebzig Jahren meines Lebens hatte ich nie sexuelle Beziehungen, weder mit einem Mann noch einer Frau, jung noch alt, Kleriker noch Laie.» Die Lüge schien den Polen überzeugt zu haben.

Benedikt XVI. wollte, kaum war er Papst geworden, McCarrick für zwei weitere Jahre im Amt bestätigen, so wichtig war der geworden, so mächtig. Spitzenpolitiker suchten McCarricks Rat, für die Diplomatie des Vatikans war er zentral. Doch dann wurden neue Einzelheiten eines alten Missbrauchsfalls bekannt, die den Papst dazu bewegten, seinen Mann in Washington zu einem «freiwilligen» Rücktritt zu drängen. An Ostern 2006 trat McCarrick als Erzbischof zurück.

Systematischer Machtmissbrauch

Doch entgegen der Anmahnung von Benedikt, sich auch aus dem öffentlichen Leben der Kirche zurückzuziehen, reiste McCarrick munter weiter, traf Leute, nahm Missionen an, sammelte Geld. Erst 2018 holte ihn seine Geschichte ein. Der Journalist Rod Dreher präsentierte Zeugen und Gerichtsdokumente, die belegten, dass McCarrick seit den 1970er-Jahren systematisch seine hohe Position ausgenutzt hatte, um Priesteranwärter, Seminaristen, darunter mindestens zwei Minderjährige, sexuell auszubeuten. Immer wieder habe er Opfer oder Zeugen zum Schweigen gebracht und seinen Einfluss genutzt, um Ermittlungen zu verhindern.

Papst Franziskus sorgte dann dafür, dass er Amt und Würde verlor. Im Vatikan will man aus der «traurigen Geschichte» gelernt haben. Das würden die Massnahmen zeigen, die der Papst nach dem Gipfel zum Schutz der Minderjährigen 2019 ergriffen habe. Sie seien auf den Fall McCarrick zurückzuführen.

12 Kommentare
    Cardinaux Edouard

    Solche Exzesse bestehen fast ausschliesslich in der katholischen Kirche. Warum nur?