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«Domestic Fiction» aus England Die Kunst des Unspektakulären

«Zwei und zwei», der Roman der Britin Tessa Hadley, wirbelt zwei Paare durcheinander. Wer passt zu wem, und welches Leben passt überhaupt zu uns?

Tessa Hadley schreibt Romane über menschliche Verwicklungen, wie Alice Munro oder Anne Tyler.
Tessa Hadley schreibt Romane über menschliche Verwicklungen, wie Alice Munro oder Anne Tyler.
Foto: Mark Vessey

Kampa, klar, das ist der Simenon-Verlag. Und, Glücksgriff des Jahres 2019, auch der Olga-Tokarczuk-Verlag. Aber Verleger Daniel Kampa bemüht sich auch um die englische Literatur. So hat er William Boyd in seinem Programm. Und neuerdings Tessa Hadley. Die kennt hier noch niemand, aber Kampa will – getreu der guten Diogenes-Tradition, keine Bücher, sondern Autoren zu verlegen – uns über den aktuellen Roman hinaus künftig mit ihrem ganzen Werk versorgen.

Der aktuelle Roman heisst «Zwei und zwei», und für einmal ist der deutsche Titel besser als der englische, das etwas nichtssagende «Late in the day». Zwei und zwei: Das sind zwei Männer, zwei Frauen, und das erlaubt, wenn man im heterosexuellen Universum bleibt, genau zwei mögliche Kombinationen. Die werden auch ausgespielt. Zusammen bilden die vier ein Freundschaftsquartett, und das verfolgt die Autorin in Zeitsprüngen über drei Jahrzehnte.

Da ist Alex, der Intellektuelle, ein «mürrischer Prinz», der immer unter seinen Möglichkeiten bleibt, seine literarischen Ambitionen nach einem Gedichtband aufgegeben hat und Lehrer geworden ist. Zachary ist seit dem Internat sein engster Freund; ohne ausgeprägte Begabung für irgendwas, aber reich und mit unerschöpflichem Enthusiasmus ausgestattet, findet er seine Erfüllung als Kunstvermittler mit eigener Galerie. Er heiratet die «göttliche» Lydia, die nichts wirklich kann und tut, sondern einfach da ist und von ihrer Ausstrahlung lebt. Fast blass gegen sie wirkt Christine, Alex’ Frau; aber in ihr spürt man am stärksten Augen, Stimme und Intelligenz der Autorin. Und nur sie findet Sinn und Rettung in der Kunst, der eigenen. In der letzten Szene öffnet sie die Tür zu ihrem Atelier, das sie lange nicht zu betreten gewagt hatte, aus Angst, nicht gut genug zu sein.

Müssen wir unser Leben einer grossen Sache widmen?

Bis dahin ist viel passiert. Lydia war mal wahnsinnig verliebt in Alex, Christine mit Zachary zusammen. Dann sortierten sich die Paare neu. Passt es so besser? Bleibt es so? Als Zachary überraschend stirbt, bricht die Architektonik des Quartetts zusammen. Auch wenn die drei Übriggebliebenen zusammenziehen: die «verstümmelte Lebensform» funktioniert nicht. Ein neues Paar entsteht, die dritte Person bleibt notgedrungen übrig.

Tessa Hadley (64) schreibt «domestic fiction», wie es Alice Munro oder Anne Tyler tun. «Zwei und zwei» ist ihr siebter Roman. Er gewinnt seine Spannung aus der Konstellation der Charaktere – wobei diese Charaktere sich aus solchen Konstellationen erst bilden. Jede Verbindung, die wir eingehen, ob Liebe oder Freundschaft, hebt andere Seiten aus uns hervor – oder bringt sie gar hervor. Zufälle, Augenblicks- und Bauchentscheidungen spielen eine zentrale Rolle. Spiel wird zu Ernst, eine lang währende Besessenheit plötzlich als Verirrung abgetan. Und immer steht die grosse Frage im Raum: Müssen wir unser Leben einer grossen Sache widmen, müssen wir in irgendetwas die Besten sein? Und was, wenn wir das nicht finden?

Ehe bedeutet, dass man trotz aller Häutungen aneinander festhält

Diese Frage stellt sich den Personen drängend mit Mitte Zwanzig, mit Ende Fünfzig haben sie sie vielleicht immer noch nicht beantwortet. Bei Tessa Hadley steht sie nicht dröhnend im Raum, sondern taucht wie en passant in Gesprächen oder Reflexionen auf, die scheinbar ganz anderen Themen gelten. Der osteuropäischen «Kultur der Desillusion» etwa. Oder dem Schuldgefühl, als Touristen und Kunstgeniesser nach Venedig zu reisen, der Stadt, «der ihre Schönheit wie ein Verhängnis am Hals hing».

Solche bestechenden Formulierungen finden sich wie nachlässig über die Seiten gestreut. Überhaupt beherrscht Tessa Hadley die Kunst des Unspektakulären: Sie geht vom Tod, der Leere, aus und blickt (jeweils in den geradzahligen Kapiteln) zurück auf frühere Phasen des Quartetts, des Lebens in der Fülle. In jeder Phase leuchten die Personen in anderem Licht, in jeder beleuchten sie einander neu. Und stellen gerade dadurch ein Bild von etwas her, was so schwer wahrzunehmen und noch schwerer zu vermitteln ist: Dauer. Seit dem Anfang ihrer Beziehung, überlegt Christine, «hatten sie sich beide doch oft gehäutet. Die Ehe bedeutete einfach nur, dass man trotz all dieser Metamorphosen aneinander festhielt. Oder eben nicht.»

Tessa Hadley: Zwei und zwei. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kampa, Zürich 2020. 316 S., ca. 34 Fr.