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Travelnews-Chefin Vanessa BayDie Kapitänin

Vanessa Bay führt als Verwaltungsratschefin das einflussreiche Branchenportal Travelnews. Sie ist eine der wichtigsten Figuren in der Schweizer Reisebranche.

Bernerin mit Wohnsitz Zürich: Vanessa Bay ist als Verwaltungsratspräsidentin des Portals Travelnews eine der wichtigsten Figuren der Schweizer Reisebranche.
Bernerin mit Wohnsitz Zürich: Vanessa Bay ist als Verwaltungsratspräsidentin des Portals Travelnews eine der wichtigsten Figuren der Schweizer Reisebranche.
Foto: Rémy Steiner

Eigentlich hätte Vanessa Bay mit der achtköpfigen Crew von Travelnews gerne im grösseren Rahmen auf den fünften Geburtstag angestossen. Aber zum exzessiven Feiern besteht für die Macher des Newsportals der Schweizer Reisebranche wenig Anlass. «Unsere Leute machen einen super Job. Travelnews.ch verzeichnet dreimal mehr Leser als vor der Corona-Krise», sagt Vanessa Bay. «Doch der publizistische Effort liegt im Widerspruch zu den Erträgen, die wir momentan über Werbung generieren können. Das Geschäft mit Auslandreisen ist ja fast tot.»

Vanessa Bay, 45, amtet seit Mai 2019 als Verwaltungsratspräsidentin von Travelnews. Die Bernerin mit Wohnsitz Zürich gehört zu den wichtigsten Figuren in der Schweizer Reisebranche. Sie selbst würde die Einschätzung nie teilen. Aber in Tat und Wahrheit gibt es in diesem Geschäft nur wenige mit einem so engmaschigen Netzwerk und derart zuverlässigen Kontakten zu Unternehmen, Medien und diversen Institutionen. Die einzige Anerkennung, die Bay gelten lässt: «Ich glaube, ein gutes Gespür zu haben, wenn man Menschen zusammenbringen muss für neue, spannende Projekte.»

Was die Unternehmerin nahbar macht: Sie scheut sich bei Unsicherheiten nicht, Rat einzuholen – und sie stellt ihr Ego beharrlich hinter die Sache. Tugenden, die man bei manchen Herren der Schöpfung in der Branche vermisst.

Von der Redaktorin zur PR-Spezialistin

«Ich wollte mich immer im Tourismus verwirklichen», beschreibt Bay ihren Lebensplan. Nach dem Gymnasium tourte sie durch Südamerika, absolvierte eine Reisebürolehre und die Höhere Fachschule für Tourismus in Luzern, bevor sie für drei Jahre als Redaktorin beim Fachmagazin «Travel Inside» anheuerte.

2005 startete sie zusammen mit «Travel Inside»-Herausgeber Angelo Heuberger die ganz auf touristische Mandate fokussierte Kommunikationsagentur Primcom. Erster Kunde war Qatar Airways. Seit elf Jahren ist Vanessa Bay Besitzerin von Primcom. Neben dem Hauptsitz in der Zürcher Binz kontrolliert sie Tochterfirmen in Wien und Berlin und ein auf Tourismusjournalismus spezialisiertes Unternehmen in Bern. Die Chefin überträgt den insgesamt 15 Mitarbeitenden grösstmögliche Verantwortung, tauscht sich aber intensiv mit ihnen aus.

Das Kundenportfolio von Primcom reicht heute von Reiseveranstaltern wie DER Touristik Suisse (Kuoni) über die Schweizer Jugendherbergen und Campinganbieter bis zu Engadin St. Moritz Tourismus oder den Sorell Hotels.

Primcom gehört ohne Zweifel zu den Schwergewichten unter den auf Reisen und Tourismus spezialisierten Agenturen im Lande. «Ich habe nie mit anderen Branchen geliebäugelt, auch wenn es dort mehr zu verdienen gäbe», bekennt Vanessa Bay.

«Kritischer Journalismus ist hilfreicher als Hofberichterstattung.»

Vanessa Bay, Travelnews

Kommt es zwischen der Besitzerin einer PR-Agentur und der Verwaltungsratschefin eines aufstrebenden Newsportals, das in der gleichen Branche unterwegs ist, zu Interessenkonflikten? «Nein», sagt Vanessa Bay energisch, «wenn unsere Redaktoren im Umfeld von Kunden recherchieren, begrüsse ich das. Kritischer Journalismus ist hilfreicher als Hofberichterstattung.» Ein Beispiel: Als Travelnews Bays damaligen Mandanten Germania, heute Chair, hart anpackte, erwog sie keinen Moment, die Rechercheure zurückzupfeifen.

Bei der Gründung des Newsportals fungierte die frühere Unihockey-Spielerin zusammen mit dem Journalisten Gregor Waser, damals noch in Diensten der AZ Medien (heute CH Media) als treibende Kraft. Der langjährige Kuoni-Kadermann Gianni Moccetti und der Ex-Tamedia-Journalist Raphaël Surber machten aus dem Duo ein Gründungsquartett.

«Es gelang uns, weitere Geldgeber ins Boot zu holen und innerhalb von einem Jahr mit dem neuen Medium online zu gehen.» Sie hätten das Glück gehabt, eine freie Nische zu besetzen, sagt Vanessa Bay, die Touristikmedien hätten damals den Einzug ins digitale Zeitalter noch nicht geschafft gehabt.

«Jetzt sind wir die klare Nummer 1, registrieren 550'000 Visits pro Monat und 11'000 Abonnenten unserer verschiedenen Newsletter, die Primeur-Storys werden von den Leitmedien zitiert.» In Corona-Zeiten, in denen das Interesse an zuverlässigen Informationen über Reisen und Tourismus steigt, erreicht Travelnews ein immer breiteres Publikum.

Auf die Mischung kommt es an

Die von Jean-Claude Raemy geleitete Redaktion achtet auf die Mischung. Nur ein geringer Teil der acht bis zehn täglichen Beiträge richtet sich ausdrücklich an Brancheninsider. «Und wir sind davon abgekommen, immer die Schnellsten sein zu wollen. Manchmal macht es Sinn, eine News eine halbe Stunde zurückzuhalten, dafür aber mit eigenen Recherchen zu bereichern.»

Vanessa Bay hat grossen Respekt vor der Performance ihrer Redaktion und des Verkaufsteams. «Die Krise im Tourismus hat auch uns auf dem falschen Fuss erwischt. Die Werbung ist um fast die Hälfte eingebrochen», erklärt sie. «Wir haben die grossen Investitionen – vor allem in die IT – noch nicht abbezahlt und kämpfen um Liquidität.» In der Branche hat niemand Zweifel, dass die Kapitänin und ihre Führungscrew das Travelnews-Schiff mit Leidenschaft durch die aufgewühlte See lenken werden.

Ferien im Camper-Oldtimer

Schliesslich ist Vanessa Bay aus dem familiären Umfeld Hürden gewohnt. Sie hatte schon als kleines Mädchen gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Ihr Vater Jürg litt an Kinderlähmung und war körperlich stark eingeschränkt. Aber der Architekt und Fotograf liess sich nicht beirren und bereiste die Welt. Unterwegs war er mit Vanessas Mutter Renate und später auch mit den beiden Töchtern im VW-Camper. Den T2 hegt und pflegt die Travelnews-Gründerin wie ihren Augapfel und verbringt fast die gesamten Ferien im rüstigen Oldtimer. «Meine Eltern haben mir das Reisevirus eingepflanzt», sagt sie, «ich werde nie davon loskommen.»

4 Kommentare
    Reto Beat Zellweger

    Schade, dass Frau Bay den Interessenskonflikt als Besitzerin einer PR-Agentur und der Verwaltungsratschefin eines Newsportals selbst nicht sieht. Von unabhängiger Berichterstattung kann in diesem Fall leider nicht der Fall sein. Bei jedem kleinen Blogger/Influencer wird Theater gemacht, dass Werbung nicht ordentlich gekennzeichnet wird. Dabei wird hier nichts anderes - allerdings in ganz grossem Stil - betrieben. Der aufmerksame Leser bemerkt sofort die perfekte Vermarktung der Primcom-Kunden auf Travelnews.

    Hinzu kommt noch ein drittes Standbein die Travelcontent GmbH durch die Frau Bay ihre Kunden unter dem Deckmantel der angeblichen "Freien Redaktion" in der Presse platziert. Die Kennzeichnung der versteckten Werbung fehlt also auf allen Ebene. Eingehüllt im Deckmantel der Unschuld, gibt Frau Bay dem unabhängigen Reisejournalismus den Todesstoss & leider machen viele Medienhäuser bei diesem Spiel mit.

    Und ob es ein Zeichen von Qualitätsjournalismus ist, während der grössten Krise des Tourismus, erstmal zwei Monate lang Kochrezepte zu veröffentlichen ist auch recht fragwürdig.