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Kriegsverbrechen in Afghanistan«Die hatten so eine Blutgier. Psychos. Absolute Psychos»

Eine australische Sondereinheit hat mindestens 39 afghanische Zivilisten getötet. Offenbar geriet das Spezialkommando völlig ausser Kontrolle. Was steckt dahinter? Immer mehr Details kommen ans Licht.

Mitglieder der Australian Special Operations Task Group auf einer Patrouille in Uruzgan, Afghanistan.
Mitglieder der Australian Special Operations Task Group auf einer Patrouille in Uruzgan, Afghanistan.
Foto: Chris Moore (Keystone/EPA)

Australische Spezialeinheiten sollen in Afghanistan Kriegsverbrechen begangenen und dabei mindestens 39 Zivilisten und unbewaffnete Gefangene getötet haben. Das ist das Ergebnis eines Untersuchungsberichtes, der nach vierjährigen Ermittlungen am Donnerstag vorgelegt wurde. Unter anderem hätten hochrangige Befehlshaber junge Soldaten gezwungen, wehrlose Menschen zu töten, erklärte der australische General Angus John Campbell. Die Ergebnisse der Untersuchungen gingen von den schwerwiegendsten Verstössen gegen militärische Verhaltensregeln aus.

Unter den Opfern waren dem Bericht zufolge Gefangene, Bauern und andere afghanische Einheimische. Sie seien vor ihrer Tötung gefangen genommen worden und hätten damit nach internationalem Recht unter besonderem Schutz gestanden. «Es gibt glaubwürdige Informationen darüber, dass neue Soldaten von ihren Kommandanten aufgefordert wurden, einen Gefangenen zu erschiessen, um die erste Tötung als Soldat zu erreichen. Dies wurde blooding genannt», heisst es in dem Bericht, der Vorfälle im Zeitraum von 2005 bis 2016 untersucht hat. Mit der Nachstellung von Kampfszenen mit ausländischen Waffen oder ausländischer Ausrüstung habe die Tötung gerechtfertigt werden sollen.

General Angus Campbell, Oberbefehlshaber der Australian Defence Force (ADF) stellt den Bericht vor, der die Kriegsverbrechen seiner Sondereinheiten zutage förderte.
General Angus Campbell, Oberbefehlshaber der Australian Defence Force (ADF) stellt den Bericht vor, der die Kriegsverbrechen seiner Sondereinheiten zutage förderte.
Foto: Mick Tasikas (Keystone/EPA)

Ans Licht kamen die Untaten ab 2015, als die Militärsoziologin Samantha Crompvoets Interviews mit australischen Sondereinheiten führte. Eigentlich interessierte sich Crompvoets für die Kultur und den Zusammenhalt der Spezialkommandos, doch in den unzähligen Gesprächen erzählten die Soldaten ihr auch von sich aus von den Gräueltaten in Afghanistan. Sie vertrauten der unabhängigen Soziologin offenbar und nutzten die Gelegenheit, um ihre Erlebnisse einer neutralen Person zu berichten.

Die Vorgänge waren demnach auch intern seit langer Zeit heftig umstritten, viele Soldaten sahen durch das Fehlverhalten der Kollegen ihre eigene Ehre und Integrität verletzt. In den Sondereinheiten gilt aber eine Schweigekultur, die Elitetruppen bleiben in engem Kontakt und sprechen eigentlich nur miteinander über ihre Erlebnisse. Die Verbrechen in Afghanistan haben aber offenbar die Grenzen dermassen überschritten, dass viele Soldaten das Schweigen brachen. Sie wollten nicht mehr Komplizen der Kriegsverbrecher sein und hatten wohl die Hoffnung, dass ihre Truppen dadurch wieder auf den richtigen Weg finden.

14-jährige Jugendliche getötet

Crompvoets konnte die Erzählungen zuerst kaum glauben, ihre Recherchen brachten dann aber immer mehr unfassbare Taten zum Vorschein. So erzählten ihr Soldaten, wie eine Sondereinheit zwei 14-jährige Jungen anhielt und kurzerhand beschloss, dass die zivil gekleideten Jugendlichen wohl zu den Taliban gehörten. Den beiden Buben wurde die Kehle durchgeschnitten, andere Mitglieder der Truppe entsorgten die Leichen in einem Fluss. «Diese Sondereinheiten hatten einfach so eine Blutgier. Das waren Psychos. Absolute Psychos», erzählte ein Soldat.

Die Special Operations Task Group (SOTG) wartet auf zwei Mi-17 Helikopter in Kandahar, Afghanistan. In der SOTG waren vor allem Soldaten des 1. und 2. Regiments des SAS vertreten.
Die Special Operations Task Group (SOTG) wartet auf zwei Mi-17 Helikopter in Kandahar, Afghanistan. In der SOTG waren vor allem Soldaten des 1. und 2. Regiments des SAS vertreten.
Foto: Australian Defense Force (Keystone/AP)

Unbewaffnete Verdächtige wurden gemäss anderen Berichten von Soldaten erschossen, obwohl sie sich ergaben. Die Spezialeinheiten hätten in einer Situation einen Mann, der mit hochgestreckten Armen stehen blieb, als «Zielscheibe» missbraucht und ihm zweimal in die Brust geschossen. Beim Vorbeilaufen habe ein Soldat dem Afghanen nochmals in den Kopf geschossen, ohne auch nur anzuhalten.

Crompvoets schreibt in ihrem Bericht, dass in den Sondereinheiten eigene Regeln gelten würden. Das ist zu einem gewissen Grad bekannt und akzeptiert, so haben die Soldaten oft Bärte und Frisuren, die in anderen Einheiten nicht erlaubt wären. Daneben wurden aber auch Kommandostrukturen nicht eingehalten, Rekruten zu lose geführt, Machtmissbrauch war an der Tagesordnung, und gemäss Berichten von ehemaligen Soldaten wurden viele zu häufig an der Front eingesetzt.

Fernsehbilder geben Gewissheit

Ein Bericht des australischen Fernsehsenders ABC förderte zudem eine «Offiziers-Mafia» zutage. Besonders skrupellose Unteroffiziere, welche auch den Respekt von höheren Rängen hatten, gaben offenbar den Ton an. Wer sich ihnen widersetzte, wurde bis zum freiwilligen Austritt gedemütigt, teilweise vor den Augen von Generälen, wie ABC aufzeigt.

Endgültige Gewissheit über die Gräueltaten in Afghanistan gab die ABC-Sendung «Killing Fields» im März. Ein Reporter gelangte an Videomaterial, welches eine Gruppe Elitesoldaten austauschte. Darin war zu sehen, wie ein Afghane in einem Weizenfeld von einem Diensthund gestellt wird. Der Mann ist unbewaffnet, er hat rote Gebetstücher an den Händen. Ein Soldat bittet um die Erlaubnis, denn am Boden liegenden Afghanen «zu erledigen». Kurz darauf sind drei Schüsse zu hören, der Zivilist ist tot und die Soldaten gehen unbekümmert weiter.

Die Anschuldigungen und Berichte von Crompvoets waren mit dem Beitrag plötzlich nicht mehr Gerüchte, Vermutungen oder vermutete Racheakte von enttäuschten Ex-Soldaten, sondern real. Die Bilder schockten Australien und auch das Militär. Nicht aber die Sondereinheiten. Dort wussten alle Bescheid, wie mehrere Soldaten den ABC-Reportern erzählten. Das Regiment sei aber wichtiger als das Individuum und die Integrität des Regiments stehe über allem. Die Fälle wurden innerhalb der Spezialeinheit vertuscht.

Die «Phantome des Dschungels» in Vietnam

Die Sondereinheiten Special Air Service Regiments wurden in Australien 1954 nach dem Vorbild des britischen SAS gegründet. Die ersten Einsätze hatten sie 1965 in Indochina und später im Vietnamkrieg. Heute gibt es offiziell drei solche «Squadrons», die Existenz eines vierten Geschwaders wurde nie offiziell bestätigt. Jede dieser drei Staffeln ist wiederum in drei Einheiten unterteilt: Luft, Wasser und Bodentruppen. Die drei «Squadrons» sind jeweils rotierend für zwölf Monate im Einsatz und werden mit den US Navy Seals oder der deutschen Grenzschutztruppe GSG 9 verglichen – mit diesen und dem britischen SAS trainieren sie auch regelmässig.

Das Logo der australischen Sondereinheiten entspricht jenem des britischen SAS.
Das Logo der australischen Sondereinheiten entspricht jenem des britischen SAS.
Logo: Wikimedia

Im Vietnamkrieg erlangten die australischen SASR erstmals Berühmtheit, sie wurden «ma rung» genannt, «Phantome des Dschungels». Seither sind sie an vielen Orten mit amerikanischen Truppen unterwegs, beispielsweise in Somalia, in den Golfkriegen oder eben in Afghanistan. Von den Bündnispartnern werden sie jeweils geschätzt, amerikanische Generäle lobten die Kampfbereitschaft der SASR in höchsten Tönen. Die Sondereinheiten waren die ersten Australier, welche die USA in ihrer «Operation Enduring Freedom» unterstützte.

Die Elitetruppen tragen zudem auch die Hauptlast des Krieges. In Afghanistan machten sie rund fünf Prozent aller australischen Soldaten aus – die Hälfte aller Gefallenen stammt aber aus ihren Reihen. Sie flogen mit Helikoptern direkt in umkämpfte Gebiete, waren bei Gefechten an vorderster Front, stöberten Taliban auf und befreiten Geiseln. Die Mehrheit von ihnen machte das auf heldenhafte Art und Weise, wie es im ABC-Bericht heisst. Eine Minderheit verlor im blutigen Krieg aber die Orientierung.

Zweite Staffel wird aufgelöst

Die Soldaten sind oft mehrfach ausgezeichnet, doch diese Medaillen werden sie nun teilweise verlieren. Mit der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts wurde beschlossen, die zweite Staffel der SASR komplett zu streichen. Dieses «Squadron» war in Afghanistan zu jenen Zeiten im Einsatz, aus denen die meisten Berichte der Kriegsverbrechen stammen. Auch die rund 90 Soldaten der Staffel müssen um ihre persönlichen Auszeichnungen fürchten und werden für ihre Untaten auch gerichtlich belangt. Die Prozesse könnten sich jahrelang hinziehen.

Militärsoziologin Crompvoets empfiehlt, die Sondereinheiten wieder näher an die Armee zu binden, sodass es keine Subkultur mit eigenen Regeln geben könne. Derzeit trainieren die SASR-Truppen in Perth, während die Kommandostelle in Canberra ist, praktisch auf der anderen Seite des Kontinents. Die Sondereinheiten müssten zurückgeholt und quasi an die kurze Leine genommen werden. Zur Diskussion steht auch, dass die Einheiten aus dem Front-Kampf genommen und wieder als kleine Einsatztruppen zur Aufklärung oder hinter den feindlichen Linien spezifisch eingesetzt werden sollen.

Crompvoets ist aber zuversichtlich, dass der Wandel gelingen kann, wenn die fehlbaren Soldaten aussortiert werden. Die meisten der Whistleblower hätten sich für ihre Kameraden geschämt. Sie habe in den Gesprächen viel Trauer gespürt, Trauer über die Kriegsverbrechen, aber auch, weil der Ruf der Einheit beschädigt wurde. Viele Soldaten der SASR gehörten nicht zu der «hypermaskulinen, blutrünstigen» Sorte und würden eine Veränderung der Kultur begrüssen.

REUTERS/anf

127 Kommentare
    Robert Schacher

    Hier ein paar Stichwörter, welche solche Gräuel ermöglichen:

    Armeen, militärischer Drill, RUAG, Kampfjets, blinder Gehorsam, gesellschaftliche Dekadenz und moralischer Zerfall.

    Das ist der Nährboden, den es auszutrocknen gilt.