Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zu gestörten TäternDie Frage nach dem Warum

Verwirrter Einzeltäter, psychisch krank: So heisst es häufig nach Gewaltverbrechen. Dabei gibt eine etwaige Diagnose nur selten eine Antwort auf das Warum.

Mit seinem SUV tötete ein Mann in Trier diese Woche fünf Menschen. Über seine Motive ist bisher nichts bekannt.
Mit seinem SUV tötete ein Mann in Trier diese Woche fünf Menschen. Über seine Motive ist bisher nichts bekannt.
Foto: Lukas Schulze (Getty Images)

Eine der wichtigsten, am häufigsten gestellten und oft unbeantworteten Fragen nach Gewaltverbrechen ist: Warum? Warum hat der Täter oder die Täterin zur Waffe gegriffen, warum wurde das Opfer so gequält? Warum ist ein 51-jähriger Mann am Dienstag im deutschen Trier in die Fussgängerzone gerast, um möglichst viele Menschen zu treffen? Gegen den Mann ist Haftbefehl erlassen worden. Zuvor war über eine psychiatrische Erkrankung spekuliert worden.

Bei der hektischen Suche nach Gründen und Verantwortung passieren oft Kurzschlüsse – zum Beispiel wenn der Täter einen exotisch klingenden Namen hat oder muslimischen Glaubens ist. Da heisst es dann in Boulevardzeitungen und auf Social Media schnell: Aha, ein Islamist. Stellt sich der Täter als weisser Einheimischer heraus, geht die Suche oft weiter: Verwirrter Einzeltäter, psychisch krank – so heisst es dann häufig. Dabei gibt eine etwaige Diagnose nur selten eine Antwort auf das quälende Warum.

Psychisch krank – was heisst das überhaupt? Nicht viel. Im Laufe seines Lebens fällt jeder Vierte zumindest zeitweise in diese Kategorie. In ihrer Gesamtheit ist dieses Viertel der Bevölkerung nicht mehr und nicht weniger gefährlich als die psychisch Gesunden.

Wenn bei Straftätern schnell über psychische Krankheiten spekuliert wird, stigmatisiert man die vielen Millionen Menschen, die an einer psychischen Krankheit leiden.

Von all den Patientinnen und Patienten in den psychiatrischen Kliniken machen Straftäter nur einen verschwindend geringen Teil aus, etwa ein Prozent. Wenn jedoch bei Straftätern schnell über psychische Krankheiten spekuliert wird, stigmatisiert man die vielen Millionen Menschen, die an einer psychischen Krankheit leiden, und hält so vielleicht manche von ihnen davon ab, in einer Klinik Hilfe zu suchen.

Diese Stigmatisierung ist so gängig und gewissermassen institutionalisiert, dass beispielsweise Berufsanfänger häufig gar nicht erst eine Therapie anfangen, da sie um ihre Karriere fürchten. Ihre Probleme bleiben aber bestehen. Das ist absurd. Wenn man schon meint, vor psychisch Kranken Angst haben zu müssen, dann doch eher vor denen, die keine Therapie machen, die keine Medikamente nehmen, als vor denen, die sich behandeln lassen. Die Mehrheit der Kriminellen wiederum ist nicht psychisch krank, und selbst bei denen, die es sind, muss die Krankheit nicht zwingend etwas mit der Tat zu tun haben.

Auf die Frage nach Gründen, Schuld und Verantwortung ist eine psychiatrische Diagnose daher eine genauso schlechte Antwort wie etwa ein muslimischer Glaube. Hier ohne weitere Informationen Zusammenhänge zu suggerieren, ist diskriminierend.

16 Kommentare
    Martin Cesna

    Für die meisten Straftaten braucht man einen klaren Kopf, muss sich konzentrieren können und oft die Tat auch noch planen.

    Psychisch Kranke sind meist nicht in der Lage dazu. Wer schon Sorgen hat, kann sich nicht mehr gut konzentrieren, wer in seinem Kopf noch andere Dinge hat, ist ebenso in seinem Denken, Planen und Handeln gestört.

    Tja, damit sind wir bei dem, was der Mensch auch noch ist, die meisten nur heimlich in der Phantasie, manche aber real.

    Der überbevölkerte Mond wäre so eine Folge....