Zum Hauptinhalt springen

Pop-BriefingDie Foo Fighters liefern die Medizin gegen die Pandemie

«Medicine at Midnight» ist erstaunlich tanzbar. Ausserdem: Taylor Swift rekonfiguriert ihre Alben, und The KLF machen ihre Musik endlich wieder zugänglich.

Dave Grohl beim Bourbon and Beyond Music Festival im September 2019.
Dave Grohl beim Bourbon and Beyond Music Festival im September 2019.
Foto: Keystone

Das muss man hören

Foo Fighters – «Medicine at Midnight»

Die Geschichte von «Medicine at Midnight», der wohl ersten richtig grossen Rock-Veröffentlichung des Jahres, beginnt vor der Pandemie. Eigentlich sollte das Album schon vor einem Jahr veröffentlicht werden, wurde dann aber auf Eis gelegt, weil Corona wohl die alte Routine von Album-Release und folgender Tour vermasselte. Nun hat sich Foo Fighter Nummer eins, Dave Grohl, entschlossen, die Platte doch rauszulassen. Sie soll die Fans bei Laune halten in der aktuellen Lage. Denn: «Medicine at Midnight» orientiert sich an den Rockbands der Vergangenheit, die Gitarrenmusik tanzbar gemacht haben. Und auch wenn die grossen Überraschungen fehlen: Das Experiment gelingt. Mit knapp über einer halben Stunde und neun Stücken ist das zehnte Studioalbum der Foos angenehm kurz Fans werden nicht enttäuscht sein.

Death From Above 1979 – «One + One»

Ähnlich erwartbar spult sich «One + One» ab, die neue Single des Groove-Rock-Duos Death From Above 1979. Beständigkeit kann ja auch ihr Gutes haben. Ende März kommt das neue Album «Is 4 Lovers».

Cloud Nothings – «Nothing Without You»

Gut vier Wochen früher erscheint «The Shadow I Remember» von Cloud Nothings. Die Indie-Rocker überbrücken bis dahin mit einer weiteren Single und einem Spiel, bei dem man das Band-eigene Tamagotchi pflegen muss. «Nothing Without You» trägt die bekannte Handschrift, flott, aber nicht seicht. So hält man es noch einen Monat aus.

Taylor Swift – «The Ladies Lunching Chapter»

Ist das schon Methode? Pop-Darling Taylor Swift veröffentlicht bereits ihre dritte Playlist mit Songs ihrer beiden letzten Alben «Evermore» und «Folklore». Die «Chapter» genannten thematischen Zusammenstellungen rekontextualisieren die einzelnen Stücke und halten die Sängerin im Gespräch.

Hauschka – «Upstream»

Der deutsche Komponist Volker Bertelmann alias Hauschka hat den Experimentalfilm «Upstream» von Schriftsteller Robert Macfarlane und Regisseur Rob Petit vertont. «Upstream» folgt dem schottischen Fluss Dee von Braemar bis zur Quelle in den Cairngorms, einer der unwirtlichsten Gegenden des britischen Nordens. Der Soundtrack besteht aus zwei längeren, entrückt wirkenden Stücken, die durchaus die hypnotische Wirkung von fliessendem Wasser entwickeln können, und zwei Gedichten: das dem Fluss gewidmete gälische «Uisge Dhè», vorgetragen von Niall Gordàn und «Here the Heart Fills», gesprochen von Julie Fowlis. Untermalt werden die Darbietungen, passend, von Field Recordings.

Ralph Heidel – «Relief»

Eine der schönen Überraschungen ist die EP von Ralph Heidel. Der Berliner Komponist und Multiinstrumentalist bewegt sich auf «Relief» mit beeindruckender Leichtigkeit in den Grenzgebieten von Jazz, Electronica und zeitgenössischer Klassik. Das Resultat ist ein komplexes, aber nicht überforderndes Hörerlebnis.

Delvon Lamarr Organ Trio – «I Told You So»

Nur weil Kollege Hebeisen es vergangene Woche ganz am Rande erwähnte, sei hier noch auf «I Told You So», das zweite Album des Delvon Lamarr Organ Trios hingewiesen. Der funky Instrumental-Sound des Souljazz-Trios aus Seattle mag so gar nicht zu den aktuellen Aussentemperaturen und Wolkendecken passen. Wer hier nicht mit Kopf oder Fuss oder beidem wippt und selig in sich hineingrinst, ist, um es mit den Ärzten zu sagen, tatsächlich unrockbar.

Das Schweizer Fenster

Corona hat der Schweizer Rapszene mit der Absage des «Bounce Cypher» einen Tiefschlag verpasst. Einen kleinen Trost gab es in der letzten «Bounce»-Sendung auf SRF Virus: Der umtriebige Zürcher Lil Bruzy gab nicht nur dort seinen «Cypher 21» zum Besten, er veröffentlichte ihn gleich auch noch als Stream.

Josha Hewitt gab in derselben Sendung seinem Bedauern über den ausgefallenen «Cypher» musikalischen Ausdruck. Zu seinem «Standard 21» gibt es sogar das schnell an der Tankstelle improvisierte Video. Und mit «Heiweh» doppelt der Berner gleich noch nach.

Darüber wird gesprochen

The Weeknd definierte am Sonntag die Halftime Show des Superbowls neu – intimer und ohne Überraschungsgäste.
The Weeknd definierte am Sonntag die Halftime Show des Superbowls neu – intimer und ohne Überraschungsgäste.
Foto: Keystone

Die Halftime Show am Superbowl ist auch in gewöhnlichen Jahren eines der grössten Gesprächsthemen im Pop-Geschäft. Dieses Jahr war die Performance wohl in vielfacher Hinsicht speziell: Zum einen war da der PerformerPop-Sänger The Weeknd hat sich zwar im vergangenen Jahrzehnt ein beachtliches Standing erarbeitet, trägt aber nicht den klingenden Weltruhmnamen wie die Künstlerinnen und Künstler vergangener Jahre. Zum anderen ist die Halftime Show per Definition gross, überbordend, spektakulär. The Weeknd gelang es im Jahr, in dem wegen Corona das Stadion nur zu einem Teil mit Fans gefüllt war, die Halbzeitunterhaltung herunterzukochen. Fast intim sei der Auftritt gewesen, schreibt Jon Caramanica für die «New York Times». Und auch das war anders: The Weeknd trat ohne weitere Superstars auf in anderen Jahren gab es immer wieder einen Überraschungsgast. Immerhin: Ein Schweizer war mit von der Partie.

Das blüht

Eine ganze Neuveröffentlichungswelle der britischen Electro-Legende KLF steht in diesem Jahr an. Das ist nicht ganz neu, denn schon Anfang Januar erschien eine erste Compilation mit altem Material. Es ist deshalb bemerkenswert, weil das Duo Bill Drummond und Jimmy Cauty mit ihrem Rückzug aus dem Musikbusiness 1992 angeblich ihren gesamten Back-Katalog zerstört hatten. Nun folgt mit «Come Down Dawn» eine überarbeitete Version ihres 1990er-Ambient-Meisterwerks «Chill Out». Wohl um weitere Unbill mit Rechtsanwälten zu vermeiden, wurden die nicht lizenzierten Samples entfernt. Das tut dem Hörgenuss kaum Abbruch. «Come Down Dawn» ist die zweite von sechs Veröffentlichungen, die in diesem Jahr erfolgen sollen.

Das Fundstück

Vier Noten tauchen immer wieder auf, wenn es im Film ums Sterben geht. Warum ist das so? Vox ist dem auf den Grund gegangen – und 800 Jahre in die Vergangenheit gereist.

Die Wochentonspur

Der Shortcut zur sonischen Glückseligkeit: mit Anspieltipps einiger Alben hier sowie einem Stück der Kollaboration Badwan/Coxon (John, nicht Graham), neuem von Teenage Fanclub und GusGus sowie Tanzbarem aus den Niederlanden von Tom Trago.

1 Kommentar
    Martin Schwizer

    "Cloudspotter" ist für mich der Anspieltipp auf der neuen Scheibe oder dem Datenstream der Foo Fighters. Falsett und Rock, immer wieder geile Kombi. Dann fehlt mir hier das wirklich tolle neue Album von Steven Wilson (Porcupine Tree). Anspieltipp: 12 things I forgot. Also nicht vergessen.