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Medusa-Statue im öffentlichen RaumDie falsche Frau am falschen Ort

Eine Statue, die in New York den Erfolg der #MeToo-Bewegung darstellen soll, wird nicht nur von Feministinnen heftig kritisiert.

Luciano Garbatis «Medusa with the Head of Perseus» im Collect Pond Park in Manhattan.
Luciano Garbatis «Medusa with the Head of Perseus» im Collect Pond Park in Manhattan.
Foto: Reuters

Die Medusa-Statue auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude in Manhattan, wo im März der Filmmogul Harvey Weinstein wegen Vergewaltigung von Frauen zu 23 Jahren Haft verurteilt wurde, stösst sowohl in feministischen Kreisen als auch bei Kunstkritikern auf Ablehnung. Die Skulptur des argentinischen Künstlers Luciano Garbati ist vor zwölf Jahren entstanden und wurde kürzlich von dem «Art in the Parks Program» der New Yorker Parkbehörde installiert. Sie zeigt eine nackte, junge Frau, die in der rechten Hand den Kopf eines Mannes trägt und in der linken ein Schwert. Ihr Kopf ist voller Schlangen, die bis auf die linke Schulter herabhängen.

Garbati bezieht sich mit seiner Skulptur mit dem Titel «Medusa with the Head of Perseus» auf die antike Mythologie, die er aber radikal umdeutet. Medusa war in der Antike eine betörende Schönheit, die von dem Meeresgott Poseidon vergewaltigt wurde, wie Ovid in seinen «Metamorphosen» berichtet.

Pallas Athene bestrafte danach nicht den Täter, sondern das Opfer und verwandelte Medusa in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren, glühenden Augen und heraushängender Zunge. Ein klassischer Fall von «Victim Blaming». Bei ihrem Anblick erstarrten die Männer fortan zu Stein.

Luciano Garbati macht das Ungeheuer aus der Antike zur Heldin.

Als Perseus, der Sohn des Göttervaters Zeus, Medusa das Haupt abschlagen sollte, riet ihm Athene dazu, sich dem Ungeheuer nur mit einem verspiegelten Schild zu nähern, um nicht in dessen Angesicht blicken zu müssen. Er näherte sich also mit Flügelschuhen und Tarnkappe und schlug Medusa den Kopf ab. Kaum hatte er sie enthauptet, entsprang ihrem Nacken das geflügelte Pferd Pegasus, denn sie war von Poseidon, der vor der Vergewaltigung die Gestalt eines Pferdes eingenommen hatte, schwanger geworden.

Umdeutung des Mythos

Luciano Garbati macht nun das Ungeheuer aus der Antike zur Heldin, die allerdings nicht den Kopf ihres Vergewaltigers in der Hand hält, sondern jenen ihres Mörders Perseus, was nach übereinstimmender Meinung vieler Kritiker wenig Sinn macht. Garbati sagt dazu, dass die traditionellen Medusa-Darstellungen den Frauen mitgeteilt hätten, dass sie selbst schuld seien, wenn sie vergewaltigt würden. Er aber zeige, dass Medusa nach dem Kampf mit Perseus am Leben sei, das sei das Wichtigste.

Für Tirana Burke, eine amerikanische Bürgerrechts- und Menschenrechtsaktivistin, die den Slogan #MeToo 2006 erstmals verwendet hat, steht das Werk vollkommen quer in der Landschaft. Der #MeToo-Bewegung ginge es nicht um Vergeltung oder Rache. Und es gehe ihr auch nicht nur um die Gewalt gegen Frauen, sondern auch gegen Männer und Kinder.

Die Statue reduziere die Bewegung darauf, Männer zu jagen, und zeige obendrein eine Frau, die nicht ihren Vergewaltiger zur Rechenschaft zieht, sondern ihren Mörder. Das sei ein Symbolismus, den #MeToo zuallerletzt brauche.

Der männliche Blick

Viele Frauen stören sich auch an der sexualisierten Darstellung des weiblichen Körpers, der männlichen Schönheitsidealen entspreche. Es sei nicht einzusehen, warum man in New York nun eine weisse, völlig enthaarte Barbiepuppe, die von einem weissen Bildhauer gefertigt worden sei, als Denkmal für eine Frauenbewegung aufstelle. Zudem hätte diese Medusa auch das Haupt des falschen Mannes in der Hand.

Perseus mit dem Medusenhaupt von Benvenuto Cellini, 1554, Loggia dei Lanzi, Florenz.
Perseus mit dem Medusenhaupt von Benvenuto Cellini, 1554, Loggia dei Lanzi, Florenz.
Foto: Paolo Villa, Wikipedia

Für den New Yorker Kritikerstar Jerry Saltz handelt es sich bei Garbatis Medusa bloss um eine idiotische, beliebige und realistische Darstellung einer nackten Frau, die auf keinen Fall vor diesem Gerichtsgebäude in New York stehen sollte. Diese Oh-là-là Monstrosität, wie er sich ausdrückt, werde nun einfach Spiesser auf den Plan rufen, die sich über die Nacktheit aufregen, und ausserdem zu einem Co-Star in unzähligen Selfies werden.

Er nennt das «Public Porn», weil Medusa als Frau, die doch Männer zu Stein erstarren liess, hier dem männlichen Blick ausgeliefert werde. Das Beste an der Statue sei, dass sie am 30. April 2021 wieder abgeräumt werde.

10 Kommentare
    Thomas Läubli

    Die einzige Politische Korrektheit, die hier herrscht, ist diejenige, dass Kulturjournalisten nur noch über Politische Korrektheit schreiben, anstatt dass sie sich besser den interessanten Themen aus der Kulturwelt widmen würden.