Die Entdeckung der Teppich-Diplomatie

Jean-Claude Juncker räumt ein, dass auch Fehler der EU zum Brexit geführt haben könnten. Theresa May empfängt heute Emmanuel Macron. Sie werden wohl über Grenzkontrollen reden – und über eine Stickerei aus dem 11. Jahrhundert.

Auf der Symbolik dürften Kommentatoren noch ausführlich herumreiten: Der Teppich von Bayeux (im Bild ein Ausschnitt), der nach 2020 in England ausgestellt werden soll, zeigt die Eroberung der Insel durch die Normannen

Auf der Symbolik dürften Kommentatoren noch ausführlich herumreiten: Der Teppich von Bayeux (im Bild ein Ausschnitt), der nach 2020 in England ausgestellt werden soll, zeigt die Eroberung der Insel durch die Normannen

Wer der Ansicht ist, die Brexit-­Debatte sei seit Langem schon ins Stadium des rasenden Stillstands eingetreten, durfte sich in den vergangenen Tagen wieder einmal bestätigt fühlen. Bereits letzte Woche hatte Nigel Farage, der frühere Chef der EU-feindlichen Unabhängigkeitspartei (Ukip), ein ­zweites Referendum über den Brexit angeregt, gestern äusserte sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ähnlich.

Sonderlich ernst nehmen muss man beide Wortmeldungen nicht, interessant sind sie trotzdem, zeigen sie doch, wie sehr Brexit-Gegner und -Befürwor­ter inzwischen in ihren jeweiligen Echokammern leben: Beide Seiten gehen offenbar ganz selbstverständlich davon aus, dass eine weitere Abstimmung in ihrem Sinne ausgehen würde.

Für Briten kein Ort zum Wohlfühlen?

Was Juncker betrifft, ist die Forderung Teil einer breiteren Offensive: Bereits vorgestern hatte er den Briten angeboten, wenn sie sich anders besin­nen würden, könnten sie doch noch bleiben. Gestern räumte er sogar ein, die Schuld am Brexit könne auch bei der EU liegen: Die Briten hätten sich in der Union «nie wohlgefühlt», sagte er im Strassburger EU-Parlament, und man habe ihnen «auch vierzig Jahre lang nicht die Gelegenheit gegeben, sich wohlfühlen zu können».

Solch konziliante Töne haben wohl nicht zuletzt auch damit zu tun, dass man in Brüssel allmählich realisiert, was es bedeuten würde, einen der wichtigsten Nettozahler zu verlieren. Der grundvernünftige, auf Anhieb einleuchtende Vorschlag des österreichischen Bundeskanzlers Sebas­tian Kurz, Einnahmeverluste durch Einsparungen zu kompensieren, kann Jean-Claude Juncker kaum schmecken, dürften er und seine Brüsseler Kollegen doch wissen, dass Macht und Ansehen der EU mit deren Fähigkeit, überall in Europa Geld zu verteilen, stehen und fallen.

Zwei, drei oder mehr Modelle?

Wie er dafür zu sorgen gedenkt, dass sich die Briten künftig in der EU wohlfühlen könnten, sagte Juncker freilich nicht. Dabei ist dies natürlich der springende Punkt: Um die Union für Grossbritannien wieder attraktiv zu machen, müsste diese wohl den Weg zu einem Europa der zwei, drei oder mehr Integrationsgrade einschlagen (von «Ge­schwindigkeiten» möchte man in diesem Zusammenhang wegen des damit verbundenen teleologischen Geschichtsbildes lieber nicht reden).

Konkret würde dies bedeuten, dass einige in Brüssel und anderswo von ihrem Traum von den Vereinigten ­Staaten von Europa Abschied nehmen müssten; noch konkreter und in Bezug auf Grossbri­tannien, dass man diesem Sonderrechte zugestehen müsste, darunter wohl nicht zuletzt die vollständige Kontrolle über die eigenen Grenzen.

Vollkommen unrealistisch sind solche Überlegungen nicht: Spanien und die Niederlande haben EU-intern bereits ein Entgegenkommen gegenüber London gefordert; womöglich ist dies ein erstes Anzeichen dafür, dass die Einheitsfront der EU-Länder bröckelt.

Outgesourct dank Geografie

Einer, der ein Europa sehen will, dass sich in die entgegengesetzte Richtung bewegt, nämlich hin zu mehr Integration, ist der französische Präsident Emmanuel Macron. Ihn trifft die britische Premierministerin Theresa May heute in der Militärakademie von Sandhurst westlich von London. Dabei könnten nicht zuletzt die Flüchtlinge zur Sprache kommen, die sich am franzö­sischen Ufer des Ärmelkanals versammeln. Diese wollen nach England, dessen Sprache sie sprechen und dessen relativ flexibler Arbeitsmarkt sie anlockt. Aufgrund seiner geogra­fischen Lage konnte Grossbritannien dieses Problem bisher gewissermassen outsourcen.

Den sogenannten «Dschungel von Calais», einen Komplex von Zeltlagern, in dem zeitweise mehr als neuntausend Migranten vor allem aus Afrika, Pakistan und Afghanistan unter katastrophalen sanitären Verhältnissen hausten, hat die französische Regierung im Oktober 2016 räumen lassen; nun ist Paris bestrebt, derartige Zustände nicht wieder aufkommen zu lassen.

Forderungen aus Frankreich, Grossbritannien solle wenigstens einen Teil der Einreisewilligen aufnehmen, ertönen seit Langem. Macron, so schreiben Londoner Zeitungen nun, werde zumindest einen finanziellen Beitrag verlangen. Die Gelegenheit erscheint aus französischer Sicht günstig, ist ­Theresa May doch in den Brexit-­Verhandlungen auf den guten Willen ihrer europäischen Verhandlungspart­ner ange­wiesen wie kaum ein britischer Premierminister vor ihr. Der Daily Telegraph und der Guardian berichteten über einen Betrag von 44,5 Millionen Pfund, den May Macron zusagen wolle. Im Gegenzug werde Frankreich das Abkommen von Le Touquet erneuern, das es Grossbritannien seit 2004 erlaubt, vorgezogene Einreisekontrollen in den Häfen von Calais, Dünkirchen und Boulogne-sur-Mer vorzunehmen.

Kontinentale Eroberer

Ein wesentlich erfreulicheres Ge­sprächsthema dürfte der Teppich von Bayeux darstellen, ein Kunstwerk aus dem 11. Jahrhundert, das die Einnahme Englands durch den Normannenherzog Wilhelm den Eroberer zeigt, endend in der Schlacht von Hastings 1066. Macron will die Stickerei nach England ausleihen, zum ersten Mal überhaupt.

Zu erwarten ist, dass Kommentatoren in den kommenden Tagen noch ausgiebig auf der Symbolik herumreiten werden: Kontinentale Eroberer nehmen England ein. Auch die Frage, wie das fragile Werk (Länge: 68,38 Meter) transportiert werden kann, dürfte noch zu reden geben. Bereits jetzt meint man, Karikaturen des zusammengerollten Teppichs auf der Schulter eines Zügelmannes vor sich zu sehen. Für Macron ist die Geste ein PR-Coup. Vor 2020 soll der Teppich die Reise über den Kanal allerdings nicht antreten. Ob er dann die EU verlassen wird oder nicht?

Basler Zeitung

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