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Pressestimmen zum StadtcasinoDie Deutschen staunen: «Weltklasse» geht auch unter 100 Millionen

Zeitungen schwärmen vom Konzertbauprojekt von Herzog & de Meuron im Herzen von Basel, manche ziehen einen Vergleich zur Elbphilharmonie. Und was halten unsere Leser vom «neuen» Stadtcasino? Wir starten eine Umfrage.

«Freundlich und einladend wirkt das gesamte Kulturensemble», lobt die «Neue Zürcher Zeitung».
«Freundlich und einladend wirkt das gesamte Kulturensemble», lobt die «Neue Zürcher Zeitung».
Foto: Keystone

Nach den Kostenexplosionen und Verzögerungen beim Bau der Elbphilharmonie in Hamburg stellt die deutsche Presse mit einigem Erstaunen fest, dass es auch anders geht: Herzog & de Meuron, die beiden Basler Stararchitekten, vermögen tatsächlich einen Konzertbau zu realisieren, ohne das Budget in astronomische Sphären wachsen zu lassen (im Fall der Elphi war es fast 1 Milliarde Franken). Die «Süddeutsche Zeitung» formuliert es so: «An den Kostenrahmen haben sich Herzog & de Meuron entgegen ihrem Ruf gehalten, weil er im Gegensatz etwa zur Hamburger Elbphilharmonie von Beginn an mit bürgerlichem Realismus kalkuliert war.»

Die Rede ist vom renovierten, für 77,5 Millionen Franken rundum erneuerten Basler Stadtcasino. Die Eröffnung vor einem Monat ist an Kulturredaktoren im deutschsprachigen Raum nicht unbemerkt vorbeigezogen: Mehrere von ihnen haben die Reise nach Basel auf sich genommen und sparen in ihren Berichten nicht mit Lob.

Der Münchner «Abendzeitung» gefällt der «flirrende Glanz», der durch Spiegel- und Metalloberflächen entsteht.
Der Münchner «Abendzeitung» gefällt der «flirrende Glanz», der durch Spiegel- und Metalloberflächen entsteht.
Foto: Keystone

«Was sich aber zwischen der neuen und der alten Aussenhaut auftut, ist ganz grosse Oper. Intensives Bordeauxrot dominiert das neue Foyer, mächtige Lüster, Spiegel und mattierte Schlagmetallflächen sorgen für flirrenden Glanz. Und schon fühlt man sich in die überbordenden Raumfolgen der Belle Époque zurückversetzt», schwärmt die Münchner «Abendzeitung».

Auch die «Süddeutsche» lässt sich gerne von den Spielereien der Architekten verführen: «Rotsamtene Sitznischen und Scheinvorhänge erinnern an die Separees, die in Operetten oft dem Ehebruch dienen, die Polster aus beigefarbenem Samt rund um das obere Guckloch scheinen einem der Sitzmöbel aus der ‹Fledermaus› oder der ‹Lustigen Witwe› nachempfunden.» Zugleich rechnet die Zeitung Herzog & de Meuron hoch an, dass die Architekten ihrem «Credo» treu geblieben seien, «nicht als Marke, sondern aus dem Geist des jeweiligen Ortes zu bauen».

«An den Kostenrahmen haben sich Herzog & de Meuron entgegen ihrem Ruf gehalten», konstatiert die «Süddeutsche Zeitung».
«An den Kostenrahmen haben sich Herzog & de Meuron entgegen ihrem Ruf gehalten», konstatiert die «Süddeutsche Zeitung».
Foto: Simon Bordier

Die architektonische Zurückhaltung trifft zudem den Nerv der NZZ: « Freundlich und einladend wirkt das gesamte Kulturensemble jetzt, nicht mehr wie Stückwerk – und das, wundersamerweise, gerade durch die nicht kaschierte Stil-Polyfonie der unterschiedlichen Architektursprachen, die dennoch harmonisch zusammenwirken. Das neue alte Stadtcasino fügt sich dem mit einem Understatement ein, das erst recht neugierig macht.»

Wer ein kritisches Wort vermisst zum opulenten Rot und lüsternen Formenspiel in den Foyers wird in den Feuilletons kaum fündig. Dafür aber in den sozialen Medien. «Nun kann man es umtaufen zum Hotspot-Bordell Basel», wird eine Facebook-Kommentatorin vom Portal «architekturbasel.ch» zitiert. Eine deutsche Facebook-Nutzerin lässt wissen: «Also hier in Berlin wär das ein Puff…»

Auch in den sozialen Medien wurde das erweiterte Stadtcasino kommentiert; manche erinnert der Erweiterungsbau an ein Puff.
Auch in den sozialen Medien wurde das erweiterte Stadtcasino kommentiert; manche erinnert der Erweiterungsbau an ein Puff.
Foto: Kostas Maros

Von hiesigen Musikschaffenden und Klassikinteressierten ist hin und wieder zu hören, dass das virtuose Farb-und-Formen-Spiel, das die Architekten im Foyer anstellen, nicht zum Wesen des Hauses – dem historischen Musiksaal – passe. Ein Leser auf «bazonline» kommentiert: «Die Gestaltung der Nebenräume ist aber viel fragwürdiger in ihrer Quasinähe zum Musiksaal, ihrem Pomp und der Umständlichkeit des Erreichens von Garderobe und Toiletten besonders für ältere Konzertbesucher, die einen grossen Teil des Publikums ausmachen. Die Architekten orientierten sich vielleicht an der eindeutigen Bedeutung von ‹Casino›, in jedem Italienischwörterbuch nachzuschlagen…»

Von der Presse positiv hervorgehoben wird, dass sich die Architekten am historischen Musiksaal selbst nicht «versündigt», sondern diesen nach bestem Wissen und Gewissen renoviert haben. Dank der Mitwirkung des bekannten Münchner Akustikbüros Müller-BBM konnte die Akustik gar verbessert werden. «Das gilt freilich vor allem im Piano, bei Antonín Dvořáks gross besetzter Symphonie ‹Aus der Neuen Welt› dagegen hört man im zweiten Teil des Abends, was einst schon Herbert von Karajan am Stadtcasino kritisierte: dass es eine ‹wunderbar klare und frische Resonanz› für kleine Besetzungen biete, bei grossen der Klang aber ‹zum Zerschmettern› neige. Da dröhnt und scheppert es schnell, zumal Ivor Bolton, der Chefdirigent der Basler Sinfoniker, zu einem pathosdampfenden Dirigierstil neigt.» Dies zumindest befindet die «Süddeutsche Zeitung».

Die «Welt» hat die mangelhafte Akustik in der  Elbphilharmonie in Hamburg oft kritisiert. Zum Stadtcasino Basel heisst es in der Zeitung: «Liebe Basler, das ist Weltklasse».
Die «Welt» hat die mangelhafte Akustik in der Elbphilharmonie in Hamburg oft kritisiert. Zum Stadtcasino Basel heisst es in der Zeitung: «Liebe Basler, das ist Weltklasse».
Foto: Thies Raetzke

Die von der Presse angestimmten Hohelieder sind nicht durchwegs für bare Münze zu nehmen, unter ihnen findet sich auch die eine oder andere Doppelbödigkeit. So lässt sich Manuel Brug, Musikredaktor der «Welt», eine Anspielung auf die Querelen rund um die Elbphilharmonie nicht nehmen. Es geht um die akustischen Unzulänglichkeiten des Hamburger Prestigebaus von Herzog & de Meuron. Brug hat diese von Anfang an scharf angeprangert: «Liebe Hamburger, Weltklasse geht leider anders» titelte er nach der Eröffnung des Konzertsaals im Januar 2017.

Sein Urteil über das erneuerte Stadtcasino – das zweite Konzertsaal-Projekt von Herzog & de Meuron – fällt deutlich positiver aus: «Es sieht nach vier Jahren Umbauzeit eigentlich alles aus wie immer, und doch haben Jacques Herzog und Pierre de Meuron natürlich ihre kreativen Fingerabdrücke auch am ertüchtigten Stadtcasino Basel hinterlassen. Das hat ihnen diesmal zwar rückhaltlos Glück gebracht.» Der hintersinnige Titel des Artikels lautet: «Liebe Basler, das ist Weltklasse».

19 Kommentare
    Fritz Kleeberg

    Über die hohen Baukosten und langen Bauzeiten staatlicher Baustellen in Deutschland sollte man sich nicht wundern. Von einer Insiderin habe ich erfahren, dass von diesen Baustellen Gelder abgezweigt werden für andere Zwecke, die man der Öffentlichkeit aber verbergen muß.