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Umgang mit der Corona-PandemieDie Briten als Schlafwandler in der Krise

Boris Johnson kehrt nach seiner Corona-Infektion an die Spitze der Regierung zurück – die muss sich fragen lassen, warum es Grossbritannien so hart trifft.

Die Mediziner vom Royal Gwent Hospital in Newport winken der Bevölkerung, die nun jeden Donnerstagabend für sie klatscht, um sich für die Arbeit während der Pandemie zu bedanken.
Die Mediziner vom Royal Gwent Hospital in Newport winken der Bevölkerung, die nun jeden Donnerstagabend für sie klatscht, um sich für die Arbeit während der Pandemie zu bedanken.
Foto: Matthew Horwood (Getty Images)

Als sich die Briten am Donnerstag eine grosse BBC-Show anschauten, war – zumindest für drei Stunden – die Welt in Ordnung: In der Spendensammelaktion mit Starbesetzung, deren Einnahmen zwei Hilfsorganisationen zugutekamen, trat sogar Prinz William in einem Sketch auf. Am Schluss sah man ihn dann mit der gesamten Familie vor der Haustür – um, wie es die Nation jeden Donnerstagabend tut, all denen zu applaudieren, die in der Corona-Krise ihr Leben riskieren, um andere Menschen zu retten.

Doch die Gute-Laune-Show konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Unzufriedenheit in Grossbritannien wächst über eine Regierung, die ihre selbst gesetzten Ziele in der Krise nicht erreicht und mittlerweile 19’000 Corona-Tote betrauern muss.

Offizielle Todeszahlen dürften weit höher liegen

Wobei schon diese Zahl umstritten ist und weit höher sein dürfte, wie die «Financial Times» meldete: Nach ihren Berechnungen liegt die Zahl der Toten, die mit dem Virus infiziert waren, etwa doppelt so hoch. Die «Financial Times» zählt, anders als die Regierung, zu den offiziell gemeldeten Daten jene Toten hinzu, die in nicht staatlichen Spitälern gestorben sind. Das Nationale Amt für Statistik, das die Regierungsangaben regelmässig korrigiert, meldet zudem, die Zahl der verstorbenen Briten habe in England und Wales in der Woche vor dem 10. April um 75 Prozent höher gelegen als sonst; dies sei «beispiellos».

Mehrere weitere Wochen Stillstand erwartet

Am Montag soll nun Premierminister Boris Johnson wieder die Amtsgeschäfte aufnehmen; er hatte nach einer schweren Corona-Infektion einige Tage auf der Intensivstation eines Londoner Krankenhauses verbringen müssen und sich zuletzt auf dem Landsitz Chequers erholt. Zu Beginn seines Klinikaufenthalts hatten britische Medien ausführlich über ein Machtvakuum spekuliert, denn zumindest die Entscheidung über eine Lockerung der Lockdowns könne nicht ohne den Premier gefällt werden. Seit fünf Wochen sind Kontaktsperren und Geschäftsschliessungen mittlerweile in Kraft, und nach bisherigen Meldungen dürfte das auch noch mehrere Wochen so bleiben, eventuell sogar bis in den Juni hinein.

Dementsprechend titelte der «Daily Telegraph» am Freitag, Johnson werde in der Downing Street ein zerstrittenes Kabinett vorfinden, dessen eine Hälfte schnellstmöglich eine Exit-Strategie fordere, während die andere Hälfte, ebenso wie das wissenschaftliche Beratungsteam, aufgrund ungelöster Probleme bei Schutzkleidung, Tests, Krankenhauspersonal und Ausstattung vor einer Öffnung warne.

Treffen zur Corona-Bewältigung geschwänzt

Die Lektüre, die Johnson während seiner Genesung zu Gesicht bekam, dürfte ebenfalls kaum für gute Stimmung in Chequers gesorgt haben. Denn die öffentliche Stimmung kippte, als am vergangenen Wochenende wichtige Medien politische Breitseiten abfeuerten. Die «Sunday Times» schrieb über «38 Tage, in denen Britannien in die Katastrophe schlafwandelte». Johnson habe lieber Ferien gemacht, als sich mit der Pandemie zu befassen, fünf Treffen des Sicherheitskabinetts zu Corona geschwänzt und die Bedrohung viel zu lange nicht ernst genommen. Der «Guardian» titelte: «Wie konnte es passieren, dass die Antwort Grossbritanniens auf das Virus so falsch war?», und der «Daily Telegraph» meldete, wegen fehlender Schutzausrüstung rieten Schwestern- und Ärzteverbände ihren Mitgliedern mittlerweile, den Dienst zu verweigern, anstatt ihr Leben zu riskieren. Downing Street reagierte auf einige Artikel mit Presseerklärungen und bezeichnete die Angaben als «verzerrt».

Ein Kabinettsmitglied nach dem anderen wurde in die täglichen Pressekonferenzen vorgeschickt, um zu erklären, warum es immer noch zu wenig Schutzausrüstung und Tests für Klinikpersonal, geschweige denn für Mitarbeiter in Alten- und Pflegeheimen gebe, warum viele EU-Länder ihre Sache anscheinend so viel besser machten, warum die Regierung sich nicht an Beschaffungsprojekten der EU beteilige und warum der Gesundheitsminister versprochen habe, spätestens bis zum Monatsende Testkapazitäten für 100’000 Menschen täglich zu organisieren, obgleich er dieses Versprechen offenbar nicht halten könne.

Die Antworten fielen unterschiedlich überzeugend aus. Kabinettsmitglieder widersprachen einander; Gerüchte über einen Hinauswurf des Gesundheitsministers machten die Runde. Und als gebe es nicht genug schlechte Nachrichten, zeigte die BBC einen Report über Altenheime, in denen verzweifelte Mitarbeiter dieselbe Maske zwei Wochen lang tragen, weil ein eklatanter Mangel an notwendiger Ausrüstung herrsche.

Die Teststation in Chessington in der Nähe von London ist eine von 90 Stationen in Grossbritannien. Kritiker bezweifeln, dass damit genug Testmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Die Teststation in Chessington in der Nähe von London ist eine von 90 Stationen in Grossbritannien. Kritiker bezweifeln, dass damit genug Testmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Foto: Toby Melville (Reuters) 

Gesundheitsminister Matt Hancock versuchte schliesslich, zumindest an der Testfront Optimismus zu verbreiten. Noch vor dem Wochenende sollte ein Onlinesystem in Betrieb sein, bei dem sich «Key Workers», also etwa medizinisches Personal, Pfleger, Lehrer, Polizisten oder Gefängnisaufseher, für Corona-Tests anmelden können. Etwa 90 Teststationen sollen im ganzen Land aufgebaut werden, aber es sollen auch Tests für die Anwendung daheim an Menschen ausgeliefert werden, die nicht mobil sind. Bisher mussten Betroffene bis zu 200 Kilometer fahren, um sich testen zu lassen. Ob der Plan funktioniert, wird indes allseits bezweifelt. Am Freitagmorgen meldeten die Medien, dass die Tests für daheim schon nach vier Stunden ausgegangen und die Website für neue Anmeldungen vorläufig geschlossen worden sei.

75 Kommentare
    Hansruedi Balschbacher

    "Weder England noch die USA haben pro 100k Einwohner so hohe Erkrankungszahlen."

    Sind aber beide mit grossen Schritten auf dem besten Weg dazu. Die USA werden Italien in dieser perversen Rangliste noch diese Woche überholen, das UK eventuell auch. dies nun Johnson anlasten zu wollen, ist natürlich Unsinn. Selbst wenn er gewollt hätte, wäre es unmöglich gewesen das Gesundheitssystem in seiner kurzen Amtszeit nachhaltig zu reformieren/verbessern.