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Das Popjahr im RückspiegelDie besten Songs 2020 (Teil 2)

Wir haben auf der ganzen Welt nach Liedern gesucht, die das Jahr überdauern könnten. Abseits von Algorithmen und Hitparaden sind wir auf jede Menge grossartige Musik gestossen. Das Spektrum reicht von ghanaischem Reggae über Mundart-Chansons bis zur elektronischen Indianer-Musik.

Es gab Frauen, die hätten 2020 mehr zu sagen gehabt als Cardi B oder Taylor Swift: Eine davon heisst Georgia Anne Muldrow alias Jyoti.
Es gab Frauen, die hätten 2020 mehr zu sagen gehabt als Cardi B oder Taylor Swift: Eine davon heisst Georgia Anne Muldrow alias Jyoti.
Foto: zvg

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Dino Brandão, Faber, Sophie Hunger: «Ich liebe dich, Faber»

Das Phänomen der Super Group weckte in der Schweiz bisher äusserst ungute Erinnerungen an musikalische Schreckensballungen wie die Büetzer Buebe oder die Vereinigung von Bastian Baker, Pegasus und Stress. Doch nun hat sich im Kultur-Lockdown mit Dino Brandão/Faber/Sophie Hunger eine Super Group formiert, die noch mehr Freude macht als ehedem Peter, Sue & Marc. Besungen wird ausschliesslich die Liebe – und zwar auf Mundart und mit ganz viel wunderbarem Schmalz.

Early James: «It Doesn’t Matter Now»

Eher über die Unmöglichkeit der Liebe sinniert dahingegen Early James in dieser gefühligen Retro-Arbeit, die uns mehr beeindruckt als alles, was uns der weitherum bejubelte Bob Dylan in diesem Jahr vorgestellt hat. Der erst 26-jährige Singer-Songwriter aus Alabama taumelt mit seinem schmirgeligen Gesangsorgan eher an den Abgründen der amerikanischen Folk-Musik.

Sydney Valette: «Bells of January»

Und wenn wir schon in Vintage-Laune und bei den Abgründen sind: Der Pariser Sydney Valette hat eine neue EP veröffentlicht, auf der er sich auf die Zeit der Electronic Body Music und des synthetisierten New Wave der Achtzigerjahre zurückbesann. Auch wenn dies 2020 so einige getan haben: Eine derartige Geschmackssicherheit legte dabei niemand an den Tag.

Stand High Patrol: «Our Own Way»

Ebenfalls aus Frankreich – jedoch aus der Bretagne – stammt das Soundsystem Stand High Patrol, das uns mit diesem schlurfigen Dub-Elektro-Ragga verzückt hat. Es lebe die neue Langsamkeit!

Protomartyr: «The Aphorist»

Gar nicht einfach haben es derzeit die Punks. Wohin bloss mit dem überschäumenden Oppositionsbedürfnis? Dieses lässt sich im Corona-Zeitalter nicht so richtig ausleben, ohne Gefahr zu laufen, in ungute Milieus abzurutschen: Vom Systemkritiker zum Corona-Skeptiker ist es oft nicht weit. Keine solchen Anstalten macht der Ur-Punk Iggy Pop. Dafür hat er die Gruppe Protomartyr unlängst in folgendem Wortlaut geadelt: «The best band we’ve got in America right now.» Das unterstreicht diese auf ihrem formidablen Post-Punk-Werk «Ultimate Success Today», das mirakulös zwischen Wut und Sanftheit wedelt.

The Take Vibe: «Golden Brown»

Gevatter Tod hat 2020 auch vor der Musikwelt nicht kehrtgemacht. Auf seiner Liste standen unter vielen anderen der DAF-Sänger Gabi Delgado, Jazzsaxofonist Lee Konitz, die brasilianischen Musiker Aldir Blanc und Moraes Moreira, Mori Kanté, Ennio Morricone, der japanische Trompeter Toshinori Kondo, Eddie Van Halen, Little Richard, Rapper Ty, Malik B. von The Roots, «Toots» Hibbert, Bad-Brains-Sänger Sid McCray, Juliette Gréco, Manu Dibango, Bill Withers, Blues-Mann Lucky Petterson, Jazzschlagzeuger Jimmy Cobb, Kraftwerk-Gründer Florian Schneider-Esleben, «Aline»-Sänger Christophe, der Industrial- Pionier Genesis P-Orridge oder der in Bern lebende Jazzbassist Reggie Johnson. Nachdem David Paul Greenfield, der Keyboarder der Stranglers, im Mai am Coronavirus gestorben ist, kursiert im Netz eine hübsche Jazzversion von «Golden Brown», dem grössten Hit der Band. Sie stammt von Laurence Mason, der den Tod von Greenfield und der sich jährende Todestag des Dave-Brubeck-Saxofonisten Paul Desmond zum Anlass nahm, eine musikalische Bastelarbeit zu verfertigen. Er schnitt eine Liveversion von Dave Brubecks «Take Five» so raffiniert zurecht, dass daraus eine lustige Jazzkostbarkeit wurde.

Tony Allen, Hugh Masekela: «Agbada Bougou»

Musikhistorisch höchst bestürzend war das Ableben von Tony Allen. Er wird als der Erfinder des Afrobeat in die Geschichte eingehen, dieser fast schon unanständig groovenden Mengung aus Funk, Jazz und afrikanischer Highlife-Musik, die er Ende der Sechzigerjahre zusammen mit Fela Kuti ausheckte. Kurz vor seinem Tod hat Allen das formidable Album «Rejoice» fertiggestellt, das er zusammen mit dem 2018 verstorbenen Trompeter Hugh Masekela eingespielt hat.

Mark Lanegan: «Bleed All Over»

Nicht so gut angekommen in der Musikszene ist 2020 eine Wortmeldung des Spotify-Oberhaupts Daniel Ek. Des Mannes also, der seit je in der Kritik steht, die Musiker auf seinem Portal mit höchst ungünstigen Margen pro Stream abzuspeisen. Dieser Daniel Ek also meinte nun Folgendes: «Man kann nicht alle drei bis vier Jahre einmal Musik aufnehmen und denken, dass das ausreicht.» Die Musikschaffenden müssten kontinuierlich Musik aufnehmen und veröffentlichen, damit etwas herausspringe. Einer, der sich dies schon vor einiger Zeit zu Herzen genommen hat, ist Mark Lanegan. Der Amerikaner haut einen Song nach dem anderen raus. Dieses Mal ist ihm ein – für seine Verhältnisse – fast schon lüpfiger Hit gelungen.

Y-Bayani & Baby Naa and their Band of Enlightenment: «Nsie Nsie»

Die landläufige Meinung ist, dass die Auseinandersetzung mit dem Reggae auf der ganzen Welt in etwa zu den gleichen musikalischen Ergebnissen führt. Das ghanaische Projekt mit dem etwas sperrigen Namen Y-Bayani & Baby Naa and their Band of Enlightenment, Reason & Love hat gezeigt, dass dem nicht zwingend so ist.

Jyoti (Georgia Anne Muldrow): «This Walk»

2020 war das Jahr, in welchem wieder einmal ernsthaft die Frage aufgeworfen wurde, ob es ein Akt der weiblichen Selbstermächtigung sei, wenn anstatt eine männliche Dumpfbacke Cardi B. über ihre Brünstigkeit rappt. Es war das Jahr, in dem gefragt wurde, ob Taylor Swift nun auf einmal eine tiefschürfende, hintergründige Künstlerin sei, weil Indie-Hoheiten wie Bon Iver ihr beim Produzieren ihres gar nicht mal so guten Albums halfen. Dabei gab es so viele Frauen, die 2020 wirklich etwas zu sagen gehabt haben: Während in den USA das soziale Pulverfass von mordenden Polizisten endgültig zum Explodieren gebracht wurde, meditierte etwa die Sängerin Jyoti in ihrem Lied «This Walk» über den Gedanken, dass Gewalt eine Stimme sowohl auslöschen wie auch entzünden kann. Ein betörender Song mit kämpferischem Grundrauschen.

Manuel Stahlberger, Bit Tuner: «Gwitterrägemorge»

Das neue Album von Manuel Stahlberger ist das Beste, Niederschmetterndste, Poetischste, Schlauste, Schaurigste, Hintersinnigste und im besten Sinne Trostloseste, was das Schweizer Musikschaffen in diesem verseuchten Jahr hervorgebracht hat. «I däre Show» heisst es und bündelt Geschichten und Betrachtungen von den Schattenseiten der helvetischen Durchschnittlichkeit. So beklemmend hat sich das Schweizersein noch nie zuvor angefühlt.

79rs Gang: «Needle Don’t Lie»

Wie klingt es, wenn zwei verfeindete Indianerhäuptlinge ihr Kriegsbeil begraben, eine Band gründen, um mit dieser eine neuzeitliche Form der indianischen Mardi-Gras-Musik zu kreieren? Nun, es ist nachzuhören auf dem Album der 79rs Gang. Zu den beiden nun befreundeten Streithähnen gesellten sich Musiker aus dem Umfeld des LCD Soundsystem und Arcade Fire.

Max Prosa: «Donnerschlag»

Er wird weitherum mit Rio Reiser verglichen. Und tatsächlich füllt Max Prosa die Rolle des kritischen Gegenwind-Liedermachers durchaus passabel aus. Sein Lied «Donnerschlag» ist kurz vor der Corona-Krise entstanden. Und wenn er als Prophet genauso viel taugt wie als Sänger, dann – ja dann besteht ein ganz klein bisschen Hoffnung für das gemeine Menschenvolk.

Scúru Fitchádu: «Manus Planus Danus»

Zurück zu den musikalischen Neuerfindungen des Jahres 2020: Auf den Kapverdischen Inseln ist die Funana die Musik, die jede und jeden zum munteren Tanze animiert. Es ist eine fröhliche Musik, die kraft einer Handorgel und eines rhythmisch geschlagenen und geschabten Eisens zum Hüpfen gebracht wird. Doch dann kam der in Portugal lebende Kapverder Scúru Fitchádu daher und knipste der Funana die Sonne aus. Funana-Punk nennt er seine politisch-subversiv aufgeladene Musik.

Lady Blackbird: «Blackbird»

Es war der erste Song, den die Welt von dieser Frau zu hören bekam, und es dürfte der Anbeginn einer langen Liebschaft sein. Die amerikanische Sängerin Lady Blackbird hat sich die Nina-Simone-Bürgerrechtshymne «Blackbird» vorgenommen und bringt in ihrer Deutung den ganzen Schmerz der schwarzen Frau in einer weissen Nachbarschaft zum Ausdruck. Das Original ist 50-jährig und leider noch immer so was von hochaktuell.

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Unsere 200 Lieblingslieder des Jahres 2020 sind auf dieser Spotify-Playlist zusammengefasst.

Wer auch 2021 regelmässig über neue Musik informiert sein will, dem seien die beiden laufend erweiterten Playlists zur Online-Kolumne «Pop-Briefing» empfohlen.