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TV-SerieDie beste «Star Wars»-Geschichte seit langem

Die neue Serie «The Mandalorian» macht gespenstisch vieles richtig.

Kathleen Hildebrand
Der sogenannte Baby Yoda ist eine Figur aus «The Mandalorian».
Der sogenannte Baby Yoda ist eine Figur aus «The Mandalorian».
Foto: PD

Dass der «Star Wars»-Kosmos ein unerschöpflicher Fundus für Geschichten ist, war schon klar, als Luke Skywalker im allerersten Film von 1977 die Bar in Mos Eisley auf Tatooine betrat. Da sassen bunte, kleine, grosse, rüsselige Gestalten und solche mit Hörnern in einem engen Gastraum. Sie lachten, immer ein bisschen fies, und munkelten, es lief coole Musik und jeder schien, wenn schon kein Geheimnis, dann zumindest ein paar finstere Absichten zu haben.

«The Mandalorian» lebt in dieser Halbwelt der galaktischen Gauner, dem «Star Wars» der kleinen Leute, und es ist nicht verwunderlich, dass gerade diese Geschichte die erste richtig gelungene aus dem Franchise seit Jahren ist. Gerade weil sie weit weg spielt von den zentralen Protagonisten der Saga, von Han Solo, Luke Skywalker und Leia Organa, hat sie eine Frische, die all den Prequels, Sequels und Spinoffs im Kino weitgehend fehlte.

Der Mandalorianer, oder «Mando», wie «Star Wars»-Fans die Hauptfigur nennen, ist ein Kopfgeldjäger, und zwar einer von der pragmatischen Sorte. Man muss schliesslich von irgendwas leben. Die Zeit ist nicht einfach: Das Empire ist zusammengebrochen, der Raumschiffsprit teuer und die Aufträge sind rar. Das Gesicht des Mandalorianers sieht man nicht, es steckt unter einem metallenen Helm, den er niemals absetzt, denn so ist es Tradition in seinem Volk, das nach einem beinahe vernichtenden Angriff seit Jahrzehnten in der Diaspora lebt.

Den ersten lukrativen Auftrag seit langem gibt ihm dann Werner Herzog, der hier mit seinem ikonischen deutschen Akzent einen früheren imperialen General spielt. Der Mandalorianer soll eine nicht näher beschriebene Person finden und sie - tot oder lebendig - zurückbringen.

Baby Yoda, der Sympathiegarant

Die Szene, in der Mando diese Person findet - er musste sich durch eine kleine Armee auf einem Wüstenplaneten ballern, um zu ihr vorzudringen - definiert diese Serie. Bis hierhin war «The Mandalorian» einfach sehr gekonnt inszenierte, visuell herausragende «Star Wars»-Hausmannskost mit ramponierten Raumschiffen, beeindruckenden Monstern und öden Planetenoberflächen. Aber als das schwebende Metall-Ei sich öffnet und den Blick freigibt auf «das Kind», da ist es nicht nur um Fans, sondern um höchstwahrscheinlich 99 Prozent der Weltbevölkerung geschehen.

«Das Kind» nämlich ist sehr klein und grün. Es hat spitz zulaufende Schlappohren und enorm grosse schwarze Augen, die vertrauensselig schauen. Es macht sehr niedliche Geräusche und wenn es in Folge zwei eine Eidechse am Stück verschlingt, liebt man es auch dafür. «Das Kind» wurde im Internet sofort «Baby Yoda» getauft, denn es gehört ganz offensichtlich derselben langlebigen Spezies an wie der Jedi-Meister. Offenbar ist es - wahrscheinlich wegen seiner genetischen Disposition zur Handhabung der «Macht» - von grossem Interesse für die Finsterlinge der Galaxis.

Das gewisse Risiko, eine im wörtlichen Sinne gesichtslose und nur aus apokryphen «Star Wars»-Comics bekannte Figur wie den Mandalorianer ins Zentrum einer Big-Budget-Serie zu stellen, wird von diesem Geschöpf mehr als aufgewogen. Baby Yoda ist natürlich ein ganz bewusst kalkulierter Sympathiegarant. Aber eben auch so unfassbar gekonnt gestaltet, dass seiner Weltherrschaft über die Herzen nur die arg verspätete Verfügbarkeit des Plüschmerchandise im Weg stehen könnte.

Mando und Baby Yoda sind, wie viele «Star Wars»-Helden, beide Waisenkinder und verstehen sich sofort. Der Kopfgeldjäger prügelt von nun an jeden weg, der dem Kind in seinem Schwebe-Ei zu nahe kommt. Baby Yoda zaubert mit Hilfe der Macht Mandos Wunden heil und rettet ihn vor einem gewaltigen Wollnashorn. Danach macht der Kleine, ganz erschöpft von der Anstrengung, ein ausgiebiges Schläfchen.

In den acht Folgen der ersten Staffel - eine zweite ist bereits abgedreht - bestehen die beiden ein Abenteuer pro Folge und das ist so schlicht und spannend erzählt, wie man es sich von der märchenhaft-robusten Fantasy-Science-Fiction von «Star Wars» wünscht. Die Frage, die die ersten Folgen zusammenhält, ist nur: Wird Mando Baby Yoda wie beauftragt bei Werner Herzog abliefern? Man mag es sich nicht vorstellen. Aber wie schmerzhaft es bei dem Gedanken in der Magengegend zieht - das zeigt, was für ein tiefes Emotionsreservoir diese grosse, schlichte Serie anzapft.

«The Mandalorian», ab heute auf dem Streamingdienst Disney Plus.