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Analyse zu PandemiefolgenCorona verschärft Konflikte im Nahen Osten

Armut und Korruption, Unruhen und Kriege: Die Pandemie erhöht die Gefahr, dass sich die Probleme verschärfen, die seit Jahren Instabilität bewirken.

Im Krieg mit Schutzmasken: Soldaten und Sicherheitskräfte in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.
Im Krieg mit Schutzmasken: Soldaten und Sicherheitskräfte in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.
Foto: Khaled Abdullah (Reuters)

Geschlossene Moscheen mitten im heiligen Fastenmonat Ramadan, Militärparaden in Teheran, bei denen nicht Raketen vorgeführt werden, sondern Lastwagen, die Desinfektionsmittel versprühen – und die noch vor wenigen Jahren unvorstellbare Ankündigung aus Riad, dass die Ölmonarchie Saudiarabien die Mehrwertsteuer auf 15 Prozent verdreifacht. Es lassen sich zahllose Belege aufführen dafür, dass die Corona-Pandemie auch die arabische Welt und den Iran im Griff hat, die angrenzenden Staaten wie Afghanistan und die Türkei nicht minder. Der Zusammenbruch der Ölpreise aber potenziert die Auswirkungen der Krise noch.

Anders als in Europa hat die erste Infektionswelle in vielen Staaten ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Doch lässt sich bei aller gebotenen Vorsicht schon eines sagen: Die ohnehin labile regionale Architektur gerät ins Rutschen, von den geopolitischen Machtverhältnissen bis zu den engen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verflechtungen. Die Aussicht auf Erholung ist düster und die Gefahr gross, dass sich Probleme verschärfen, die seit Jahren Instabilität bewirken.

Konfrontation zwischen Regionalmächten

Dazu zählen die lang währenden Kriege in Syrien, im Jemen und Libyen, aber auch in Afghanistan und im Irak. Darunterliegend existieren Spannungen entlang konfessioneller, ethnischer und ideologischer Bruchlinien, die sich in der Konfrontation zwischen den Machtblöcken der Region manifestieren – mit dem Iran, Saudiarabien und der Türkei als Führungsmächten sowie Interventionen von aussen. Und nicht zuletzt, für die Menschen vielerorts am schwerwiegendsten, die wirtschaftliche Dauermisere und politische Unruhe.

Kampf gegen das Coronavirus: Die Strassen von Damaskus werden desinfiziert.
Kampf gegen das Coronavirus: Die Strassen von Damaskus werden desinfiziert.
Foto: Omar Sanadiki (Reuters)

Mit Ausnahme der Golfstaaten und Israels haben die wenigsten Staaten der Region Gesundheitssysteme, die dem Umgang mit der Corona-Epidemie gewachsen wären. In Syrien, im Irak und im Jemen, in Afghanistan oder Libyen fehlt es an grundlegender Versorgung.

In den Vierteln von Kairo über Gaza und Bagdad bis Casablanca, wo die verarmten Massen leben, ist der Abstand zwischen den Häusern oft nicht einmal so gross, wie er nun zwischen den Menschen sein sollte, um der Ausbreitung des Virus Einhalt zu gebieten. Schlimmer noch trifft es Millionen Flüchtlinge und Binnenvertriebene, die in völlig überbelegten Lagern oder im Freien unter katastrophalen hygienischen Bedingungen leben müssen.

Verheerend wirken jetzt auch die Folgen schlechter Regierungsführung und Korruption mit der daraus resultierenden Krise der politischen Legitimität. Viele Menschen trauen ihren Regierungen und den staatlichen Institutionen nicht. Sie haben gute Gründe dafür, doch das Virus folgt seiner eigenen unerbittlichen Logik. Zugleich betreiben die autoritären Regimes Seuchenbekämpfung nach politischen Erwägungen, nicht nach medizinischen Notwendigkeiten. Und sie versuchen, die Krise für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Der Ölpreis zerfällt, und der Tourismus darbt

Der Iran vertuschte den Ausbruch, um die Parlamentswahl und den Revolutionstag abhalten zu können. Ägypten macht jeden mundtot, der von den offiziellen Zahlen abweicht, als lasse sich so die Ansteckungsrate drücken. Manche Experten befürchten, die Epidemie könnte in der Region letztlich mehr Menschenleben kosten als all die zahlreichen Kriege der vergangenen Jahrzehnte zusammen.

Der Verfall der Ölpreise und die ungeminderte Abhängigkeit von Energieexporten zwingen jetzt nicht nur die Golfstaaten zu drastischen Sparmassnahmen, die wiederum auf längere Sicht die Zukunftsfähigkeit dieser Petromonarchien infrage stellen. Sie treffen auch Staaten wie Algerien. Und sie schmälern Rücküberweisungen von Arbeitern, die in Ägypten, Jordanien oder im Libanon mehr als ein Zehntel der Wirtschaftsleistung ausmachen und Millionen Familien ernähren.

Auch werden Saudiarabien und die Emirate, die von ihren Devisenreserven zehren, kaum mehr so einspringen, wie sie es noch in jeder Krise getan haben. Und eine weitere wichtige Devisen- und Einnahmequelle vieler Staaten in der Region ist auf absehbare Zeit versiegt: Tourismus. Das trifft Ägypten, Tunesien, Marokko und die Türkei, ebenso die Fluggesellschaften am Golf.

Spannungen statt Zusammenarbeit

Es gibt Beispiele für pragmatische Kooperation, die ein wenig Hoffnung nähren. Die Emirate und Kuwait unterstützten den Iran im Kampf gegen das Coronavirus, die Hamas lässt sich von Israel helfen. Die Krise böte eine Chance, Gesprächskanäle zu öffnen, stille Diplomatie zu betreiben. Doch es überwiegen andere Zeichen.

Der Stellvertreterkrieg in Libyen eskaliert, Friedensbemühungen im Jemen verlaufen im Sand, die nächste Eskalation in der syrischen Provinz Idlib ist nur eine Frage der Zeit. Die Spannungen am Golf und im Irak sind unvermindert hoch. Die Terrormiliz Islamischer Staat versucht, mit neuen Anschlägen die Lage für sich zu nutzen. Israel könnte schon im Sommer Teile des Westjordanlands annektieren. Und die junge Generation, die grosse frustrierte Mehrheit in vielen Ländern des Nahen Ostens, wird sich mehr denn je zuvor jeglicher Perspektiven beraubt fühlen.