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Kommentar zur AbtreibungDer weibliche Körper als Austragungsort ideologischer Feldzüge

Die Proteste gegen das Abtreibungsverbot in Polen reissen nicht ab. Für die Betroffenen ist das Gesetz nichts anderes als Folter.

Polen will Frauen zwingen, Kinder auch bei schweren Missbildungen zu gebären. Demonstration in Danzig.
Polen will Frauen zwingen, Kinder auch bei schweren Missbildungen zu gebären. Demonstration in Danzig.
Foto: Maciej Moskwa (Getty)


Die Nachricht, dass ein ungeborenes Kind mit schwerer Behinderung zur Welt kommen oder gar nach der Geburt lebensunfähig sein wird, ist ein Albtraum. Kein Aussenstehender kann beurteilen, was richtig oder falsch ist. Und erst recht kein Staat. Aber genau das massen sich Polens Verfassungsrichter gerade an. Sie zwingen Frauen, ihre Babys selbst mit schweren Fehlbildungen auszutragen. Das ist Folter, psychische und physische. Mitten in Europa.

Bereits vor dem Urteil hatte Polen eines der striktesten Abtreibungsrechte Europas. Doch die katholische Kirche und die nationalkonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) setzen sich seit Jahren für eine Verschärfung ein. Der neue Entscheid bringt das Land nahe an ein generelles Verbot. Jaroslaw Kaczynski, Chef der PiS und Polens De-facto-Regierungschef, begründet es so: Diese Kinder könnten wenigstens im katholischen Sinne getauft und beerdigt werden und einen Namen bekommen.

Die erzkonservative katholische Kirche im Land ist der Grund des Übels.

In den Ohren vieler Polinnen klingt das wie Hohn. Seit Tagen protestieren sie, unterstützt von Männern, im ganzen Land – trotz Corona-Versammlungsverbot. «Ich wünschte, ich könnte meine Regierung abtreiben», skandieren Frauen. Dass die erzkonservative katholische Kirche im Land der Grund des Übels ist, steht für die Demonstrantinnen ausser Frage.

Polen ist kein Einzelfall. Unter dem Druck der katholischen Kirche und von Evangelikalen verschärfen Staaten weltweit ihre Abtreibungsgesetze. Laut WHO stirbt alle sieben Minuten auf der Welt eine Frau an den Folgen eines illegal und medizinisch nicht korrekt durchgeführten Abbruchs. Alle sieben Minuten.

Doch es geht dabei nicht nur um weibliche Gesundheit. Die reklamierte «Schutzpflicht für das ungeborene Leben» ist immer auch: Entmündigung von Frauen. Bei einer der persönlichsten und schwierigsten Entscheidungen, die eine Frau treffen kann, zählt ihr eigener Wille – nichts.

Oberhalb der persönlichen Ebene stehen die Verschärfungen der Abtreibungsgesetze weltweit sinnbildlich für die immer noch ungleich verteilten Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Die «Babyfabriken» von Menschenhändlern in Nigeria, die systematische Vergewaltigung von Jesidinnen oder aktuell die zum Gebären gezwungenen Polinnen – der weibliche Körper ist Austragungsort ideologischer Feldzüge.

Wer hohe Geburtenraten wünscht, braucht keine Angst vor der Legalisierung von Abtreibungen zu haben.

Wer nun einwendet, die Vorsitzende Richterin in Polen sei aber doch eine Frau, dem sei erwidert: Wer am Ende der oder die Ausführende ist, spielt keine Rolle. Entscheidend ist das System dahinter. Richterin Julia Przylebska gilt als enge Vertraute von PiS-Parteichef Kaczynski, der wiederum der katholischen Kirche sehr nahesteht.

Mit der Wirklichkeit haben Ideologien in der Regel wenig gemein. Und so ist es auch hier: So hart sie auch sein mögen, eines werden alle Verschärfungen von Abtreibungsgesetzen nicht bewirken – weniger Abtreibungen. Die Abbruchrate ist in Ländern mit sehr strengen Gesetzen nicht niedriger als in Ländern mit liberaler Gesetzgebung. Die Frauen gehen stattdessen ins Ausland oder treiben illegal ab.

Wer hohe Geburtenraten wünscht, braucht indes keine Angst vor der Legalisierung von Abtreibungen zu haben. Die beiden europäischen Länder mit den höchsten Geburtenraten, Schweden und Frankreich, unterstützen ungewollt Schwangere auf vielfältige Weise. Dem ungeborenen Leben ist so besser geholfen. Und vor allem – den Frauen und Müttern.

140 Kommentare
    Christine Kistler

    Ich glaube, der Marsch fürs Läbe wurde in dieses Forum verlegt. Macht ihn aber auch nicht überzeugender.