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Überraschung in der OstseeDer Tümpel lebt

Ein Flachmeer voller Algen – die Ostsee gilt als ökologisch tot. Doch beim Bau von immer mehr Windparks, Pipelines und Tunnels wird deutlich: Der Artenreichtum ist enorm. Das hat Konsequenzen für die Nutzung.

Artenreiche Oasen im Binnenmeer locken zahlreiche Fischarten wie diesen Klippenbarsch an.
Artenreiche Oasen im Binnenmeer locken zahlreiche Fischarten wie diesen Klippenbarsch an.
Foto: Imago, Humberg
Flunder über mit Miesmuscheln und Algen bedecktem Meeresboden.
Flunder über mit Miesmuscheln und Algen bedecktem Meeresboden.
IOW / E. Stohr
Aalmutter zwischen Miesmuscheln.
Aalmutter zwischen Miesmuscheln.
IOW / J. Kurth
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Diesen Sommer publizieren wir die besten Reportagen, Interviews und Hintergründe der letzten Monate nochmals. Dieser Artikel erschien erstmals am 13. Juli 2020.

Die Elisabeth Mann Borgese schaukelt über die Wellenberge. Das deutsche Forschungsschiff ist Ende Juni im Fehmarnbelt unterwegs, der Meerenge in der Ostsee zwischen Deutschland und Dänemark. Alexander Darr könnte durch die Bullaugen die verwehte Gischt und erste Brecher erkennen, wenn er denn hinausschauen würde. Der Meeresökologe vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde aber hat seinen Blick gebannt auf einen Bildschirm gerichtet. Dort ist zu sehen, was die Kameras, die das Schiff hinter sich herzieht, am Meeresboden aufnehmen und live in den Kontrollraum übertragen.

Wald im Meer

Was Darr sieht, ist ein Steinriff. Es ist ein Relikt aus der Eiszeit. Vor Tausenden Jahren war die Fläche zwischen Deutschland und Dänemark Festland, in der Steinzeit erstreckten sich dort Wälder, Seen und Flüsse. In der Eiszeit breiteten sich dann Gletscher aus und schoben Geröll vor sich her, von dem Findlinge liegen blieben, also meist einzelne grosse Steine. Als sich die Welt wieder erwärmte, die Eisschilde in Skandinavien abschmolzen und der Meeresspiegel stieg, flutete das Wasser die Landschaft, und das marine Leben zog ein – besonders rund um die grossen Brocken der einstigen Gletscher: Dort siedelten sich Algen, Muscheln und Schwämme an, dort suchen Fische bis heute Schutz und Nahrung.

Auf dem Bildschirm erkennt Darr eine Art Wald im Meer: Die Steine sind flächendeckend mit Grossalgen und Geweihschwämmen überwachsen, die sich wie ein Baum verzweigen. Sie beherbergen Schnecken, Asseln und Fische, welche die Algen abgrasen. Die grasenden Meeresbewohner wiederum locken Raubfische wie Seeskorpione, Klippenbarsche und Lippfische an. Sogar Dorsche sieht Darr immer wieder um die Steine herumschwänzeln, und das, obwohl ihre Bestände in der Ostsee massiv eingebrochen sind.

«Das Ganze ist bunt, sehr artenreich und funktionell von grosser Bedeutung als Biodiversitäts-Hotspot.»

Alexander Darr, Leibniz-Institut für Ostseeforschung

Aber es geht noch weiter die Nahrungskette hinauf: Auch Kegelrobben, Schweinswale und Seevögel werden von den Oasen am Meeresboden angelockt. «Das Ganze ist bunt, sehr artenreich und funktionell von grosser Bedeutung als Biodiversitäts-Hotspot», sagt der 45-Jährige im Telefongespräch von der Brücke der Elisabeth Mann Borgese aus.

Die Ostsee hat eigentlich keinen guten Ruf, was das Leben in ihr angeht. Die vorherrschende Meinung ist: Das Binnenmeer besteht doch nur aus Sand- und Schlickwüste. Es ist grün, schlammig und mehr oder weniger tot, nicht zuletzt, weil sich im salzarmen Brackwasser weniger Arten wohlfühlen als im Salzwasser der Weltmeere oder im Süsswasser der Binnengewässer. «Dieses Denken scheint sich in der Politik und den Genehmigungsbehörden fortzusetzen», sagt der Meeresschutzexperte Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

Geschützte Riffe über geplantem Tunnel

Ein Grund dafür: Bis vor Kurzem war nur wenig bekannt über das Innenleben der Ostsee fernab der Küsten. Die Umweltüberwachung konzentrierte sich lange Zeit fast nur auf die Meeresbecken, die besonders von der Eutrophierung gebeutelt sind, also der Anreicherung von Phosphor und Stickstoff aus Landwirtschaft, Verkehr und Kläranlagen. Diese Nährstoffe lassen ganze Matten an wuchernden, fädigen Algen gedeihen, welche den Meeresboden überwachsen und die dort lebenden Tiere ersticken. «Die flächendeckende Kartierung des Meeresbodens ist erst in den letzten Jahren notwendig geworden durch den gewachsenen Nutzungsdruck», sagt Alexander Darr.

Gemeint sind die Megaprojekte wie Offshore-Windparks, Gaspipelines, Verkehrstunnel. Ironischerweise tragen diese Vorhaben nun dazu bei, das vielfältige Leben in der Ostsee zum Vorschein zu bringen. Natur und Wirtschaft geraten deshalb in Konflikt. Beispiel Fehmarnbelt-Tunnel: Dieser 17 Kilometer lange Absenktunnel soll Deutschland und Dänemark verbinden. Der Baubeginn wurde allerdings immer wieder verschoben und ist aktuell für das kommende Jahr geplant. Allerdings hat sich nun eine handfeste Hürde aufgetan: die Steinriffe.

Immer wieder werden die Forscher überrascht von dem, was sie entdecken.

Taucher im Auftrag des Nabu haben im vergangenen Jahr zwei Riffe nahe der geplanten Trasse entdeckt, woraufhin auch das Umweltministerium aus Schleswig-Holstein das Gebiet untersuchen liess. Es stiess dabei auf ein drittes Riff, das direkt auf dem geplanten Bauabschnitt liegt. Gemäss der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU gelten Steinriffe aber als geschützter Lebensraum.

Für die küstenfernen Meeresschutzgebiete ausserhalb der Zwölfmeilen-Zone Deutschlands hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) erst kürzlich Managementpläne entworfen, um die Ostsee weniger zu verschmutzen und insbesondere Steinriffe zu schützen und wieder aufzubauen. Das Riff, das Alexander Darr Ende Juni im Auftrag des BfN kartiert, liegt etwas westlich des geplanten Ostseetunnels. Es stellte sich heraus, dass es mehr Arten beherbergt und deutlich grösser ist als ursprünglich ausgewiesen. Insgesamt fanden Darr und seine Kollegen bis zu 400 Arten im Fehmarnbelt, die Hälfte von ihnen lebte in den Riffen.

Immer wieder werden die Forscher überrascht von dem, was sie dort entdecken. So fand Darr heraus, dass Makroalgenwälder mit Arten wie dem Blutroten Meerampfer oder dem Zuckertang deutlich tiefer im Wasser wachsen, als noch vor zehn Jahren gedacht. Sie gedeihen in bis zu 21 Meter Wassertiefe. «Damit haben wir nicht gerechnet», sagt Darr.

Sonnenstern auf dem  Meeresboden der Ostsee.
Sonnenstern auf dem Meeresboden der Ostsee.
Foto: Universität Rostock / G. Niedzwiedz

Aber auch unterhalb der Verbreitungsgrenze der dichten Algenbestände setzen sich die Riffe fort. Seenelken, Schwämme, Krabben, sogar einen Sonnenstern hat Darr vergangenes Jahr einmal entdeckt. Es ist ein Seestern mit zwölf Armen, der letztmals in der Ostsee vor 100 Jahren dokumentiert worden war. «Insgesamt ist alles deutlich vielfältiger und bunter, als wir uns das vorgestellt haben», sagt Darr.

Das gilt teilweise auch für die Sandbänke in der Ostsee: Diese sandigen Erhebungen liegen fernab der Küste und heben die dort lebenden Arten buchstäblich aus der sauerstoffarmen Zone heraus. Auch Seevögel nutzen sie gerne zum Rasten. Ein dritter schützenswerter Lebensraum sind die Seegraswiesen im lichtdurchfluteten Flachwasser, die ebenfalls Jungfischen, Muscheln und Seesternen Unterschlupf bieten, während kleine Schnecken und Krebse die bis zu zwei Meter langen Blätter abnagen.

Überbelastung durch Nährstoffe

Am artenreichsten aber sind die Steinriffe. «Da tobt das Leben», sagt Nabu-Experte Kim Detloff. Doch die dortigen Ökosysteme mit zahlreichen Rote-Liste-Arten sind weiterhin insbesondere im Flachwasser durch Eutrophierung bedroht. «Durch die hohe Nährstofffracht wird die natürliche Gemeinschaft durch schnell wachsende, mehrjährige Algen überwuchert, sodass die eigentlich typischen Arten nicht mehr wachsen können», sagt Darr. Aber auch an den Hanglagen lagert sich organisches Material ab, das Muscheln, Seesterne und andere Arten unter sich begräbt.

Im kürzlich vom Bundesumweltministerium herausgegebenen Bericht zur Lage der Natur in Deutschland wird der Zustand der Riffe in der Nord- und Ostsee deshalb als nicht günstig eingestuft. Im Fehmarnbelt, wo Darr mit der Elisabeth Mann Borgese herumschippert, ist die Situation noch vergleichsweise gut, weil die starke Strömung und die Nähe zur Nordsee immer wieder für frische Wasserzufuhr sorgen und keine allzu grossen Ablagerungen zulassen. Ausserdem wird dort kaum gefischt. Ein bis zu 140 Meter breiter Graben im Meeresgrund, wie er für den Ostseetunnel angedacht ist, könnte die relativ unberührte Lage dort aber verändern.

Nicht immer müssen Eingriffe zwangsläufig nur Schaden anrichten. Ein Beispiel sind die Windparks auf See. Rund um die Steinaufschüttungen ihrer Pfeiler haben sich in den vergangenen Jahren künstliche Riffe gebildet, die Makrelen und Kabeljau anziehen, ebenso Schweinswale, Seehunde und Ringelrobben. Auch eine Tunnelröhre dürften die Meeresarten im Laufe der Jahre in Beschlag nehmen. «Irgendetwas wird dann wieder kommen», sagt Detloff. Dennoch, ergänzt er, hätten die natürlichen Riffe einen zigfach höheren Wert für den Naturschutz.

5 Kommentare
    Martin McLaughlin

    Logo hats da Leben. Nach vernünftigem Eingriff in die Natur, erholt sich diese wieder innerhalb recht kurzer Zeit.